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Karlsfeld:Kettenrasseln

Pascal Fuckerieder, Horst Rieder und Clemens Baumgärtner in München Allach, 2020

Von links: BA-Chef Pascal Fuckerieder, Horst Rieder von Krauss-Maffei Wegmann und der städtische Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Die Anwohner würden die Panzer-Teststrecke von Krauss-Maffei Wegmann gerne los werden. Der Rüstungskonzern selbst will in Allach weitermachen

Von Anita Naujokat, Karlsfeld/Allach/Untermenzing

Dröhnende Panzergeräusche vom Band empfangen die Delegation von Krauss-Maffei Wegmann GmbH & Co. KG (KMW), die sozusagen in Truppenstärke am Dienstagabend zur Sitzung des Bezirksausschusses (BA) eintrifft. Vor dem Eingang zur Aula der Manzo-Grundschule haben sich knapp 30 Anlieger aus der Waldkolonie, Trinkl- und Hackersiedlung versammelt, um gegen den Fortbestand der Panzer-Teststrecke an der Ludwigsfelder Straße, unweit der Karlsfelder Gemeindegrenze, zu demonstrieren. Auf dem Boden liegen Haarbüschel, die einem Hund wegen der Lärm- und Schadstoffbelastung durch die Anlage in den Wohngebieten ausgefallen sein sollen, wie ein Außenstehender erklärt.

Im Inneren erläuterte Horst Rieder, einer der KMW-Geschäftsführer, noch einmal das Ansinnen, die Genehmigung der seit 1964 bestehenden Panzer-Teststrecke immissionsschutzrechtlich auf den neuesten Stand zu bringen. Von den seit 16 Jahren geltenden Betriebszeiten montags bis samstags von 7 bis 20 Uhr rückt der Rüstungskonzern nicht ab, wohl aber von der Anzahl der Testrunden: Nach jetziger Lage dürften die Testfahrer 117 Runden pro Tag drehen, tatsächlich seien es 76, künftig wären es noch 65, bei einer reduzierten Nutzung von vier möglichen auf 2,1 Stunden pro Tag. Das Festhalten an den Betriebszeiten trotz reduzierter Nutzung erklärte Rieder damit, dass man von den Auslieferungszeiten abhängig sei: Sei ein Fahrzeug bestellt, müsse es getestet werden. Und zu den viel kritisierten Samstagszeiten erklärte er, dass im vergangenen Jahr von 52 Samstagen lediglich an 20 Tagen Testbetrieb stattgefunden habe.

Obwohl an diesem Abend eigentlich eher KMW-Stunde sein sollte - das Referat für Gesundheit und Umwelt (RGU) als Genehmigungsbehörde hatte das Verfahren bereits in der Juni-Sitzung vorgestellt - standen vor allem die städtischen Behörden in der Kritik. Grünen-Sprecher Falk Lamkewitz warf dem RGU und dem Planungsreferat anhand mehrerer Punkte "mangelnde Arbeitsqualität" vor. Widersprüche würden unter den Tisch gekehrt. Die Grünen lehnten das gesamte Verfahren "wegen schwerer planungsrechtlicher Mängel ab". So sei noch in einem Schreiben des RGU vom Juni 2018 von einer Ausweitung der Betriebszeiten von 7 bis 17 Uhr auf 7 bis 20 Uhr die Rede, die aber angeblich schon seit 2004 so genehmigt seien. Auch ein Schallgutachten gehe von geringeren Zeiten aus. Bürger kritisierten, dass es keine Transparenz gebe und dass sie bei Rückfragen weder von den städtischen Behörden noch von Krauss-Maffei Wegmann Antworten oder Reaktionen erhalten hätten. Christian Heindl, Leiter der Immissionsschutzbehörde beim RGU, wies ein ums andere Mal darauf hin, dass man sich noch mitten im Verfahren befinde und Bürgeranfragen als Einwendungen aufgefasst habe. Die planungsrechtliche Einordnung des Planungsreferats - reines oder allgemeines Wohngebiet - sei noch nicht abgeschlossen, ebenso die Einzelfallprüfung des Bayerischen Landesamts für Umwelt (LfU), weil der von KMW gestellte Erstantrag 2019 noch modifiziert worden sei.

Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) appellierte an die Beteiligten, auch die Arbeitsplätze nicht aus dem Auge zu verlieren. KMW sei ein solider Arbeitgeber. "Davon haben wir nicht mehr viele in München." Sein Referat habe großes Interesse, die Firma zu halten, zumal es schon "Avancen aus Frankreich" gegeben habe, wo KMW Geschäftsverbindungen hat. Zumal der Konzern auch ein guter Steuerzahler ist, laut Geschäftsführer Rieder zahlte er 170 Millionen Euro Gewerbesteuer in den vergangenen 20 Jahren. Eine Verlagerung der Fertigung würde bis zu 500 der 2000 Arbeitsplätze kosten, und über kurz oder lang gäbe es den Standort München dann nicht mehr. Und dennoch bliebe das Gebiet Industriegelände. Dann mit einer anderen Firma. Betriebsrat Ralf Bergschneider verdeutlichte, dass viele nun Angst um ihre Arbeitsplätze hätten.

Nicht darüber hinweg kamen die Gegner, dass es beim Ortstermin des BA so leise auf der Teststrecke zugegangen sei, als wären "die Panzer auf Puschen" gefahren. Am Morgen darauf sei KMW volle Kanne gefahren. "Es war echt die Hölle", sagte Anwohnerin Susanne Veit. "Als wäre es eine Demo gegen uns." Sie rief den BA dazu auf, sich in seiner noch folgenden Stellungnahme um die Bürger zu kümmern, und lud die "Herrenriege" ein, sich bei ihr selbst ein Bild der Lage zu machen. Ob KMW das macht, blieb offen. Einwendungen können bis zum 6. August erhoben werden. Erörterungstermin ist am 10. September.

© SZ vom 20.07.2020
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