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Fehlende Kinderbetreuung:Engpass bei Hortplätzen

Die Betreuungseinrichtungen in Karlsfeld sind überlastet und müssen vielen interessierten Eltern absagen. Diese wissen nicht, wohin sie ihre Kinder nach Unterrichtsschluss geben sollen und machen der Gemeinde Vorwürfe

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

Der Aufschrei unter den Eltern der künftigen Grundschüler ist groß. Wo können sie ihre Kinder nach dem Unterricht betreuen lassen? Die Frage ist für viele existenziell. Denn die Mieten in Karlsfeld sind hoch, und bei vielen Einwohnern sind zwei Gehälter nötig, um diese bezahlen zu können. Wenn aber ein Elternteil zu Hause bleiben muss, weil das Kind um 11.15 Uhr aus der Schule kommt, klafft ein Loch in der Haushaltskasse, das kaum gestopft werden kann. Die ersten Familien ziehen bereits die Konsequenzen: Sie ziehen aus Karlsfeld weg.

"Wir sind stark bemüht, eine Lösung zu finden. Es zeichnet sich hier wohl auch eine gute Lösung für die Grundschüler der Verbandsgrundschule ab", so Geschäftsleiter Francesco Cataldo. Wie viele Kinder genau eine Nachmittagsbetreuung nach der Schule brauchen, darüber schweigt die Gemeinde Karlsfeld.

Schon beim ersten Informationsabend an der Verbandsgrundschule wurde den Eltern mitgeteilt, dass es in der Mittagsbetreuung keinen Platz mehr gibt. Das war Anfang März. Kurz darauf machte die Nachricht die Runde, dass es auch "keine Chance auf einen Hortplatz" gibt. "Ich bin schockiert", schrieb eine Mutter in eine Whatsapp-Gruppe. "Uns geht es richtig schlecht. Wir machen uns große Sorgen, wie wir die Betreuung der Kinder und die Berufstätigkeit unter einen Hut bekommen sollen", erklärte eine andere. "Jedes Jahr um diese Zeit die gleiche Panik", wenn es um die Nachmittagsbetreuung gehe, bemerkt jemand. Unterdessen hat eine 41-jährige Mutter herausgefunden, dass die Mittagsbetreuung im Jahr zuvor schon eine Warteliste gehabt haben soll. Der Ruf nach der Gemeinde wird laut. "Wenn es eine gute Struktur gäbe, dürfte es solche Engpässe nicht geben", schimpft eine Chat-Teilnehmerin in der Gruppe. "Schon seit Jahren gehe es nur um Schadensbegrenzung", pflichtet eine andere bei. Der Frust ist groß. "Die Gemeinde tut nicht alles", heißt es in der Whatsapp-Gruppe. Karlsfeld weise jedes Jahr große Neubaugebiete aus und hole so sehr viele Familien nach Karlsfeld, doch die Infrastruktur bleibe auf der Strecke, schimpfen einige Eltern.

Viele haben eine Absage vom Hort kassiert. Auch die 41-jährige Mutter, deren Name nicht genannt werden soll. "Wir haben das schon erwartet", sagt sie. "2014 ist ein geburtenstarker Jahrgang und dann noch der Zuzug." Um am Ende nicht ihren Job kündigen zu müssen, hat sie mit ihrem Mann entschieden, sich woanders eine Wohnung zu suchen. Auf dem Land, wo es problemlos Hortplätze gibt. Sie weiß auch von anderen, die wegziehen wollen.

Das Bayerische Rote Kreuz (BRK) betreibt drei Horte in Karlsfeld: Schatzinsel, Mooshüpfer und Pfiffikus. Sie liegen eher bei der Grundschule an der Krenmoosstraße, aber wenn Not am Mann ist, kommen auch Schüler von der Verbandsgrundschule dorthin. Insgesamt bieten die Einrichtungen 300 Plätze. Aber derzeit sind nicht alle vergeben - trotz Engpass. "Die Lage ist hochkomplex", erklärt BRK-Geschäftsführer Paul Polyfka, der Frust und Ängste der Eltern durchaus verstehen kann. Doch als Träger könne man noch nicht alle Plätze definitiv zusagen. "Bei den Mooshüpfern fehlt noch eine Erzieherin." Erfahrungsgemäß gebe es vor dem kommenden Schuljahr noch einen Wechsel in den Einrichtungen. Erzieherinnen, die nicht zufrieden seien, schauten sich gern nach einem neuen Job um. "Die Verträge für September sind noch nicht alle geschrieben", weiß Polyfka. Sollte die Stelle bei den Mooshüpfern nicht besetzt werden können, habe man Schwierigkeiten, den Vertrag mit den Eltern wieder zu lösen, deshalb warte man lieber ab, bis die Personalfrage geklärt sei. "Wenn die Erzieherin da ist, können wir 14 Kinder mehr aufnehmen."

Dadurch, dass der Pavillon auf dem Gelände der Verbandsgrundschule weggerissen werden musste, habe die Mittagsbetreuung nun deutlich weniger Plätze, erklärt indes Vizebürgermeister Stefan Handl (CSU). Er kennt den Aufruhr unter den Eltern gerade im Karlsfelder Westen, denn auch er wohnt dort. "Wir haben kein Grundstück mehr und damit fehlt die Möglichkeit, etwas zu bauen", sagt er. Doch man habe verhandelt. Es gebe nun eine Lösung in Allach, verkündet Handl. Eine Kooperation mit der Mittagsbetreuung im dortigen Jugendclub. 25 Kinder können in der Einrichtung an der Eversbuschstraße unterkommen. Alles sei unter Dach und Fach. "Wir haben jedem etwas angeboten, der auf der Liste stand." Die Kinder fahren von September an nach der Schule mit dem Bus dorthin. Die Gemeinde hat den Transport bereits organisiert, denn zu Fuß wäre die Mittagsbetreuung zu weit weg. Bezahlen müssen ihn die Eltern. Handl betont: "Das ist keine Pflichtaufgabe der Gemeinde, sondern eine freiwillige Leistung. Dennoch haben wir uns intensiv bemüht, den Bedarf komplett zu decken."

Die 41-jährige Mutter hat das Angebot der Gemeinde auch unterbreitet bekommen. Ihre Entscheidung wegzuziehen, hat das jedoch nicht mehr beeinflusst. "Die Betreuung ist nur bis 16 Uhr", sagt sie. "Das bringt uns nichts. Ich brauche eine Lösung bis 17 Uhr."

© SZ vom 16.06.2020

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