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Jubeln, Trauern, Lachen:Die himmlische Konzertmaschine

Orgelbau und Orgelmusik wurden von der Unesco zum Immateriellen Weltkulturerbe der Menschheit erklärt. Kirchenmusiker im Landkreis sind begeistert, dass die "Königin der Instrumente" damit die ihr gebührende Würdigung erfährt

Die Orgel ist ein Faszinosum. Auch oder gerade, weil der Laie oft nur den sogenannten Orgelprospekt, also die Schokoladenseite und damit den schönen Schein, sieht. Wie viel Können erforderlich ist, um ein solches technisches Meisterwerk zum Klingen zu bringen, bleibt oft verborgen. Es sei denn, ein Konzert wird per Video in den (Kirchen-)raum übertragen. Dann wundert sich der Zuhörer bisweilen über die erstaunliche Geschwindigkeit, mit der der Organist Manuale, Pedale oder Knöpfe bedient, sozusagen alle Register zieht. Dabei ist Orgelmusik integraler Bestandteil christlicher Gottesdienste. Es gibt vermutlich ebenso viele Orgeln wie Kirchen. Alleine in Deutschland sollen 50 000 dieser mächtigen Instrumente stehen - nicht nur in Kirchen, sondern auch in Konzertsälen. Nun hat die Unesco Orgelmusik und Orgelbau zum immateriellen Weltkulturerbe der Menschheit erklärt. Diese hohe Auszeichnung entzückt selbstredend auch die im Landkreis tätigen Organisten. Sie zählen zu den etwa 3500 hauptamtlichen Orgelmusikern, die diese "transkulturelle Kulturform mit hoher Kunstfertigkeit" pflegen und weitergeben, wie der Musikwissenschaftler Professor Michael G. Kaufmann schreibt.

Unterschiedlichste Klangfarben

Fragt man Organisten danach, was ihr Instrument ausmacht, so schwärmen sie einhellig von den "unterschiedlichsten Klangfarben", wie beispielsweise Rainer Dietz, Kirchenmusiker an Mariä Himmelfahrt in Dachau. Für den Bergkirchener Robert Scheingraber ist die Orgel "wie ein großes Orchester mit den unterschiedlichsten Farben. Ich kann jubeln, trauern, lachen, weinen, also alle Emotionen ansprechen". Scheingraber sieht aber auch die Kehrseite der Medaille. Die Orgel sei ein "Machtinstrument", sagt er. "Wenn ich nicht den richtigen Ton treffe, kann ich viel kaputt machen." Was er damit meint, erläutert er an einem Beispiel: "In der Adventszeit nehme ich die Orgel zurück. Sonst wird die ganze Atmosphäre zerstört." Auch für Christian Baumgartner, Kirchenmusiker an Sankt Jakob in Dachau, ist die Orgel "die Königin der Instrumente, weil ich vom tiefsten Brummen bis zu den höchsten Flötentönen damit alles darstellen kann".

Prächtig barock ist die Orgel in Sankt Jakob.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Eine ganz spezielle Beziehung zu ihrer Orgel hat Irmgard Reichl. Sie ist seit mehr als 28 Jahren Kirchenmusikerin an Heilig Kreuz in Dachau. Als in den 1990er Jahren die Renovierung des Gotteshauses anstand, war sie entscheidend an den Planungen beteiligt. Seit 1999 spielt sie auf einem modernen Instrument, das sich mit seiner singulären Gestaltung harmonisch in den schlichten Kirchenraum einfügt. Für Reichl ist aber nicht das Äußere entscheidend, sondern dass ihr Instrument aus besten Materialien gebaut wurde, gut intoniert ist, dass es wenig störanfällig ist und es nicht so häufig nachgestimmt werden muss. Mit diesen Sorgen muss sich Dietz noch nicht plagen.

"Die größte Orgel im Landkreis mit 41 Registern"

Die neue Kaps-Orgel - wie alle Orgeln nach ihren Erbauern benannt, in diesem Fall Christoph und Matthias Kaps aus Eichenau - wurde 2015 in Mariä Himmelfahrt eingeweiht. Seinerzeit schrieb der Münchner Orgelprofessor Karl Maureen von einem Instrument, das "in seiner klanglichen und technischen Qualität internationale Vergleiche nicht zu scheuen braucht". Für Kirchenmusiker Dietz, der sich und seine Zuhörer über Jahre mit einer Orgel plagen musste, die ihr Verfallsdatum längst überschritten hatte, schwärmt von "der größten Orgel im Landkreis mit 41 Registern". Das sei im Vergleich zu ihrer Vorgängerin wie "Sportwagen fahren statt an Krücken zu gehen", sagt er. Dietz, "durch und durch Kirchenmusiker" und technikaffin, weiß, worauf es beim Orgelbau ankommt: Die Akustik muss stimmen. "Sakralmusik braucht Nachhall", sagt er. Geistliche Musik wurde und werde häufig so komponiert, "dass sie erst mit Nachhall gut ist". Zudem spielen Holz- und Metallverarbeitung sowie Optik und Design eine entscheidende Rolle.

Ein modernes Technikwunder ist die Orgel in Heilig Kreuz.

(Foto: Toni Heigl)

Doch "die Krönung ist die Musik. Ein Orgelbauer muss auch Musiker sein", sagt er. Fehle diesem der Bezug zur Musik, könne er kein gutes Instrument schaffen, selbst wenn er in der Materialwahl und -verarbeitung alle Extremsituationen wie eisige Kälte und brüllende Hitze berücksichtige. Was aber ist, wenn die Orgel nicht renoviert, restauriert oder neu ist? Helga Trager, Kirchenmusikerin in Altomünster, spielt auf einem historischen Instrument mit einer einzigartigen Vergangenheit. Die Orgel stand ursprünglich im Kloster Taxa und wurde nach dessen Abriss 1802/03 von der Altomünsterer Pfarrgemeinde gekauft. Die zweite Klosterorgel ging seinerzeit nach Niederroth. Wo sie heute noch steht. Für Helga Trager ist ihre Orgel "ein Geschenk, mit dem ich den Herrn loben und preisen darf und ein wunderbares Hilfsmittel, die Menschen zu einem besseren Singen zu bewegen". Eine Sorge hat sie allerdings: Obwohl vor einigen Jahren eine Generalreinigung erfolgt ist, fürchtet sie, dass sich im Inneren Schimmel bilden könnte. Mit diesem Problem kämpft mittlerweile rund ein Drittel aller Orgeln. Dennoch lautet ihr liebevolles Fazit: "Die alte Dame hält sich gut".

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