„Ich bin Deutscher, Münchner und zufällig ein Jude – und ich darf in Deutschland wählen, aber nicht in Israel.“ Daniel Gitbud, 39, blickt in die Runde der 24 Schülerinnen und Schüler einer 12. Klasse des Josef-Effner-Gymnasiums in Dachau. Sie hören ihm gebannt zu. Das haben sie auch im Ethikkurs nicht alle Tage: zwei leibhaftige Juden zu Besuch. Neben Gitbud ist aus München auch Ariella Chmiel, 33, gekommen, um über das Judentum aufzuklären.
In der folgenden Stunde nehmen sie die Jugendlichen auf eine Entdeckungsfahrt mit, die in das jüdische Leben in Deutschland führt, wie es wirklich ist. Jüdinnen und Juden werden mitunter noch immer als nicht richtig dazugehörig wahrgenommen. „Die unbekannte Welt nebenan“, titelte vor ein paar Jahren der Spiegel eine Geschichte mit einem Cover-Bild von zwei Juden aus dem historischen Armenviertel in Berlin der 1920-er Jahre. Das drückt sich auch in grotesken Sprachverrenkungen aus, etwa in der besonders in der Politik beliebten Phrase von den „jüdischen Mitbürgern“. Nicht böswillig, aber ein wenig paternalistisch und doch eine Grenze ziehend zu Menschen wie Gitbud und Chmiel, die beide in München geboren wurden.
Den Gymnasiasten wird die Phrase vom jüdischen Mitbürger – das ist spürbar – nach der Begegnung mit Chmiel und Gitbud nicht über die Lippen kommen. „Redet mit uns, nicht über uns“, lautet das Motto der beiden. Sie sind für die meisten, wenn nicht alle der 17 und 18 Jahre alten Schüler, die ersten Juden, denen sie eine Stunde lang jede Frage stellen können. Niemand müsse fürchten, in ein Fettnäpfchen zu treten, sagt Gitbud. Sie haben es einfach drauf, begegnen den Jugendlichen auf Augenhöhe und nehmen ihnen jede Befangenheit.
Wer ist denn eigentlich Jude? Gute Frage, meint Chmiel. Zunächst einmal ist nach der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, jeder ein Jude, der eine jüdische Mutter hat. Einer denkt scharf mit und stellt die Frage: Was aber, wenn eine jüdische Mutter ein nichtjüdisches Kind adoptiert hat? Das Kind ist dann nichtjüdisch, muss konvertieren, was ihm aber leicht gemacht wird. Eine Konversion dauere ansonsten jahrelang, je nach Strenge des Rabbiners. Es gibt Juden, die ihre Identität durch die Religion begründen, wie Chmiel erklärt. Andere definieren sich über das seit Jahrtausenden existierende jüdische Volk, über die Kultur. „Für mich ist das Judentum vor allem kulturell“, sagt Chmiel. Sie gehe nicht wöchentlich in die Synagoge, halte jedoch den Schabbat, esse aber wiederum nicht koscher.

Gehört und gelesen haben Jugendliche schon viel über „die Juden“. Aus Medienberichten über Israel, aber auch aus Social-Media-Kanälen wie Tiktok mit ihren Verschwörungserzählungen und codierten oder auch offenen Hassbotschaften. Vor zwei Jahren haben Chmiel und Gitbud die Initiative „Coffee with a Jew“ gestartet. Es war ihre Reaktion auf den wachsenden Antisemitismus seit dem Terrorangriff der Hamas auf Südisrael am 7. Oktober 2023. An verschiedenen Plätzen in München bieten sie an einer mobilen Kaffeebar Passanten einen Espresso oder Cappuccino an und reden mit ihnen.
Einmal war, wie Gitbud erzählt, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) dabei. Bilder davon wurden ins Netz gestellt und von etwa 600 Usern kommentiert. Darunter auch so: Dass man jetzt doch sehe, wie „die Juden“ die Regierung kontrollieren würden. „Da trinken sie Kaffee mit Kinderblut“, schrieb einer. Die Klasse reagiert mit erstaunt fragenden Blicken auf die Auswüchse des Verschwörungswahns. Zwei Schüler fragen, was Gitbud und Chmiel selbst an Übergriffen erlebt haben.
Daniel Gitbud trägt keine Kippa mehr, Ariella Chmiel hat die Mesusa von ihrer Wohnungstür entfernt.
Der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS Bayern) wurden 2024 insgesamt 1515 antisemitische Vorfälle bekannt. Das entspricht fast einer Verdoppelung gegenüber 2023 mit 761 Vorfällen. Gitbud trägt auf den Straßen Münchens kaum mehr eine Kippa, weil er, dadurch als Jude sichtbar, beleidigt, angespuckt und ihm die Kippa auch schon vom Kopf geschlagen wurde. Chmiel hat vorsichtshalber die Mesusa, die Schriftkapsel, an ihrer Wohnungstür entfernt – um nicht erkannt zu werden.
Ein Gymnasiast stellt die Frage, wie die beiden Besucher zum Nahostkonflikt stünden. „Den Gazakrieg?“, fragt Chmiel zurück. Sie macht es ihm einfach. Natürlich könne man Kritik an der israelischen Regierungspolitik üben, sagt sie. Nicht zuletzt seien Tausende Israelis dagegen auf die Straßen gegangen. Auch die Kriegsführung in Gaza dürfe kritisiert werden, sagt Chmiel einem weiteren Schüler, der meint, dass doch jede Kritik als antisemitisch abgetan werde. Chmiel macht aber auch deutlich: Wer den Staat Israel etwa als „koloniales, weißes Staatsgebilde“ delegitimiere, ihn als „Kindermörder“ dämonisiere und doppelte Standards anlege, der fordere seine Auslöschung. Der sei kein Antizionist, als der sich ein Antisemit, der keiner sein wolle, heute bezeichne.
Chmiel und Gitbud werben um Verständnis dafür, was Israel – unabhängig von der Regierungspolitik – für die Juden in der Diaspora bedeutet. Der jüdische Staat sei für sie die einzige Zufluchtsstätte auf der Welt. Einige Schüler nicken zustimmend. Es läuft gut. Das hat Michael Holland, Antisemitismusbeauftragter des Landkreises Dachau, auch erwartet. Die Bezirks- und Kreisrätin Stephanie Burgmaier (CSU) verfolgt die Schulstunde mit wachsender Begeisterung.

Holland will Chmiel und Gitbud für Besuche an allen weiterführenden Schulen im Landkreis gewinnen. Dazu braucht es jedoch einen finanziellen und organisatorischen Rahmen. Chmiel und Gitbud arbeiten ehrenamtlich, beide sind aber berufstätig und haben nicht immer Zeit. „Leider können wir sie nicht fotokopieren“, sagt Holland später und lacht. Angelehnt ist ihre Initiative an „Meet a Jew“, die der Zentralrat der Juden in Deutschland 2020 ins Leben gerufen hat. Aber Chmiel und Gitbud engagieren sich unabhängig davon, unter dem Dach der B’nai B’rith Loge München, die sie auch leiten. Der Wohltätigkeitsverein verfolgt den Leitgedanken „Tikun Olam“ – hebräisch für „Reparatur der Welt“ – und will die Welt „zu einem besseren Ort“ machen.
Seit Anfang dieses Jahres gehen Chmiel und Gitbud in die Schulen. Im Josef-Effner-Gymnasium waren sie bereits einmal, damals in einer 9. Klasse. Dann ist es vorbei. Drei, vier Schülerinnen und Schüler wollen Chmiel und Gitbud noch nicht weggehen lassen und stellen ihnen weitere Fragen. Ob die Schulstunde nachwirkt und die Jugendlichen vor Antisemitismus bewahrt, das kann niemand wissen. Aber für heute meint Chmiel: „Das war großartig.“

