Jubiläum Nachwuchssorgen

"Es macht mehr Spaß, mit Gleichaltrigen zu musizieren", sagt der 22-jährige Sebastian Hofner. Der Trompeter will sich um Nachwuchs für die Blaskapelle kümmern.

(Foto: Toni Heigl)

Zur Feier ihres 60-jährigen Bestehens hat die Karlsfelder Blaskapelle wenig Grund zur Freude: Ihr gehen die Musiker aus. Hoffnung setzt sie nun in das Projekt des 22-jährigen Sebastian Hofner. Der Trompeter will mit mehr Abwechslung die Jugendlichen gewinnen

Von Christiane Bracht, Karlsfeld

Reinhard Hagitte hat Sorgenfalten auf der Stirn. Eigentlich müsste er jubilieren, denn seine Blaskapelle feiert heuer Jubiläum. 60 Jahre spielen die Karlsfelder Musiker bereits Traditionelles aus Böhmen und Bayern oder auch Klassisches. Und sie sind gefragt, egal ob Kulturfestival, Siedlerfest, Neujahrskonzert oder auch bei Veranstaltungen der Karlsfelder Werbegemeinschaft - die Bläser sorgen für Stimmung. Noch ist der Stamm der Aktiven mit fast 30 Spielern groß genug für ein gutes Konzert, doch viele sind über 70 Jahre alt, sagt der Dirigent. Vergangene Woche hätten erst wieder zwei aus gesundheitlichen Gründen absagen müssen. "Das summiert sich, und wenn das so weiter geht, wird die Blaskapelle ihr 70. Jahr nicht mehr erreichen", klagt Hagitte.

Doch der Chef des Orchesters schöpft Hoffnung. Trompeter Sebastian Hofner will sich um Nachwuchs kümmern. Eine eigene Jugendblaskapelle schwebt ihm vor. "Es macht mehr Spaß, mit Gleichaltrigen zu musizieren", sagt der 22-Jährige. Seit sechs Jahren spielt er bereits im Karlsfelder Blasorchester mit. Musik ist sein Hobby, seine Leidenschaft, und sie soll auch sein Beruf werden. Momentan studiert er an der Hochschule für Musik, um einmal unterrichten zu können. Seine Ausbildung zum staatlich anerkannten Ensembleleiter hat er bereits im vergangenen Jahr in Altötting abgelegt. Dort lernte er zwei Jahre lang neben dem Trompete spielen, auch zu dirigieren und wie man mit Gruppen Musikstücke einstudiert. Auch wie man Partituren auswählt, die dem Schwierigkeitsgrad der Musiker angemessen sind. Jetzt will er sein theoretisches Wissen in die Praxis umsetzen. Einen Flyer hat Hofner bereits entworfen und ihn auf Facebook, Whatsapp und in den Dachauer Gymnasien verteilt. Erste Interessenten gibt es schon. Hofner ist begeistert. Hagitte ebenfalls.

Mit einem Schlagzeuger, drei Posaunisten, einem Eufonium, einem Bariton und einer Trompete könne man schon etwas anfangen, sagt der junge Ensembleleiter. Aber er hofft auf mehr. "Querflöte, Saxofon, Klarinette, Tuba, Tenorhorn, noch ein Bariton und unbedingt noch mehr Trompeten", wünscht er sich. Ende Juni soll das erste Treffen der neuen Jugendblaskapelle sein.

Neu ist die Idee einer Jugendkapelle in Karlsfeld übrigens nicht. Es gab schon zwei. Die erste war die Grundlage für die Gründung des Musikvereins. Doch Mitte der Sechzigerjahre ging sie in der Blaskapelle auf. Ende der Sechzigerjahre wurde eine zweite gegründet. Unter Leitung von Manfred Becker hatte sie ihre Blütezeit, vor allem in den Achtzigerjahren. Ältere Karlsfelder erinnern sich noch gern an die fulminanten Auftritte im Bürgerhaus, am Siedlerfest und allen Veranstaltungen der Gemeinde. Bei Konzertreisen durch Ober- und Niederbayern räumten die fast 70 Kinder und Jugendlichen, die dort begeistert mitspielten, zahlreiche Preise ab. "Wir waren das Aushängeschild der Gemeinde", erinnert sich Becker. "Der damalige Bürgermeister Bruno Danzer hat uns immer gefördert." Bis zu 80 Auftritte absolvierten die jungen Bläser jedes Jahr, und sie spielten nicht nur Walzer und Zwiefachen, sondern "gehobene Literatur". Doch Ende der Achtzigerjahre war Schluss. Becker legte seinen Dirigentenstab nieder. Grund waren Differenzen mit dem Vorstand, aber auch persönliche Gründe. Der Nachwuchs machte noch ein paar Monate weiter, doch nach und nach blieben die jungen Musiker fern. Nur wenige wechselten in die Blaskapelle. Die Enttäuschung war groß.

"Wir haben einige Versuche unternommen, sind an die Schulen gegangen, haben offene Proben veranstaltet, aber ohne Erfolg", erzählt Hagitte betrübt. Der Nachwuchs interessierte sich einfach nicht für Blasmusik. "Wir haben einiges Geld investiert, um Begabte zu fördern", erinnert sich auch Altbürgermeister Fritz Nustede. "Aber der zündende Funke ist nie übergesprungen. Da war einfach die Luft raus." Fast 30 Jahre konnte die Blaskapelle nur vereinzelt Jugendliche gewinnen. "Das ist furchtbar schade", sagt Hagitte. Becker meint, es liegt daran, dass die jungen Leute den Ortsbezug im Laufe der Jahre verloren hätten und die, die Blasinstrumente spielen, orientierten sich Richtung München.

"Traditionelle Musik liegt wieder im Trend", sagt hingegen Sebastian Hofner. Und das will er nutzen, um den Bann zu brechen. Doch er will mit seinem Ensemble nicht nur bayerische Bierzeltmusik spielen, sondern auch mal Jazz, sogar Rock oder Pop könnte gelegentlich auf dem Programm stehen - Klassik natürlich auch. Die Abwechslung macht's, das hat er bei Hagitte gelernt. Alle im Alter von zwölf bis 20 Jahren, die ein bisschen spielen können, sind ihm willkommen. Einmal in der Woche ist Probe im Bürgerhaus. Wann, das wird man noch ausmachen.

"Sebastian Hofner ist ein Glücksfall. Er hat das richtige Alter, um die Jungen anzusprechen", sagt Hagitte. Der 65-Jährige will ihn nach Kräften unterstützen. Eine dritte Jugendkapelle wäre auch sein Traum. Der Traum von Hofner wäre es, zusammen mit seiner neuen Kapelle schon zum Jubiläum des Musikvereins im Juli ein Stück zu spielen.