Juden im deutschen Fußball vor 1933:"Kicker, Kämpfer, Legenden"

Fussball Bundesliga  FC Bayern München - Eintracht FRankfurt

Die Südkurve erinnert´mit einer Choreo an den früheren FCB-Präsidenten Kurt Landauer.

(Foto: picture alliance)

Jüdische Spieler, Trainer und Vereinsfunktionäre prägen den deutschen Fußball bis 1933. Von ihren Leistungen profitiert der Sport bis heute. Das erkennen auch immer mehr Fangruppen an

Von Eva Waltl, Dachau

Sonntag, 9. April 1933. Die bedeutendsten Fußballvereine Süddeutschlands setzen in Stuttgart eine Erklärung auf, dem nationalsozialistischen Regime ihre Mitarbeit anzubieten. Menschen jüdischer Herkunft sollen die Sportvereinen verlassen: Mitglieder, Sportler, Funktionäre, Trainer. Auch der FC Bayern München, der damalige amtierende deutsche Fußballmeister, unterzeichnet. Ein Verein, dessen Präsident bis wenige Wochen vor dem Treffen noch der jüdische Deutsche Kurt Landauer war.

In der evangelischen Versöhnungskirche ist nun die Ausstellung "Kicker, Kämpfer, Legenden - Juden im deutschen Fußball" zu sehen. Im Rahmen dessen bietet Klaus Schultz, ehemaliger Diakon der evangelischen Versöhnungskirche der KZ-Gedenkstätte Dachau, einen offenen Themenrundgang an. Die Teilnehmer erfahren dabei die historische Bedeutung des Fußballs während des Nazi-Regimes und die Schicksale vieler Spieler und Trainer. Andreas Wittner, Archivar der Erlebniswelt des FC Bayern München, nimmt ebenfalls am Rundgang teil und erklärt die Rolle des Münchner Vereins in Nazi-Deutschland. Eine Spurensuche des jüdischen Fußballs in Deutschland.

Der FC Bayern München, der bereits in seiner frühen Phase als "Judenclub" betitelt wurde, setzt in den 1920er-Jahren auf Vielfalt und Internationalität sowohl bei Trainern als auch bei Spielern. Es waren vor allem jüdische Ungarn, die in dieser Zeit die Trainerposten des Münchner Clubs innehatten. Dies habe aber, betont Wittner, nichts mit der Religionszugehörigkeit zu tun gehabt, sondern sie seien schlicht die besseren Trainer gewesen. "Die Bezeichnung Judenclub hängt auch mit der Anzahl jüdischer Mitglieder zusammen", erklärt Wittner. Es ist eine Zeit, in welcher der Verein einen großen Zulauf an jüdischen Mitgliedern erfährt. Als der FC Bayern 1932 zum ersten Mal den deutschen Meistertitel gewinnt, trainiert der Wiener Richard Dombi die Mannschaft, ein Jude. Ein Jahr später zählt der Verein 127 jüdische Mitglieder. Das sind mehr als zehn Prozent aller damaligen Bayernmitglieder. Noch im selben Jahr nach der Machtergreifung Hitlers tritt ein Großteil der Juden aus dem Verein aus. Dombi verlässt Deutschland im Sommer 1933.

Das sportliche Leben in Deutschland verändert sich schlagartig. "Die NS-Revolution hat den Sport massiv betroffen", erklärt Schultz. Der Fußball habe neben Leichtathletik und Turnen für das Regime eine sehr große Rolle gespielt: "Die Stadien waren rappelvoll." Die erfolgreichen Karrieren vieler Fußballer und Fußballbegeisterter enden: Alfred Strauss, einer von drei FCB-Mitgliedern, die in Dachau ermordet wurden, arbeitet vor dem Nationalsozialismus erfolgreich als Rechtsanwalt. Oder Walther Bensemann, Gründer zahlreicher Fußballvereine in Deutschland und der Fußballzeitschrift Kicker, der an die Völkerversöhnung durch den Sport glaubt. Bensemann muss wegen seines jüdischen Glaubens dem Sport in Deutschland den Rücken kehren. Ebenso Kurt Landauer, damaliger Präsident des FC Bayern München, der bereits seit seinem 16. Lebensjahr Mitglied des Vereins ist, tritt 1933 von seinem Amt zurück, um "Schaden vom Verein abzuwehren", wie er selbst erklärt.

Das NS-Regime hat den Sport mit Leichtigkeit erobert. Spieler des TSV 1860 München oder FC Schalke 04 führen einheitlich den Hitlergruß auf dem Fußballfeld aus. Dies sei zwar, wirft Schultz ein, damals nach jedem Spiel die Pflicht der Spieler gewesen, dennoch habe "der Hitlergruß im Sport einfach nichts verloren", so der ehemalige Diakon. Neben dem Vereinswappen glänzt von 1937 an auf der Brust der Spieler nun auch das schwarze Hitlerkreuz. "Fußball war ein Teil des Systems und die Menschen haben dabei als Teil des Systems einfach mitgemacht", erklärt Schultz die Bereitschaft der Sportvereine, sich dem Regime zu beugen.

In den Jahren 1933 bis 1938 dürfen jüdische Männer und Frauen nur noch in jüdischen Vereinen spielen, es gründen sich in jenen fünf Jahren jede Menge jüdischer Vereine in Deutschland: "Es gab Fußballligen eigens mit jüdischen Clubs", erzählt Schultz. Der FC Bayern nimmt 1935 den sogenannten Arierparagrafen in seine Satzung auf: Alle Mitglieder sind verpflichtet, eine eidesstattliche Erklärung abzugeben, jüdischen Familienanteil bis zur Großelterngeneration auszuschließen. Siegfried Hermann, der das Amt des Präsidenten von 1933 an innehatte, verkündet damals in einem Schreiben, dass bereits in den Jahren 1936/37 der FC Bayern kein einziges jüdisches Mitglied mehr gehabt habe. Mit der Reichspogromnacht im November 1938 wird das jüdische Sportleben dann komplett zerstört. Alle Sportaktivitäten sind für Juden nun verboten. Landauer wird in das KZ Dachau verschleppt, kommt nach weniger als 40 Tagen wieder frei und emigriert in die Schweiz.

Themenführung

Klaus Schultz (links) und Andreas Wittner in der KZ-Gedenkstätte.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Nach Kriegsende kehrt Landauer 1947 als Präsident der Bayern wieder nach Deutschland zurück. Lange war der Name Kurt Landauer in der Welt des FC Bayerns unbekannt. "In den 70er- und 80er-Jahren hat das einfach niemanden interessiert", so Schultz. Erst die Ultra-Fan-Gruppe Schickeria hat den Namen Kurt Landauer in das Gedächtnis der Bayern zurückgeholt. Sie war auch für Schultz Impulsgeber, die Geschichte historisch aufzubereiten und die Rolle des KZ Dachaus unter dem Gesichtspunkt des Fußballs zu untersuchen: "Es geht bei dem Rundgang und der Ausstellung einerseits um das historische Ereignis, andererseits geht es auch darum, was heute im Fußball passiert."

Klaus Schultz engagiert sich bereits seit mehr als 15 Jahren bei der Initiative "!Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball". Er freut sich, dass sich im deutschen Fußball seitdem viel getan hat. Das ist auch einzelnen Fangruppen wie der Schickeria zu verdanken. Freilich darf man sich nicht der Illusion hingeben, dass im Fußball keine rassistischen, homophoben, antisemitischen Parolen mehr geschwungen würden, aber "die Stadien sind nicht mehr der Resonanzkörper solcher Aktionen, wie es noch vor etwa 15 Jahren der Fall war", erklärt Schultz. Die Augen der Sportgesellschaft öffnen sich. "Vereinsführungen des Profifußballs lassen rassistische Hetze nicht mehr zu. Die Aktion "!Nie wieder" ist ein kleines Mosaiksteinchen, das diese Entwicklung unterstützt."

Die Ausstellung "Kicker, Kämpfer, Legenden - Juden im deutschen Fußball" ist noch bis Ende August montags bis samstags von 10 bis 16 Uhr und sonntags von 12 bis 13 Uhr zu besuchen. Auch die Themenrundgänge "Fußball im KZ Dachau" finden regelmäßig statt. Die genauen Termine sind auf der Homepage der KZ-Gedenkstätte Dachau einzusehen.

© SZ vom 19.07.2021
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