Karlsfeld:Flüchtlingsdorf mit Modellcharakter

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Die neue Asylbewerberunterkunft in Karlsfeld setzt Maßstäbe: Sie soll Vorbild sein für alle weiteren Landkreis-Unterkünfte

Von Gregor Schiegl, Karlsfeld

Es ist eine kleine Mustersiedlung für 186 Flüchtlinge, die mitten in Karlsfeld hinter dem Heizkraftwerk entstanden ist: vier Gebäude in Holzständerbauweise, 31 Wohnungen mit jeweils drei Zimmern für zwei Personen, eigener Küche, Bad und Wohnraum. Das Karlsfelder Projekt setzt ganz neue Standards - und es leitet einen radikalen Kurswechsel bei der Unterbringung von Asylsuchenden im Landkreis ein. Weg von temporären Massen- und Notunterkünften, hin zu kleineren, nachhaltigen Einheiten. Luxuriös ist die Unterkunft nicht. Die Räume sind beengt, entsprechen aber den Standards des sozialen Wohnungsbaus.

Bei der Einweihung der neuen Unterkunft am Freitag erklärte Landrat Stefan Löwl (CSU): "Das ist für mich tatsächlich ein Prototyp. Das wird die Zukunft sein." Von den 900 bis 1300 Flüchtlingen, die der Landkreis in diesem Jahr voraussichtlich unterbringen muss, sollen laut Löwl möglichst alle in Unterkünften nach dem Vorbild Karlsfelds wohnen. In jeder Gemeinde solle eine entsprechende Einrichtung entstehen, in größeren Gemeinden sogar zwei. Die dritte Traglufthalle, die in Dachau an der Theodor-Heuss-Straße stehen soll, werde dennoch errichtet, sagte Löwl. Mittelfristig will er sich aber von der Notunterbringung in Tennis- und Traglufthallen verabschieden.

Asylbewerber Unterkunft

Am Freitag wurde die neue Asylbewerberunterkunft in Karlsfeld eröffnet.

(Foto: Niels P. Joergensen)

In Karlsfeld leben derzeit 288 Flüchtlinge in einer Traglufthalle am Rande des Gewerbegebiets. Dort gibt es kaum Privatsphäre. Die Bewohner, junge, alleinstehende Männer, fühlen sich isoliert und sind frustriert. Immer wieder brechen Konflikte aus. "Die Traglufthalle kann nur eine Notlösung sein", sagte Fabian Baur, Sprecher des Karlsfelder Helferkreises: "Die neue Unterkunft ist eine wahnsinnige Verbesserung." Das Grundstück liegt zentral im Ort, Rathaus und Einkaufsmärkte sind bequem zu Fuß zu erreichen, auch eine Bushaltestelle ist in der Nähe. Das war auch der Gemeinde wichtig, die schon 2013 das Areal zur Verfügung gestellt hat. "Unsere Vorgaben wurden erfüllt", sagte Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU), zufrieden über die Bauweise.

Wie bei einem Fachwerkhaus bestehen die Häuser aus einer Holzkonstruktion, die Zwischenräume wurden mit anderen Materialien aufgefüllt. Die Lebensdauer entspricht angeblich der eines normalen Hauses in Ziegelbauweise. Errichtet wurde die Mustersiedlung vom Münchner Startup REF+. Den Jungunternehmern Manuel Munz und Lars Peter Schäfer lag bei den Planungen daran, Reibungs- und Konfliktpunkte der Bewohner von vornherein zu vermeiden. So hat jede Wohnung einen eigenen Zugang von außen. Ziel sei auch, "eine kommunikative Brücke zwischen den Flüchtlingen und dem Kulturkreis des Gastlandes zu schaffen". Für REF+ ist die Karlsfelder Flüchtlingssiedlung selbst ein Pilotprojekt. Nun hoffen die Unternehmer auf viele Folgeaufträge bei den Kommunen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Auf lange Sicht kosten die errichteten Häuser weniger als die Anmietung von Wohncontainern; die Gemeinde kann sie danach auch für andere Zwecke umnutzen. Vor allem sind die Holzständerbauten erheblich günstiger als die Traglufthallen, wo auch Sicherheitsdienste bezahlt werden müssen. "Damit können wir viel, viel Geld sparen", sagte der Landrat.

Mittlerweile lässt der Druck auf den Landkreis erstmals etwas nach, immer mehr Menschen unterbringen zu müssen. Wie der Landrat am Freitag mitteilte, werden dem Landkreis von kommender Woche an statt 66 Flüchtlingen pro Woche "nur" mehr 40 zugeteilt. "Auf Dauer hätten wir 66 pro Woche auch nicht durchgestanden", sagte Löwl. Von einer echten Entspannung kann dennoch keine Rede sein: "Es bleibt schwierig."

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