KulturDie Klaviatur der Gefühlsskala rauf und runter

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Der Klarinettist Georg Arzberger ist einer der beiden Erfinder der neuen Konzertreihe.
Der Klarinettist Georg Arzberger ist einer der beiden Erfinder der neuen Konzertreihe. Toni Heigl

Die etwas unkonventionelle Konzertreihe „Mittendrin“ von Klarinettist Georg Arzberger und Pianist Julian Riem geht mit vielen musikalischen Überraschungen in die zweite Runde. Damit das Projekt weiter bestehen kann, braucht es in Zukunft allerdings finanzielle Unterstützung.

Von Dorothea Friedrich, Dachau

Ein Spitzenkonzert ohne Klarinette? Eine Blasmusik ohne dieses Instrument? Das ist heutzutage fast undenkbar. Tatsächlich wurde die europäische Klarinetten-Version aber erst um 1700 vom Nürnberger Instrumentenbauer Johann Christoph Denner erfunden. Welch ein Glück, dachte das begeisterte Publikum wohl am Samstagabend immer wieder beim zweiten Konzert der neuen Reihe „Mittendrin“. Diese wiederum haben bekanntlich Klarinettist Georg Arzberger und Pianist Julian Riem erfunden, weil sie die ausgetretenen Klassikpfade verlassen wollten.

Das Ziel der Konzertreihe: Klassik für alle an nicht alltäglichen Spielorten, gespielt von Meisterinnen und Meistern ihres Fachs. Nach dem ersten „Mittendrin“-Konzert, einem hinreißenden Joint Venture von Klassik und Jazz, hieß es am Samstagabend in „Kunstwerke Dachau“, dem Atelier von Maler Richard Wurm: „Trifft mitten ins Herz“ Und wahrlich, das taten Musik und Musiker. Denn die Kammerorchester-Formation der Camerata Vitilo – das Blumenthal-Musikfestival-Orchester - und Klarinettist Arzberger spielten die Klaviatur der Gefühlsskala rauf und runter: Barocke Pracht und Herrlichkeit traf auf zum Heulen schöne tiefgründige Töne. Tänzerische Leichtfüßigkeit riss das Publikum aus seelendramatischer Versunkenheit. Und das alles, man kann es nicht oft genug schreiben, in einer lässigen Fast-Wohnzimmer-Atmosphäre ohne jedes Chichi, bei der Musik und Malerei so wunderbar harmonieren.

Der Konzertabend findet in lässiger Fast-Wohnzimmer-Atmosphäre ohne jedes Chichi statt.
Der Konzertabend findet in lässiger Fast-Wohnzimmer-Atmosphäre ohne jedes Chichi statt. Toni Heigl

Den Auftakt machte ein Klarinettenkonzert von Johann Melchior Molter (1696 – 1765). Dieser war viele Jahre lang Kapellmeister beim Markgrafen Karl Wilhelm von Baden-Durlach und gilt als einer der ersten Komponisten von Werken für die damals noch neue Klarinette. Dass ihn der Markgraf gleich zweimal auf „Studienreise“ nach Italien schickte, war unüberhörbar – und zeigte, wie sehr Solist und Orchester mit dieser Musik verschmolzen. Dabei war es nicht einmal der barocke Überschwang, sondern eher der getragene, fast zärtliche zweite Satz, der dieses Klarinettenkonzert zu einem unvergesslichen Erlebnis machte.

Virtuosität, Spielfreude und Spitzentöne beamten bei Arien einer Vivaldi-Oper mit „unaussprechlichem Namen“, wie Arzberger lachend anmerkte, in einer Bearbeitung für Klarinette Zuhörerinnen und Zuhörer mitten in eine höfische Gesellschaft – bei der seinerzeit die Damen angesichts der überhohen Kastratenstimmen reihenweise in Ohnmacht fielen. Was hätten die Damen der oberen Zehntausend im Venedig des 18. Jahrhunderts wohl beim Zuhören dieser bravourös gespielten Gustostückerl angestellt? Die Frage muss unbeantwortet bleiben.

Was bleibt, ist die Erinnerung ans Kontrastprogramm: wildeste Romantik von Carl-Maria von Weber in seinem Klarinettenquintett in einer Streichorchester-Fassung – inklusive Freischütz-Reminiszenzen an eine unheimliche Wolfschlucht und die berüchtigten Freikugeln.

Glücklicherweise fand das Ganze nicht in finsterer Umgebung statt, vielmehr in lockerer, einladender Kunst-Atmosphäre mit reichlich Zeit für Pausengespräche, Barbesuch und Erwerb von Zeichnungen, die Hausherr Wurm während des Konzertes angefertigt hatte und für einen guten Zweck gegen eine Spende weitergab.

Womit man bei der monetären Seite dieses Kulturereignisses der Sonderklasse angelangt wären. Georg Arzberger sagte es freundlich, aber deutlich: Die Reihe „Mittendrin“ finanziert sich bislang durch - freiwillige - Eintrittsgelder und durch das Engagement aller Beteiligten. Damit es auch künftig Konzerte der unkonventionellen Art auf hohem Niveau geben kann, braucht die Initiative Spenden und Sponsoren. Beim nächsten Konzert, am Freitag, 9. Mai, steht übrigens das Fagott im Mittelpunkt - und man darf schon jetzt auf musikalische Überraschungen gespannt sein.

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