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Karlsfeld:Bad ohne Menge

Dass das Karlsfelder Hallenbad genau jetzt eröffnet, wo die Zahl der Coronafälle wieder steigt, verunsichert viele Gäste. Der Bürgermeister will das Infektionsgeschehen täglich im Auge behalten und wenn nötig reagieren

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

Hallenbad öffnet

Die ersten Badegäste ziehen wieder ihre Bahnen im Hallenbad.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Maxi und Michi sind ganz zappelig. Endlich dürfen sie wieder zum Schwimmen. Die Vorfreude ist groß. Doch sie müssen warten. Am Kassenautomaten hat sich eine kleine Schlange gebildet. Der Bademeister erklärt den Eltern noch, worauf sie achten müssen und händigt ihnen Schlüssel für die Spinde aus. Den beiden Buben dauert das viel zu lange. Maxi prescht vor. Kurz vor dem Drehkreuz dreht er sich um und ruft laut: "Ich kann schon schwimmen!" Der Sechsjährige strahlt vor Freude. Sein Vater, Tobias Geyer, lacht. "Ja, wir haben ihm im Sommer im See die Basics beigebracht", sagt er. Jetzt soll er die Feinheiten lernen. Der Schwimmkurs, den Maxi und sein zwei Jahre jüngerer Bruder im Frühjahr besucht hatten, war Mitte März jäh unterbrochen worden, als das Karlsfelder Hallenbad - wie alles andere auch - coronabedingt schließen musste. An diesem Montag hat es zum ersten Mal nach sieben Monaten wieder geöffnet.

Viele Karlsfelder haben diesen Moment sehnsüchtig erwartet - allen voran die Sportler. Doch der ganz große Ansturm blieb aus. Als Schwimmmeister Helmut Gellermann um acht Uhr morgens das Bad öffnete, war niemand da. "Wir waren mindestens eine Dreiviertelstunde lang allein", sagt er. Dabei hatten sich schon einige angemeldet. "Das war ein bisschen enttäuschend." Er schiebt es auf die geänderten Öffnungszeiten. Früher startete der Betrieb erst um 9 Uhr. Trotzdem ist etwa die Hälfte von denen, die sich für diesen Montag angemeldet hatten, nicht erschienen. "Heute ist Warmbadetag", sagt Gellermann. "Sonst sind so 40 bis 60 Gäste gekommen." Gerade mal fünf Schwimmer haben morgens ihre Bahnen gezogen und auch am Nachmittag kommen die Badegäste nur zögerlich und das obwohl sich in den Wochen zuvor viele ungeduldig bei Gellermann erkundigt hatten, wann das Bad nun endlich wieder aufmachen würde.

Die Erklärung ist einfach: Ausgerechnet am Eröffnungstag ist die Corona-Pandemie auf ihrem bisherigen Höchststand angekommen. Die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100 000 Einwohner klettert an diesem Tag im Landkreis Dachau auf 96,19. Am Nachmittag verkündet das Landratsamt, dass sich weitere 21 Personen mit Covid-19 infiziert haben. Mehr als 750 Kontaktpersonen sind inzwischen in Quarantäne. Das lässt auch jene, die die erste Gelegenheit zum Schwimmen genutzt haben, nicht ungerührt. "Anfangs war ich mir unsicher", sagt eine junge Mutter mit Baby auf dem Arm. Aber dann siegte die Freude darüber, dass der Babykurs nun wieder stattfand. Eine halbe Stunde - da werde schon nichts passieren, sagt sie.

"Einer älteren Dame sollen wir berichten, wie viel los war", sagt Gellermann. Seit 1972 ist sie regelmäßig jeden Montag im Karlsfelder Bad. Doch sie ist skeptisch. Wenn das Hygienekonzept gut läuft, will sie kommen "Sie ist ganz heiß drauf", weiß der Schwimmmeister. Auch Ulrike Rieg, die an diesem Montag die Rheumapatienten zum ersten Mal wieder trainiert hat, gibt zu: "Ich hab schon ein wenig Angst. Ich gehe mit gemischten Gefühlen hierher. Aber ich hoffe, das gibt sich", sagt sie. Ihre zwölf Kursteilnehmer seien so voller Freude und Elan gewesen. "Es macht ihnen so viel Spaß und danach leben sie eine Woche davon, wenn es gut läuft schmerzfrei", sagt Rieg. Dafür lohne es sich einfach.

Hallenbad öffnet

Schwimmmeister Helmut Gellermann ist froh, wieder Leben im Bad zu haben.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Bürgermeister Stefan Kolbe (CSU) gibt zu, der Moment der Eröffnung scheint ungünstig gewählt, aber es habe eben so lange gedauert, bis alles vorbereitet war. Er werde die Infektionszahlen täglich im Auge behalten und sei mit dem Landrat in Kontakt, verspricht er. Im übrigen müsse man sehen, was der Ministerpräsident sage. Gellermann möchte es sich lieber nicht vorstellen, aber er fürchtet, dass der Betrieb nach kurzer Zeit wieder geschlossen werden könnte "Es war schon heftig ohne Badegäste", sagt er. "Hier gehört einfach Leben rein, Kinder, die sich austoben und wohlfühlen." Dieser Teil seines Jobs macht ihm besonderen Spaß. In den vergangenen Monate war sein Team vor allem mit putzen und vielen kleinen Reparaturarbeiten beschäftigt. Und das sieht man: Das Bad blitzt und blinkt in allen Ecken. Nirgends ist ein Härchen zu sehen. Das Wasser schimmert klarblau wie in einem Werbeprospekt. Es sieht einladend aus.

Doch wer hinein will, muss sich schon am Tag vorher unter 08131/997592 anmelden. Morgens ist das Bad meist für die Schulen reserviert, nachmittags von 13 bis 16 Uhr und von 17 bis 20 Uhr dürfen Bürger und Vereine schwimmen. Genaueres steht unter www.karlsfeld.de. Wer indes spontan ins Wasser will, muss ins Dachauer Hallenbad. Dort gibt es ein Ampelsystem unter www.stadtwerke-dachau.de. Das Bad in Markt Indersdorf wird voraussichtlich erst am 9. November öffnen.

© SZ vom 28.10.2020

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