Pandemie gewinnt an Dynamik:Corona-Hotspot in Karlsfeld

Lesezeit: 5 min

Corona Testzentrum

Die Corona-Teststation in Markt Indersdorf ist ab Montag wieder aktiv. Die Dynamik der Pandemie im Landkreis nahm zuletzt wieder zu, angefacht durch Reiserückkehrer und den Ausbruch in einem Karlsfelder Pflegeheim.

(Foto: JOERGENSEN.COM)

In einem Pflegeheim haben sich mindestens 14 Bewohner mit dem Virus infiziert. Kurz zuvor hat der Landkreis die Reaktivierung des Covid-19-Testzentrums in Indersdorf bekanntgegeben. Die SZ gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen zur aktuellen Situation im Landkreis

Von Thomas Balbierer und Jacqueline Lang, Dachau

In einem Karlsfelder Pflegeheim ist das Coronavirus ausgebrochen. Wie das Dachauer Landratsamt am Freitag mitteilte, sind 14 Bewohner und fünf Mitarbeiter positiv getestet worden. Zwei Bewohner wurden zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht - jedoch nicht auf die Intensivstation, wie Landrat Stefan Löwl (CSU) auf Anfrage erklärte. Ob weitere Mitarbeiter oder Bewohner betroffen sind, blieb am Freitag unklar. Nach SZ-Informationen handelt es sich um das Haus Anna-Elisabeth, das laut Homepage 163 Pflegeplätze hat. Auf Anfrage wollte sich die Heimleitung am Freitag nicht äußern. Das Gesundheitsamt führt nun weitere Reihentests durch. Sollte das Hygienekonzept der Einrichtung funktioniert haben, dürften keine weiteren Ansteckungen erfolgt sein, so Löwl, der sich im Urlaub täglich über die Corona-Lage informieren lässt. Das Karlsfelder Pflegeheim gilt nun als sogenannter "lokaler Hotspot". Ausgegangen waren die Infektionen laut Landratsamt von einer Mitarbeiterin, die am Dienstag positiv auf Covid-19 getestet wurde. Eine weitere Angestellte, die engen Kontakt zur Betroffenen hatte, wurde am Donnerstag ebenfalls positiv getestet. Ein Reihentest auf der Station ergab am Freitagvormittag, dass das Virus sich auch unter den Senioren verbreitet hat.

Insgesamt meldete das Landratsamt am Freitag 24 Neuinfektionen, damit steigt die Zahl der Corona-Fälle auf 1115. Der Ausbruch im Pflegeheim führt zudem zu einem Anstieg der Sieben-Tages-Inzidenz. Der Wert gibt an, wie viele Neuinfektionen es pro Woche unter 100 000 Einwohnern gibt. Am Donnerstag lag der Wert im Landkreis bei 28, nun klettert er laut Löwl auf 37 und damit über den von der Staatsregierung als Frühwarnwert festgelegten Wert von 35. Das Gesundheitsamt müsste das bayerische Gesundheitsministerium über lokale Gegenmaßnahmen informieren. München hat zum Beispiel diese Woche ein nächtliches Alkoholverbot im öffentlichen Raum beschlossen, nachdem die Sieben-Tages-Inzidenz auf 35 gestiegen war. Doch wie das Landratsamt in einer Pressemitteilung erklärt, seien nur "einrichtungsspezifische Maßnahmen, jedoch keine allgemeinen Maßnahmen für den Landkreis oder die Gemeinde Karlsfeld" nötig. Der Ausbruch in Karlsfeld zeigt aber, wie schnell sich die Dynamik der Pandemie verändern kann.

Wie entwickelt sich die Corona-Lage und wie bereitet sich der Landkreis auf weitere Ausbrüche vor? Die Dachauer SZ gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie ist die aktuelle Lage?

Schon vor Bekanntwerden des Ausbruchs in Karlsfeld lag Dachau in dieser Woche zeitweise unter den zehn am stärksten betroffenen Regionen Bayerns - sowohl bei der Sieben-Tages-Inzidenz als auch bei den Gesamtinfektionen pro Kopf. Am Donnerstag waren 50 Personen infiziert, mit dem Karlsfelder Hotspot dürften die aktuellen Infektionen nun bei mehr als 70 liegen. Vergleicht man die Zahl mit dem Spitzenwert von Anfang April, als 305 Menschen gleichzeitig erkrankt waren, ist man weit vom Höhepunkt der Corona-Krise entfernt. Damals, das verriet Landrat Löwl jüngst in einem Pressegespräch, habe das Gesundheitssystem kurz vor dem Zusammenbruch gestanden. Dann griffen die Beschränkungen des öffentlichen Lebens. Der Landkreis erholte sich von der Pandemie, am 4. Juni sank die Zahl der Corona-Positiven auf einen Tiefststand von drei Personen. Seitdem breitet sich das Virus wieder aus. 31 Menschen sind nach aktueller Statistik des Landratsamtes bislang nach einer Covid-19-Infektion gestorben.

Drohen neue Beschränkungen?

Obwohl der Inzidenzwert nun den Frühwarnwert überschritten hat, drohen aktuell keine neuen Beschränkungen. Das sagte Landrat Löwl am Freitag auf SZ-Anfrage. Da es sich bei dem Pflegeheim um einen "lokalen Hotspot" handelt, müssen nur Maßnahmen zur Eindämmung in der Einrichtung getroffen werden - das betroffene Stockwerk steht laut Löwl unter Quarantäne. Dennoch: Ähnlich wie in München näherte sich der Inzidenzwert in dieser Woche 30 Fällen pro 100 000 Einwohnern an - zunächst angefacht durch Reiserückkehrer aus Südosteuropa. Nun kommt das Ausbruchsgeschehen im Pflegeheim hinzu. Sorgt der Landkreis schon für einen erneuten Anstieg vor? "Natürlich gibt es bereits Überlegungen und Planungen. Allerdings sind diese situationsabhängig", teilt Silke Lein, Pressesprecherin des Dachauer Landratsamtes mit. Das komme aber immer auf die Situation an. Löwl hält bei einem weiteren Anstieg etwa die Begrenzung von Teilnehmerzahlen bei Veranstaltungen oder die Einführung einer Maskenpflicht im öffentlichen Bereich für denkbar. Konkret sei aber noch nichts.

Was wird getan, um die Ausbreitung einzudämmen?

Der zunächst durch Urlaubsheimkehrer verursachte Anstieg könnte im schlechtesten Fall eine neue Infektionsdynamik im Landkreis erzeugen. Auch der erste Ausbruch des Coronavirus' im März ging von Urlaubern aus, die den Erreger aus den Skigebieten in Österreich und Italien mitgebracht hatten. Er sprang dann auf weitere Teile der Bevölkerung über. Auch jetzt scheint sich das Virus außerhalb der Reiserückkehrer zu verbreiten, am Donnerstag teilte das Landratsamt mit, es gebe Fälle, bei denen die Infektionsketten "nicht mehr nachvollziehbar" seien. Am Freitag dann die Nachricht aus Karlsfeld. Um einen großen Ausbruch wie im März zu verhindern, gelten strenge Test- und Quarantänepflichten für Rückkehrer aus Risikogebieten. In Bayern können sich alle Bürger kostenlos auf Covid-19 testen lassen. Außerdem könne die Ausbreitung durch "Beachtung der Hygieneregeln (Abstand, Handhygiene, Mund-Nasen-Schutz)" verlangsamt werden, so Landratsamtssprecherin Lein. Eine wichtige Rolle spiele auch das Gesundheitsamt, das Infektionen nachverfolgen und Kontaktpersonen schnell informieren müsse. In Dachau ist dafür ein sogenanntes Contact Tracing Team zuständig, das täglich zur Kontrolle bei Infizierten und Kontaktpersonen anruft. Es werde gerade personell verstärkt, so die Behörde. Eine Reaktivierung der Corona-Notfallklinik, die im Frühjahr eingerichtet und ungenutzt wieder geschlossen wurde, plant der Landkreis derzeit nicht.

Wo kann man sich testen lassen?

Am Donnerstag kündigte das Landratsamt an, die Corona-Teststrecke auf dem Indersdorfer Volksfestplatz zu reaktivieren. Damit entsteht erneut eine zentrale Anlaufstelle für Bürger, die sich auf Covid-19 testen lassen wollen. Am Montag geht die Station in Betrieb, sie ist unter der Woche von 16 bis 20 Uhr und an Wochenenden und Feiertagen von 9 bis 20 Uhr geöffnet. Bürger können sich ohne Termin kostenlos testen lassen, allerdings ist wochentags das Zeitfenster zwischen 16 und 18 Uhr für Patienten reserviert, die zum Beispiel vom Arzt zum Testen geschickt wurden. Der Dachauer Mediziner Christian Günzel ist ärztlicher Leiter des Testzentrums, das komplett vom Freistaat finanziert wird. Er sagt, mit der Station werde "eine Lücke am Wochenende" geschlossen, "wo wir bisher überhaupt keine Testmöglichkeiten hatten". Zudem gebe es weiterhin 14 niedergelassene Ärzte im Landkreis, die Corona-Abstriche anbieten. Wo man sich am besten testen lässt, sollten Bürger in Absprache mit ihrem Hausarzt klären, empfiehlt Günzel. Ein Ergebnis liegt laut Landratsamt in der Regel nach 48 Stunden vor, es kann aber auch sein, dass man bis zu drei Tage warten muss.

Wie ist die Lage im Krankenhaus?

Nach aktuellem Stand (Freitag, 14 Uhr) sind am Helios-Amper-Klinikum die zwei Covid-19-Patienten aus dem Karlsfelder Pflegeheim stationär untergebracht. Zum Vergleich: Mitte der Woche waren es null. Seit Beginn der Pandemie waren es laut Alexander von Freyburg somit insgesamt 103 Patienten, davon mussten 32 beatmet werden. Von Freyburg ist Pandemiebeauftragter und leitender Oberarzt der Nothilfe am Helios Amper-Klinikum und versichert, dass die beiden Kliniken in Dachau und Markt Indersdorf "auf einen möglichen Anstieg der Corona-Patientenzahlen bestmöglich vorbereitet" seien. Auf den beiden Aufnahmestationen für Notfallpatienten in Dachau etwa sind 47 Betten für Corona-Fälle reserviert. "Die Patienten liegen dort im Regelfall 16 bis 36 Stunden, bis der negative Abstrich vorliegt. Dann können sie in den sogenannten grünen Bereich im Haupthaus verlegt werden", so von Freyburg.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB