Karlsfeld Hausgemachte Probleme

Das umfangreiche Gutachten geht auf einen Antrag von Verkehrsreferent Bernd Wanka (CSU) zurück.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Karlsfeld erstickt im Verkehr. Doch zeigt ein Gutachten, dass nicht nur Pendler Lärm und Abgase verursachen, sondern auch die Anwohner. Jetzt sollen die Bürger motiviert werden, auf Fahrrad und Bus umzusteigen

Von Gregor Schiegl, Karlsfeld

Einen Großteil des Autoverkehrs, unter dem die Gemeinde Karlsfeld leidet, verursachen die Karlsfelder selbst. Das geht aus dem Verkehrsgutachten hervor, das Christoph Hessel vom Ingenieurbüro Gevas Humberg & Partner jüngst dem Gemeinderat vorgestellt hat. Bislang sah sich Karlsfeld als Nadelöhr für den Pendelverkehr aus dem gesamten Landkreis nach München in erster Linie als Opfer des Durchgangsverkehrs und damit weitgehend ohnmächtig gegenüber der wachsenden Belastung durch Lärm und Autoabgase. "Aus unserer Sicht kann die Gemeinde sehr wohl etwas verändern", sagte Hessel. CSU-Gemeinderat Andreas Froschmayer und lärmgeplagter Anwohner der Münchner Straße sagte, er habe sich schon fast damit abgefunden, dass "Leben in Karlsfeld ein Leben mit Verkehrsüberlastung" bedeute. Das hat sich geändert: "Meine Zuversicht ist jetzt wieder sehr groß."

Das integrierte Verkehrskonzept sieht ein Bündel verschiedenster Maßnahmen vor, die Rad- und Busverkehr attraktiver machen sollen. Ein dauerhaftes Mobilitätsmanagement soll die Bürger motivieren, vom Auto auf Fahrrad und Bus umzusteigen. Bereits in den Schulen sollen die Kinder künftig angehalten werden, den Schulweg - je nach Altersstufe - zu Fuß, mit Bus, Roller oder mit Rad zurückzulegen, statt sich mit dem Auto bringen zu lassen.

Die Zahlen des Ingenieursbüros zeigen die Problempunkte im Karlsfelder Verkehr deutlich auf: Von den fast 90 000 Fahrten, die in 24 Stunden an den Kontrollpunkten im Gemeindegebiet gezählt wurden, entfielen etwa 37 000 Fahrten auf den Durchgangsverkehr; das entspricht rund 42 Prozent des Gesamtverkehrsaufkommens. 48 Prozent sind Quell- und Zielverkehr, das heißt diese Fahrten enden oder beginnen in Karlsfeld. Die übrigen zehn Prozent entfallen auf den Binnenverkehr.

Auffällig ist auch der hohe Anteil des motorisierten Individualverkehrs. 59 Prozent der Wege in Karlsfeld werden mit dem Auto oder dem Motorrad zurückgelegt, nur 17 Prozent mit dem Fahrrad, neun Prozent zu Fuß und 13 Prozent mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Selbst im Binnenverkehr steigen noch 45 Prozent ins Auto oder aufs Motorrad, 22 Prozent gehen zu Fuß, 31 Prozent fahren mit dem Fahrrad. Gerade in diesem Segment könnte man den Anteil des Radverkehrs noch deutlich steigern, sagte Hessel. Das Konzept sieht auch einen weiteren Ausbau des Bussystems vor. Allerdings sind die Gemeinden gehalten, keine neuen Buslinien einzuführen, bis das übergreifende Verkehrskonzept des Landkreises fertiggestellt ist.

Das Verkehrskonzept fußt nicht nur auf Ideen des Ingenieursbüros. Über Thementische konnten auch die Bürger Vorschläge machen. Außerdem gab es eine Haushaltsbefragung. Die Untertunnelung der Münchner Straße wurde darin als sinnvollste Maßnahme bewertet: 57 Prozent der Befragten sahen darin eine Verbesserungsmöglichkeit für Karlsfelds Verkehrssituation, 27 Prozent glauben nicht, dass das viel bringt. Weitere Forderungen sind Parkmöglichkeiten im zentralen Bereich, Bewohnerparkmöglichkeiten, der Ausbau des Radwegenetzes und ein Ausbau des Busverkehrs. Keinen Bedarf sieht die Mehrheit der befragten Karlsfelder im Ausbau des S-Bahnverkehrs und einer weiteren Verkehrsberuhigung in Wohnstraßen. Auch mit dem Fußwegnetz ist die Mehrheit der Karlsfelder zufrieden.

Das Verkehrsgutachten stieß im Gemeinderat überwiegend auf positive Resonanz. Eine knifflige Frage wird allerdings sein, wie die finanziell klamme Gemeinde die Maßnahmen finanzieren soll, die sich nach grober Schätzung auf rund 800 000 Euro belaufen. "Da kommt einiges zusammen", räumte Verkehrsexperte Christoph Hessel ein. Manche Maßnahmen kosten zwar kein Geld oder werden vom Bund bezahlt. Hessel warnte aber ausdrücklich davor, sich auf diese Punkte zu beschränken. "Das Gesamtsystem wird nur funktionieren, wenn nicht nur ein paar Einzelmaßnahmen herausgepickt werden."