Gut Ding will Weile haben – das steht auf einem Plakat an der Eingangstür des neuen Cafés. Am Tag vor der Eröffnung Ende Mai dürften die Betreiber den selbst gewählten Spruch kurz verflucht haben, denn da musste eben noch schnell der Vorplatz gepflastert werden, und die bestellte Siebträgermaschine war auch noch nicht da. Doch als das Café Guth dann an der Karlsfelder Rothschwaige öffnete, hatte sich die Geduldsprobe gelohnt. Betritt man jetzt den 140 Quadratmeter großen Raum, erzählt geschmackvolle Zeitlosigkeit davon, dass manche Dinge eben etwas länger brauchen: Mit viel Liebe zum Detail hat das Ehepaar Berger einen 130 Jahre alten ehemaligen Kuhstall saniert.
Wo einst Rinder standen, warten nun Erdbeertorten, Cafétische und ein Hofladen. Die ins Mauerwerk eingelassenen Ringe der einstigen Anbindehaltung sind noch sichtbar, sie blieben ganz bewusst erhalten. Vier Granitsäulen tragen ein kalksteinverputztes Böhmisches Gewölbe, das überraschende Akustikeffekte hervorbringt – zum Lästern sei das Café nicht geeignet, scherzt die Betreiberin Theresa Berger. Der geölte Eichenboden passt zu den modularen Regalen, in denen Berger regionale Produkte, Kaffee und Töpferwaren anbietet. In einer kleinen Mauernische neben der Eingangstür lag einst das Buch, das den Viehbestand dokumentierte, heute steht hier eine Vase mit Lavendel und getrockneten Distelblüten im Lichtspiel. „Mein Lebenstraum war schon immer, den Hof meiner Familie zu erhalten und etwas aus diesen wunderschönen Räumen zu machen“, sagt die 37-jährige Theresa Berger und rückt einige Holzkörbe mit Erdbeeren im Regal zurecht.


Erbaut wurde der Kuhstall 1895, schon der Name Rothschwaige kündet von der Rinderhaltung, die einst dem Kloster Indersdorf angegliedert war, wie Theresa Bergers Mann Maximilian erzählt. 1919 übernahmen die Vorfahren von Theresa Berger den Hof. Ihre Großeltern beendeten die Rinderhaltung, verkauften die letzten Kühe und begannen mit dem Zuckerrübenanbau. Ihre Eltern fingen schließlich mit dem Beerenanbau an. Vorher jedoch, 1946, musste die Familie ihr Haus zwischenzeitlich verlassen: Die amerikanische Militärregierung hatte verfügt, dass das Gut eine sogenannte Hachschara-Farm werden sollte. Zwei Jahre lang sollten dort junge Holocaust-Überlebende für ein Leben in Palästina landwirtschaftlich ausgebildet werden. Aus dem Gut Rothschwaige wurde der Kibbuz Nizanim. Ein Treuhänder verwaltete es bis 1948, erst dann konnte es die Familie wieder übernehmen. „Diese Zeit ist für uns sehr spannend, aber kaum dokumentiert“, sagt Theresa Berger.
Dass die junge Familie es mit dem Erhalt der historischen Bausubstanz ernst meint, zeigt sich besonders hinter den Kulissen: Auch über der Gastronomieküche thront das Böhmische Gewölbe. Wo gerade eine Mitarbeiterin süßen Erdbeersirup einkocht, hängt in einer Edelstahlaufhängung die Abluftanlage. „Viele haben uns geraten, wenigstens hier hinten die Decke abzuhängen, weil die Gäste diesen Bereich ja eh nicht sehen. Aber wir wollten das Gewölbe eben nicht wieder verdecken – auch nicht in den Räumen, in denen gearbeitet und gekocht wird“, sagt Theresa Berger. Ihr Mann, der in die Familie der Erdbeerbauern eingeheiratet hat, stimmt ihr zu: „Wir wollten den Hof historisch schön erhalten und nicht irgendeinen Neubau-Bunker hinklatschen“, sagt der 34-jährige Ingenieur, der die Bauleitung übernahm und nun erneut studiert, um Landwirt zu werden.
Der heutige Café-Raum birgt für die Betreiberin viele Kindheitserinnerungen. Als die Kühe weg waren, wurde der einstige Stall zum Holzlager. Sie nannten ihn auch Schreinerei. Daran erinnert bis heute die wuchtige hölzerne Werkbank, die neben der Eingangstür steht. Als Mädchen baute Theresa Berger hier Holzschiffchen, die sie auf der nahen Würm schwimmen ließ. Doch seit einem Umbau in den Sechzigerjahren waren große Teile des Gewölbes verdeckt, die Fenster mit rechtwinkligen Rollladenkästen verbaut. Die Bergers wollten wieder die ursprüngliche Substanz ans Tageslicht bringen.
Mit der Ideensammlung zur Sanierung begannen sie vor fünf Jahren und schauten sich mehrere Bauprojekte an. Das Café im Freisinger Diozösanmuseum begeisterte sie in Schlichtheit und Schönheit der Sanierung ebenso wie ein Vierseithof im Hinterland, den ebenfalls das Freisinger Architekurbüro Deppisch geplant hatte. Für die rund gebogenen Stahlfenster suchten die Bergers lange nach einem passenden Handwerker, der diese Spezialanfertigungen übernehmen konnte. Sie hätten die Fenster auch rechtwinklig ausbauen oder auf den kostspieligen Stahlrahmen verzichten können, zumindest in den hinteren Räumen, in den die Erdbeeren von Hand verlesen werden. Doch die Bergers wollten keine halben Sachen machen.
Mit der gleichen Sorgfalt, mit der die Familie das Gebäude instand gesetzt hat, widmet sie sich auch der Landwirtschaft. Neben Erdbeeren bauen Bruder, Ehemann und Vater von Theresa Berger hier Winterweizen, Braugerste, Hafer und Zuckerrüben an. Dabei sei es der Dachauer Moorboden, der den Erdbeeren ein ganz besonderes Aroma gebe, sagt Maximilian Berger. Der Boden ließ damals jedoch auch das Stallgebäude absacken, in dem sich immer mehr Risse zeigten.
Sieben Sorten Erdbeeren baut die Familie an
Anders als auf anderen Höfen setzt man an der Rothschwaige bis heute auf den reinen Freilandanbau – die Erdbeeren werden nicht in Tunneln oder auf Substrat gezogen, sondern liegen auf Stroh auf dem Erdboden. Dreimal mussten Bergers in diesem Frühjahr Vliese zum Frostschutz auslegen und mit Kiessäcken beschweren – eine mühsame Arbeit, um die roten Beeren vor später Kälte zu bewahren. Auch die Frühjahrstrockenheit war eine Herausforderung für die diesjährige Ernte. Das Pfund gepflückte Erdbeeren kostet auf dem Hof 5,20 Euro, ein Kilo für Selbstpflücker 7,90 Euro.
Dabei ist Erdbeere auf diesem Hof nicht gleich Erdbeere. Sieben unterschiedliche Sorten baut die Familie auf rund fünf Hektar an. Wenn Theresa Berger von ihren Lieblingssorten spricht, klingt es, als würde sie Verse eines Gedichts aufsagen, das sie seit Kindheitstagen auswendig kennt. Die Lambarda, die Lieblingssorte ihres Vaters, sei sehr süß und so weich, dass sie für den Einzelhandel gar nicht transportfähig wäre. Die Sorte Sonsation, mit ihrer runden aromatischen Frucht, schmecke leicht säuerlich. Die Asia, ihr Favorit und tiefrot, bilde „so richtig große Bummer“, mit denen werde das Schälchen ganz schnell voll. Und die Malvina, die Spätsorte, von innen und außen rot, beginne in zwei Wochen reif zu werden, erzählt Berger. Während andere Erdbeer-Höfe eine zunehmende Disneyfizierung betreiben und rund um das Obst herum Hüpfburgen, Karussells und Heuballen-Labyrinthe aufbauen, setzt Theresa Berger auf Nachhaltigkeit. Weiteres Entertainment brauche es gar nicht, da vertraue sie voll auf die Beere.
„Das ist gerade die krasseste Zeit unseres Lebens“
Sieben Tage die Woche arbeitet die ganze Familie in der Erdbeersaison, die beiden Kinder sind gerade erst sieben Monate und drei Jahre alt. Sie werden genauso auf dem Erdbeerfeld aufwachsen wie schon Theresa Berger und ihre zwei Geschwister. „Das ist gerade die krasseste Zeit unseres Lebens“, sagt Theresa Berger, die vormittags mit dem Säugling in der Trage arbeitet und zugleich viel im Büro koordiniert. Die studierte Medienwissenschaftlerin hatte zuvor beim Münchner Sozialunternehmen Kuchentratsch gearbeitet und unter anderem Backschichten mit den dort beschäftigten Kuchen-Omas übernommen – eine Erfahrung, von der sie jetzt profitiert.
Wenn die Beerensaison Ende August vorbei ist, wird das Café schließen. „Wir brauchen den Winter, um Kraft zu schöpfen“, sagt Berger. Dann wollen die Bergers den Raum für Firmenveranstaltungen und Events vermieten. Auch Taufgesellschaften oder standesamtliche Hochzeiten könnten hier stattfinden, wenn sie ein eigenes Catering beauftragten. Und dann wollen die Bergers im kommenden Jahr weiterschauen, was die nächste Saison bringt.

