Süddeutsche Zeitung

Kabarett:Moralist im Clownsgewand

Kabarettist Arnulf Rating warnt in der Schwabhausener Post vor Big Data und einer Politik der Angst

"Niemand ist hoffnungsloser versklavt als derjenige, der fälschlicherweise glaubt, frei zu sein." Dieses Goethe-Zitat stellte Arnulf Rating, Kabarettist aus Berlin mit dem Ruf, einer der Besten seines Fachs zu sein, bei seinem Auftritt in der Schwabhausener Post am Samstag ganz ans Ende seines Programms: Goethe als Kronzeuge dessen, was Rating seinen Zuhörern zu vermitteln versucht. Arnulf Rating nämlich ist Moralist, ein Moralist im Clownsgewand. Er will warnen. Warnen vor Big Data, warnen vor einer Politik der Angst und vor Politikern, die ungeeignet sind für ihren Job, warnen vor Künstlicher Intelligenz, vor Fake News - und nicht zuletzt vor der eigenen Kritiklosigkeit.

Das Spiel mit Fake News allerdings beherrscht Rating auch selber ausgezeichnet. Zum Start ins Programm kommt er eilends, Koffer schleppend, von hinten durch den Saal. Wegen diverser Termin- und Bahnprobleme hätte er beinahe den Zug nach München und die S-Bahn nach Schwabhausen verpasst, erzählt er, führt glaubliche und unglaubliche Hindernisse auf, mit denen er angeblich zu kämpfen hatte. Dann zieht er rasch noch ein Grillhähnchen aus einer Plastiktüte, von dem er sich Fetzen in den Mund schiebt. Mit leerem Magen lustig sein, das ginge nicht, sagt er kauend, um im gleichen Satz seine aus nichts als "Hormonen, Antibiotika und Stabilisatoren" bestehende Mahlzeit zu schmähen. Und ohnehin sei er ja eigentlich Vegetarier.

Alles Fake also? Ja und nein. Der Moralist Rating bedient sich eines großen Unterhaltungspotentials, um gehört zu werden. Clownesk ist da schon das Äußere: Der blausamtene Anzug mit Weste, die rote Nelke im Knopfloch, die man als politisches Statement verstehen darf, dazu die krachroten Lackschuhe und eine Frisur, die stark an die Haartracht leibhaftiger Zirkusclowns erinnert.

Im ersten Teil des Programms geht es um praktisch alles, was Deutschland derzeit bewegt. Um Wahlergebnisse in Hessen oder Sachsen und wozu die Trends zu Braun und Gelb noch führen könnten. Und darum, dass nach jeder Wahl die Armen ohnehin noch ärmer und die Reichen reicher werden. Um den Brexit, der "auf Halloween verlegt wird" oder Assange, der eigentlich den Friedensnobelpreis bekommen sollte. Auch auf nicht zur Rechenschaft gezogene "Sexualterroristen" in der Kirche zeigt Ratings empörter Finger, auf den "Heimatminister" Seehofer, der die Heimat, hier den Hambacher Forst, nicht schützt, oder die für die Boeing-Abstürze verantwortliche "Künstliche Intelligenz", der die "natürliche Intelligenz" der Piloten nichts entgegensetzen konnte.

Vieles macht Rating fassungslos: Der "Horror-Clown" in den USA etwa, der doch tatsächlich Präsident geworden ist, die Rolle der "Verfassungsschützer" beim Berliner Weihnachtsmarkt-Attentat oder das, was in Chemnitz passiert ist. Am fassungslosesten ist Rating allerdings darüber, dass wir jetzt tatsächlich "Nazis im Parlament haben". Für Printmedien sieht es nach Ratings Prognose künftig düster aus: Die "papierlose" junge Generation könne mit einer Zeitung, wo es "nichts zu wischen gibt", ganz einfach nichts anfangen. Er selbst allerdings bringt als Beweismaterial haufenweise Gedrucktes mit: Neben der FAZ oder den Dachauer Nachrichten (als Lokalberichterstattung "Pflichtlektüre für einen Kabarettisten") vor allem zahllose Ausgaben der Zeitung mit den dicken Überschriften. Mit Letzteren belegt Rating sehr ironisch seine Thesen - egal ob sie mit Politik zu tun haben oder mit gesellschaftlichen Entwicklungen aller Art.

Im zweiten Programmteil kommt Arnulf Rating mit wahrem Furor auf das zu sprechen, was für ihn hinter Goethes Satz von der Versklavung des Menschen steht: auf die Macht der Manipulatoren jedweder Couleur. Er macht das an Beispielen der Werbung vor allem in den USA der Zwanziger und Dreißiger Jahre fest und an der Person von Edward Bernays, eines Neffen von Sigmund Freud, der enormen Einfluss auf das Denken und Handeln der Amerikaner ausgeübt hat. Bernays gelang es, das Rauchen als weibliche Emanzipation zu verklären oder die USA, zunächst ein auf Frieden bedachtes Land, binnen weniger Monate zum Kriegseintritt zu bewegen.

"Tornado" hat Rating sein Programm benannt. Ob er sich dabei selbst im Blick hatte? Tornadogleich fegt er jedenfalls über seine Themen hinweg, redet mit atemberaubender Geschwindigkeit und konfrontiert sein Publikum mit einer schier überwältigenden Fülle von Bildern und Vergleichen. In einem einzigen Satz von Rating können oft mehr kluge, scharfsichtige Pointen stecken als in einem ganzen Programm mancher seiner Kabarett-Kollegen. Kein Wunder also, dass der Mann mit so gut wie allen Preisen ausgezeichnet wurde, die es in der Kabarettszene zu gewinnen gibt.

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Quelle:
SZ vom 15.04.2019
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