Vor gut einem Jahr hatten sie ihre ersten Auftritte, inzwischen haben die jungen Sängerinnen und Sänger beim Internationalen Chorfest im italienischen Lucca bereits zwei Goldmedaillen errungen und treten in wenigen Wochen beim Chorfest in Regensburg auf. Doch damit nicht genug: Der Jugendchor Cantoccini unter der Leitung von Tanja Wawra ist einer von zwölf Chören aus ganz Bayern, die am Sonntag, 5. Juli, gemeinsam mit Chor und Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Stardirigent Sir Simon Rattle den Münchner Circus-Krone-Bau mit Carl Orffs berühmter „Carmina Burana“ zum Beben bringen werden.
Für dieses Großereignis, bei dem immerhin 528 Amateursängerinnen und -sänger den BR-Chor verstärken, braucht es intensive Proben. Diese finden immer an den Wochenenden statt, so auch an diesem Maisonntag. Die wunderbaren Töne der mittelalterlichen „Beurer Lieder“, die vom launischen Glück, von bunten Märkten, von Liebeshändeln und Gelagen aller Art erzählen, umwehen den Hof des Gymnasiums Markt Indersdorf, als in einem der Musikräume Chorleiterin Wawra ihre Sängerinnen und Sänger zu Höchstleistungen motiviert. Diesen ist die durchaus anstrengende Probenarbeit aber nicht anzumerken. Lächelnde Gesichter zeigen: Hier sind begeisterte junge Leute am Werk. Sie feiern die Musik und das Leben.
Dabei sind sie durchaus ein wenig angespannt, wenn sie zwischen den Proben vom bevorstehenden Konzert mit einem der angesagtesten Dirigenten und dem exzellenten Chor des Bayerischen Rundfunks erzählen. Vier von ihnen haben sich zu dieser Chorprobe angesagt, Sopranistin Barbara Fleckenstein, Altistin Merit Ostermann, Tenor Bernhard Schneider, Bassist Christopher Dollins – und Cellist Till Schuler. Er unterstützt den Chorsänger und Pianisten Alexander Lakatar, der selbst Musik und Chorleitung studiert. Die vier Profisänger reihen sich ganz unkompliziert in den Cantoccini-Chor ein und übernehmen nur wenig später die Rolle der Coaches – mit ganz individueller Herangehensweise.
Altistin Ostermann, die „ganz früher mal Musical“ studiert hat, bevor sie ihr Weg in die Klassik führte, hält viel von Bewegung beim Üben. So schwingen die Altstimmen bald einen imaginären Hula-Hoop-Reifen während ihrer Probenarbeit – was die gute Laune noch einmal erheblich steigert. Die Tenöre erfahren von Bernhard Schneider, wie sie ihre Stimmführung verbessern können, die Soprane lauschen aufmerksam, was die erfahrene Elisabeth Fleckenstein ihnen zu singen und zu sagen hat. Die Bässe schließlich können sich gar nicht von ihrem Coach Christopher Dollins trennen – selbst die Aussicht auf eine Pause kann sie erst einmal nicht verlocken. Für den BR-Chor-Bassisten Dollins ist das Coaching vielleicht deshalb „achtzig Prozent Spaß und zwanzig Prozent Arbeit“; Tenor Schneider hat „hundert Prozent Spaß“. Und Sopranistin Fleckenstein sagt lächelnd, sie unterrichte nicht oft in einem so außergewöhnlichen Rahmen. Aber: „Dabei sein ist alles.“



Merit Ostermann ist von ihren temporären Mitsängerinnen mindestens ebenso angetan wie diese von der nicht alltäglichen Unterstützung ihrer Stimmen. Wie überhaupt die Begeisterung für das Neue, das Außergewöhnliche bei den Cantoccini immer wieder zu spüren ist. „Der Chor ist was sehr Besonderes“, sagt David Barth, „das bekommt man sonst nirgendwo.“ Damit spielt er auf nächtliche Serenaden auf dem Marktplatz von Lucca an, bei denen er seinen speziellen Auftritt hatte.
Doch was treibt – neben der Liebe zum Gesang – die Jugendlichen und jungen Erwachsenen an, viele Wochenenden im Jahr mit Proben und Auftritten zu verbringen? Amrey und Elisa Wawra sind dem Erfolgsgeheimnis der Cantoccini auf der Spur: „Wir sind alle Schüler oder ehemalige Schüler. Uns liegt viel daran, dass Cantoccini ein Projekt von und für Jugendliche bleibt“, sagt Amrey. „Wir machen alles selbstverantwortlich. Das ist uns wichtig“, ergänzt Elisa Wawra. Und erzählt, dass sie seinerzeit „Teil der Entscheidungsfindung für die Chorgründung“ im Hause Wawra gewesen seien. Vielleicht ist es genau dieses eigenverantwortliche Engagement, gepaart mit der unwiderstehlichen Kraft der Musik – von Pop über internationale Folklore zu traditionell bayerischer und klassischer Chormusik –, das die Fachjury bei der Auswahl aus mehr als zweihundert Chören für „Singen mit Sir Simon“ überzeugt hat und den Cantoccini gerade einen weiteren Motivationsschub gibt.

