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Jubiläum:Wilde Jahre

Der Motorsportclub Karlsfeld hat seinen 50. Geburtstag gefeiert und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Die Mitglieder starteten mit ihren Autos bei Gaudirallyes und den legendären Orientierungsfahrten. Über eine rasante Zeit

Am Anfang stand die Leidenschaft fürs Auto. Die haben die Mitglieder des Motorsportclubs Karlsfeld (MSC) zwar immer noch, aber Geschicklichkeitsfahrten, Rallyes und ähnliches veranstaltet der Verein schon lange nicht mehr. Im Fokus der Motorsportler ist inzwischen das Modellauto - aber nicht, wie man vielleicht vermuten würde, die mit Benzin betriebenen, sondern die umweltfreundlichen Elektroflitzer. Fast jedes Wochenende treffen sich die so genannten Offroader an der Rennstrecke zwischen TSV Eintracht Karlsfeld und dem Kindergarten an der Jahnstraße. Hier wird getüftelt, gebaut, geübt und gefachsimpelt. Es ist ein Hobby, in dem viel Herzblut drinsteckt. Ab und zu werden Rennen ausgetragen. Doch die Modellautofans von heute sind nicht die Motorsportler von damals. Dennoch es ist nach wie vor ein Verein, der jetzt sein 50-jähriges Bestehen gefeiert hat und auf seine bewegte Geschichte zurückblickt.

Begonnen hatte alles mit sieben Männern, die sich regelmäßig nach der Arbeit bei Alfons Maier an der Tankstelle trafen - gleich hinter MAN an der Münchner Straße. Heute ist dort eine Autowerkstatt. Motorsportclubs waren damals sehr angesagt und so gründeten die Sieben am 10. Januar 1970 den Verein. Kurze Zeit später hatten sie bereits 30 Mitglieder. Man veranstaltete Gaudirallyes, Orientierungsfahrten, erkundete die Heimat und übte sich im Geschicklichkeitsfahren. Es waren "die wilden Jahre", schwärmen Gerald Grimme und Holger Linde noch heute. Grimme hatte damals einen Lloyd Alexander. Sein ganzer Stolz. "Es war der westdeutsche Trabbi", lacht er. Linde meisterte die Slalomrouten mit seinem NSU. Automarken, die man heute kaum noch kennt. Eine Aufgabe im Geschicklichkeitsrennen war etwa: "Man musste eine Hand mit einem vollen Masskrug aus dem offenen Fenster halten, während man den Parcours entlangfuhr. Wer am wenigsten Bier verschüttete, gewann", erinnert sich Grimme.

1983 kurvten die Mitglieder des MSC noch im Slalom mit ihren Autos auf dem Krone-Parkplatz.

(Foto: privat)

Beliebt waren auch Orientierungsfahrten. Die Teilnehmer bekamen Bilder und eine Aufgabe. Also zum Beispiel: Suche den Friedhof an der Kirche auf dem Bild und sage, was auf dem ersten Grabstein links steht. "Einer kam empört zurück", erzählt Grimme und lacht. "Du hast uns nicht gesagt, dass der Mann gerade begraben wird." Er habe den Pfarrer fragen müssen, wie der Verstorbene heiße. Leider hatte der Mann den falschen Friedhof gefunden. Eine Anekdote, die in die Vereinsgeschichte eingegangen ist.

Der MSC hatte jedoch nicht nur Spaß als Vereinszweck. Man wollte sich auch um Verkehrssicherheit kümmern und so traten die Karlsfelder 1974 dem ADAC Südbayern bei und bekamen Schulungen. Relativ bald kümmerte sich der MSC darum, dass die Kinder sicher Fahrrad fahren lernten. Es gab Fahrradturniere, bei denen die Teilnehmer Hindernisparcours bewältigen mussten. Das Highlight war das Bundesfahrradturnier 1992. Die Karlsfelder konnten allerdings nicht die ersten Plätze für sich beanspruchen, aber viele Kinder waren mit dabei. Zu den beliebten Freizeitbeschäftigungen besonders der Jugendlichen gehörten bald auch Kettcar-Turniere. Beim Münchner Stadtgründungsfest waren die Karlsfelder viele Jahre mit am Start. Jetzt gibt es das Turnier nicht mehr. Für die Autofahrer wurde im Winter 1985 erstmals ein Schleudertraining veranstaltet, damit die Fahrer ausprobieren konnten, wie man bei Schneeglätte am besten manövrieren kann.

Später kam der BMX-Boom. Man veranstaltete Rennen an der Jahnstraße, bis die Bahn dafürzu klein wurde.

(Foto: privat)

1981 bekamen die Motorsportler ein stilechtes "Vereinsheim": ein alter Omnibus ohne Motor. Die Aktiven strichen ihn liebevoll in den Vereinsfarben an: rot, gelb, blau. Das Autohaus Osterholzer trat ein paar Quadratmeter seines Hofs nahe dem Karlsfelder See ab, damit der Bus einen Platz hatte. Zehn Jahre lang war er das Zentrum der MSCler. Anlässlich des 20. Clubgeburtstags offerierte die Gemeinde den Autofans jedoch das Gelände an der Jahnstraße. Dem gingen lange Verhandlungen voraus, erinnert sich Gemeinderat Holger Linde. Er war lange Zeit Vereinsvorsitzender. "Es war ein Kampf mit dem damaligen Bürgermeister Bruno Danzer." Der alte Bus ohne Motor wurde verschrottet. Keine leichte Aufgabe, erinnert sich der jetzige Vereinsvorstand Anton Knobl. Der Bus ließ sich kaum mehr bewegen.

Anfang der Neunziger kam das BMX-Rad in Mode, ein Boom, dem sich der MSC nicht verschloss. Und so wurde das neue Gelände als Rallyestrecke für BMXer hergerichtet. 1996 endeten jedoch alle Rennambitionen des Vereins. Es wurde zu schwierig, Genehmigungen für die Strecken zu bekommen, klagt Knobl. Die Aktiven mussten ständig umplanen und verloren schließlich die Lust daran. Man zog sich auf das Vereinsleben zurück. Die BMX-Bahn entsprach plötzlich auch nicht mehr den Vorschriften für Rennen. Ein Umbau wäre zu teuer gewesen, sagt Knobl.

Heute stehen die Modellautosim Fokus der Motorsportfreunde.

(Foto: Toni Heigl)

2003 wandte man sich den Modellautos zu. Die Bahn an der Jahnstraße wurde den neuen Bedürfnissen angepasst. 2008 gab es sogar eine Deutsche Meisterschaft für Zweiradantrieb in Karlsfeld. Das lockte neue Mitglieder an. Die meisten alten blieben dem Verein aber auch treu, obwohl sie lieber selbst am Steuer sitzen als eine Fernbedienung in der Hand zu haben. 125 Mitglieder hat der MSC derzeit - wie übrigens die meiste Zeit. 50 von ihnen feierten jetzt das Jubiläum, schwelgten gerne in den Erinnerungen, freuten sich über alte Bilder und waren stolz über ihre Vielseitigkeit.

Kaum ein anderer Verein hat sich so oft grundlegend verändert, ja neu erfunden. Ein bisschen traurig sind die Autofreunde aber schon, dass sie ihre Leidenschaft nicht mehr so leben können, wie früher. Auch Josef Reischl beklagt dies. Er ist der einzige von den sieben Gründern, der noch lebt.