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Jugendliche in Dachau:"Es geht wilder und heftiger zu"

Gewaltvideos, Schulden und Alkohol: Immer mehr Dachauer Jugendliche haben ernsthafte Probleme. Die Sozialarbeiter sind überlastet, nur der Stadtrat könnte helfen.

Dachaus Jugendarbeiter sind überlastet: Die Pubertät setzt heute früher ein, mehr und mehr Jugendliche verschulden sich, der naive Umgang mit Internet und Handys gibt Anlass zur Sorge. "Die Jugendlichen stehen unter einem permanentem Druck. Es geht wilder und heftiger zu", sagte Katharina Seybold, Leiterin des Jugendzentrums in Dachau-Ost, in der jüngsten Sitzung des Familien- und Sozialausschusses. Mit dem jetzigen Personal sei die Situation nicht mehr zu meistern: "Wir wollen ja helfen, aber wir brauchen eine Planstelle mehr."

Gewalt in der Schule

Jugendliche nutzen ihr Handy oft, um Gewaltfilme zu drehen anstatt bei Schlägereien die Polizei zu rufen. Das zumindest haben die Jugendarbeiter in Dachau vermehrt festgestellt.

(Foto: Symbolbild: dpa)

Seit neun Jahren schon arbeitet Seybold im Jugendzentrum in Dachau-Ost. Der Anteil der Hauptschüler und Migrantenkinder in ihrer Einrichtung ist hoch. Das Jugendzentrum ist längst nicht nur ein simpler Treffpunkt für Jugendliche, sondern eine Anlaufstelle für all ihre Sorgen und Probleme. Es bietet zum einen Sozialarbeit in Kooperation mit den Schulen an. Es gibt Vorbereitungskurse für die Abschlussprüfungen, aber auch Projekte zu gesunder Ernährung oder den Gefahren von Alkohol.

Einen großen Teil nimmt die Medienpädagogik ein. "Früher hat man mit dem Handy die Polizei gerufen, wenn man eine Schlägerei beobachtet hat", sagte Seybold. Heute würden sich die Jugendlichen bei diesen Straftaten filmen und die Videos hinterher ins Internet stellen. "Ein Schuldbewusstsein haben viele nicht", erklärte die Juz-Leiterin. Einige Jugendliche würden das Gefühl für Recht, Regeln und Grenzen regelrecht verlieren. Auch seien viele verschuldet, weil sie die immensen Handy-Rechnungen nicht bezahlen könnten.

Ein weiteres Problem sieht sie im Umgang der jungen Menschen mit sich selbst und untereinander: "So banal das klingt, einige wissen nicht, dass man bitte und danke sagt, den Abfall in den Müll wirft oder sich nach der Toilette die Hände wäscht." Ziel der Jugendarbeiter sei es, den Jugendlichen soziale Kompetenzen zu vermitteln. Das aber koste viel Geduld, Zeit und Kraft. Seybold will die Jugendlichen keineswegs verurteilen. Einige von ihnen seien dem Druck der modernen Gesellschaft einfach nicht gewachsen.

So setze die Pubertät heute viel früher ein, die Kindheit gehe schnell verloren. "Schon Zehnjährige sind mit Sexualität konfrontiert", sagte Seybold. Aus Überforderung entwickelten viele der Jugendzentrumsbesucher - am Tag kommen bis zu 80 in die Einrichtung - ein provozierendes Verhalten. "Einen natürlichen Respekt voreinander gibt es oft nicht mehr", erklärt die Jugendarbeiterin. Sie verzeichnet zum einen mehr, aber auch schwierigere Fälle. Wirklich geholfen werden könne allen Jugendlichen nur, wenn das Jugendzentrum mehr Personal bekomme. Derzeit gibt es drei Planstellen.

"Ich würde Sie bitten, dass wir personelle Unterstützung bekommen", sagte Seybold. Die Stadträte haben bisher darüber noch nicht diskutiert. Bürgermeister Claus Weber (Freie Wähler), der Oberbürgermeister Peter Bürgel (CSU) in der Sitzung vertrat, sicherte aber zu, dass sich das Gremium in den Etatberatungen im Herbst damit beschäftigen werde.

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