Karlsfeld Irgendwo zwischendrin

Die Karlsfelder Bürgerversammlung war gut besucht, aber nicht jeder harrte die vollen drei Stunden im warmen Festsaal aus.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Rathauschef Stefan Kolbe redet lange, aber sagt wenig über die Probleme der Gemeinde. Wie es um die geplanten höheren Abgaben und die finanzielle Situation steht, muss der Bürger mühsam heraushören

Von Gregor Schiegl, Karlsfeld

Der Schweiß perlt Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) von den Schläfen. Im Bürgerhaus ist es heiß, draußen brütet der Sommer, drinnen sitzen die Bürger und klammern sich ans Weißbier. Es sind nicht so viele wie sonst gekommen, und das liegt nicht nur am Wetter. Die Bürgerversammlung fällt in eine Zeit, die man das große Zwischendrin nennen könnte. Es gibt viele Probleme und Konflikte, aber die einen sind schon ausgefochten (Neue Mitte), die anderen (Streit ums Landschaftsschutzgebiet, die Ausweisung eines neuen Gewerbegebiets) dräuen noch am Horizont, und solange der Blitz noch nicht eingeschlagen hat, lässt Kolbe es weiterdräuen. Carpe diem. Vermutlich ist es die letzte Schönwetterveranstaltung für lange Zeit. Das muss man genießen.

Detailreich legt der Rathauschef dar, was er mit seinem Gemeinderat alles auf die Beine gestellt hat, und es ist erstaunlich, wie man einerseits fast eineinhalb Stunden reden, und andererseits dabei so viel weglassen kann. Kolbe stellt alle neue Rathausmitarbeiter vor bis hin zum mobilen Hausmeister; die erst wenige Wochen zurückliegende Einweihung des von vielen Bürgern immer noch kritisch beurteilten Millionenprojekts "Neue Mitte" findet dagegen nicht mit einem Wort Erwähnung. Vielleicht ist es auch nur ein Versehen.

Auch die Grausamkeiten, die den Bürgern bevorstehen, die höheren Abgaben und Steuern, weil die Gemeinde kaum noch imstande ist, einen genehmigungsfähigen Haushalt vorzulegen, vergisst der Rathauschef anzusprechen. Stattdessen Rückblick auf 2015, das so unerwartet gut lief, dass die Gemeinde im Haushaltsjahr 2016 wohl ohne neue Kreditaufnahmen auskommt. Wüsste man es nicht besser, man könnte glauben, so schlimm, wie sie im Gemeinderat immer sagen, stünde es gar nicht um Karlsfelds Finanzen.

Aber nun kommen millionenschwere Investitionen, die Kolbe als To-do-Liste herunterrattert: 25 Millionen Euro für eine neue Grundschule, vier Millionen für ein neues Kinderhaus, 580 000 Euro für Brandschutzmaßnahmen, 780 000 Euro für den Umbau der Gartenstraße, 650 000 Euro für Grundstückskäufe und eine Viertelmillion für ein neues Wachhaus für die Lebensretter der DLRG am Waldschwaigsee, weil das alte "absolut sanierungsbedürftig" sei. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt.

Kurz wird auch noch die Folie zum geplanten neuen Gewerbegebiet an der Schleißheimer Straße aufgelegt und der Planungsumgriff für das im Kreistag beantragte Landschaftsschutzgebiet, mit dem die Gemeinde den Gewerbegebietsgegnern die Angst zu nehmen sucht, das Bauvorhaben solle der kompletten Verbauung des Mooses den Weg bereiten. Kolbe beteuert, das wolle auch im Gemeinderat keiner. Und an die Adresse des Bundes Naturschutz, der noch mehr Flächen aufgenommen sähe, weist er darauf hin, dass das beantragte Gebiet immerhin 147 Hektar Größe habe. "Fast ein Zehntel des Gemeindegebiets", sagt er. "Das ist beachtlich!"

Der mittlere Tisch klatscht los. Hier sitzen die Gemeinderäte, allen voran Finanzreferent Holger Linde (CSU), der gerne mal vorlegt, um die Bürger mitzureißen. Nicht immer ziehen sie mit, aber ein paar Mal gibt es doch mehr als nur höflichen Applaus. Als Bürgermeister Kolbe verkündet, dass die Gemeinde nun auch ein Modell für soziale Bodennutzung einführen wolle wie die Große Kreisstadt Dachau. Oder als er die Verdienste des zurückgetretenen Verkehrsreferenten Bernd Wanka (CSU) lobt, der noch einmal erwirkt hat, dass das Bundesverkehrsministerium die Untertunnelung der Münchner Straße prüft. Auch für den mehr als 200 engagierte Bürger starken Helferkreis, dessen Engagement der Rathauschef hervorhebt, klatschen alle.

Derzeit leben 357 Flüchtlinge in Karlsfeld. Mit dieser Zahl komme man bestens zurecht, sagt Kolbe. In der Hochstraße am Karlsfelder See ist eine weitere Flüchtlingsunterkunft geplant, aber ob die kommt, ist unklar. "Die Regierung prüft jetzt akribischer." Noch so ein Zwischendrin-Thema.