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Karlsfeld:Körbe gegen Klischees

Seit zehn Jahren organisieren Christian Steinberger und Andreas Bauer ein Streetball-Turnier in Karlsfeld. Mittel- und Realschüler und Gehörlose nehmen teil und machen nicht nur beste Werbung für Fairplay und Inklusion, sondern auch für den Basketball

Sabrina Hübner geht normalerweise in die 8b der integrativen Samuel-Heinicke-Realschule für Gehörlose in München. An diesem heißen Tag schwitzt sie aber nicht, wie sonst, in einem stickigen Klassenraum. Heute schwitzt sie auf Court 1 des Pausenhofs in Karlsfeld und lächelt. Sabrina hat gerade abgeräumt: ein Trikot in der linken Hand, einen Gutschein für ein Sportgeschäft in der anderen. Sie hatte das beste Händchen, wie es bei den Basketballern heißt, und erzielte die meisten Treffer bei der zehnten Karlsfelder "Streetball Challenge" hinter der Drei-Punkte-Linie. Als der Sportlehrer und Organisator Christian Steinberger ihr nach dem Triumph gratulieren will, schaut Sabrina Hübner ihn verdutzt an. Ihr Lehrer eilt zu Hilfe und übersetzt mit Gebärdensprache, bis sich die sichtbaren Fragezeichen dann doch auflösen. "Genau wegen solcher Momente organisieren wir das Turnier jetzt schon zum zehnten Mal", sagt Steinberger wenig später. Mit anderen Worten: Auf dem Platz sind alle gleich - ganz egal, welche Schule sie besuchen. Das ist die Botschaft hinter dem Sportevent. Und sie scheint sich zu verbreiten: Vor den Finalspielen trommelt ein Lehrer der Realschule Dachau Süd sein Unterstufen-Team noch einmal zusammen. "Hier geht es nicht um das Gewinnen", sagt er und schaut einem seiner Schüler tief in die Augen. Der fragt: "Um was geht es dann?" "Wir haben doch schon gewonnen, weil wir dabei sind." Dieser Satz kommt nicht vom Lehrer, sondern aus dem Mund eines anderen Schülers. Trotz der richtigen Einstellung muss sich das Team der Dachauer Mittelschule Süd im Unterstufen-Finale gegen die Mittelschule Reichenau geschlagen geben.

Die perfekten Zutaten für einen gelungenen zehnten Geburtstag: Kaiserwetter, dazu packende Spiele auf den Basketball-Courts.

(Foto: Toni Heigl)

Der Sieg in der Oberstufe geht an die "Pink Panthers", Realschule Dachau. In erster Linie geht es aber nicht um den Sieg: Die Organisatoren wollen vor allem mit Klischees aufräumen. Mittelschüler sind nicht dumm, wie manch einer vermuten mag. Das zeigt sich auch am Teilnehmerfeld und den wunderbar kreativen Namen. Jemand schon einmal etwas von den Dachauer "Dunkin' Donuts" gehört? Oder von den "Indii Korblegern" aus Indersdorf? Ähnlich spektakulär geht es auch auf dem Platz zu: Pässe durch die Beine des Gegners, No-Look-Anspiele unter dem Korb und Würfe aus sehr frechen Positionen, "out of nowhere", wie es die Amerikaner sagen würden. Großes Kino und gleichzeitig Werbung für den Basketball. Und auch das ist eines der Ziele, die Christian Steinberger und Andreas Bauer mit der jährlichen Ausrichtung verfolgen. Nicht nur im Fernsehen, auch im Schulsport dominiere der Fußball alle anderen Spiele, dieser Entwicklung wollen sie entgegenwirken. Eine Plattform für den Basketball schade da nicht. Deshalb entsteht auch immer ein Film über das Turnier, neudeutsch: "After-Movie". Zu diesem Zweck läuft Andreas Bauer pausenlos mit einer Kamera durch die Reihen, gibt Anweisungen, steigt auf Turnkästen und hält die Höhepunkte fest. Er unterrichtet Sport an der Mittelschule Süd in Dachau, sein Kollege Steinberger in Karlsfeld. Gemeinsam haben die beiden schon seit Wochen nach Sponsoren und Helfern gesucht. Immerhin feiert die Karlsfelder "Streetball Challenge" in diesem Jahr schon den zehnten Geburtstag.

Auf den Fankurven tummeln sich mit Smartphones bewaffnete Jugendliche.

(Foto: Toni Heigl)

Auf dem Weg zu den Streetballfeldern kommt man an einer Kletterwand vorbei. Der Andrang hält sich an diesem sehr heißen Tag aber in Grenzen. Wer der prallen Sonne entkommen will, bewegt sich Richtung Turnhalle. Hier gibt es alles, was das Sportlerherz begehrt: Gurken und Tomaten, Bananen, Äpfel aber auch Wurst- und Käsesemmeln für die kleine Stärkung zwischendurch. Ein richtiger Sportkiosk, den die Schüler selbst betreiben. In der angenehm temperierten Turnhalle wird fleißig trainiert. An der Freiwurflinie, beim Slalom-Lauf oder direkt unter den Basketballkörben. Ein paar Schüler versuchen sich auf Höhe der Mittelinie am Unmöglichen: dem "One-Million-Dollar-Shot". Ein Wurf aus extremer Distanz direkt ins Glück, natürlich aus dem USA. Am Ende dürfen sich drei Schüler mit Losglück an der Mittelinie versuchen. Keiner trifft. Vielleicht liegt es auch daran, dass es statt der versprochenen Million doch nur 50 Euro zu gewinnen gibt.

Eine Kletterwand erlaubt einen exquisiten Blick auf die Duelle der Schüler-Teams.

(Foto: Toni Heigl)

Wie in der amerikanischen Liga werden bei der Siegerehrung auch die besten Spieler ausgezeichnet - in Karlsfeld sind es gleichzeitig die fairsten. Das hat Tradition. Und soll auch 2016 wieder so sein. Erste Anmeldungen für das kommende Turnier gibt es schon. "Die integrative Schule aus München ist auch nächstes Jahr mit dabei", erzählt Christian Steinberger stolz. Dann wird Sabrina Hübner wieder an der Drei-Punkte-Linie stehen.