Jazz Leises Donnern

Lucien Dubuis (Bassklarinette) und Barry Guy (Bass) spielen mit viel Energie und Leidenschaft - sind bei den Dezibeln aber eher sparsam.

(Foto: Toni Heigl)

Seinem Namen zum Trotz stimmt das Trio "Heavy Metal Rabbit" beim Jazz e.V. eher sanfte Töne an

Von Andreas Pernpeintner, Dachau

Wer schon zwei Auftritte von Steamboat Switzerland überlebt hat, den, möchte man meinen, kann keine Fusion von Jazz und Heavy Metal, kein Lautstärkegrad mehr überraschen. Falsch gedacht. Die Wucht, mit der das Panzerballett am 24. Februar dieses Jahres die Kulturschranne überrollte, war in dieser Hinsicht eine nochmalige Steigerung in der Historie des Jazz e.V.; Programmkoordinator Axel Blanz erinnerte sich am Samstagabend mit dem Dachauer Jazzpublikum in seinen Einführungsworten noch einmal an dieses fundamentale Erlebnis.

Man mochte ja vor Monaten beim ersten flüchtigen Blick ins diesjährige Frühjahrsprogramm des Jazz e.V. denken, das "Panzerballett" würde fünf Wochen später bei "Heavy Metal Rabbit" seine stilistische Fortsetzung finden. Klingt ja beides eisenhart. Aber das ist Unsinn, wie allein schon die Besetzung offenbart: statt der E-Gitarren nun eine geradezu klassische Jazzbesetzung mit Bassklarinette, Kontrabass und Schlagzeug - und mit Barry Guy ein Bassist, der dem zuverlässigen Besucher des Dachauer Jazzclubs vertraut ist.

"Heavy Metal Rabbit" ist aber nicht nur leiser als das "Panzerballett" (das sind die meisten Bands dieser Welt), die Musik des Trios ist wirklich objektiv leise, schon zu Beginn: Bassklarinette (Lucien Dubuis) und Kontrabass ergänzen sich hier auf dem Fundament eines sanften Schlagzeugteppichs (Alfred Vogel) mit ineinandergreifenden melodischen Versatzstücken zu einer schönen Linie. Das klingt geradezu lyrisch - und so wird die erste Konzerthälfte auch bleiben. Dieses erste Set besteht nicht aus mehreren Einzelkompositionen, sondern es wird von einem einzigen, groß ausgeformten Bogen überspannt. Dass dabei das prozessuale Moment der freien Jazzmusik zum Tragen kommt, dass es allmähliche Übergänge zwischen den Klangbildern gibt, sanfte Entwicklungen der Ausdrucksmomente, und weniger abrupte Stilwechsel auf kleinem Raum, liegt in der Natur der Sache.

Und so hat diese Musik, obwohl sie von einer enormen Dichte kleiner Einzelereignisse geprägt ist, einen sehr ruhigen Puls. Selbst das Furiose (überblasene Klarinette, rasch dahinsausende Bassläufe) bleibt in der Gesamtwirkung still, geschmackvoll, elegant. Das gilt auch für Barry Guys großes Basssolo: Es ist leise. Manchmal unwirsch, aber leise. Geräuschhaft derb, aber leise. Prächtig in den Klangfarben, aber leise. Guy erschließt hier im Leisen eine ganze Welt des Bassspiels. Er zupft, er streicht die Saiten, und wenn ihm diese Spielarten nicht reichen, schiebt er einen Metallstab zwischen die Saiten, erzeugt damit Kratzgeräusche, lässt den Stab zwischen den Saiten zittern und das ganze Instrument Schnarren. Leise. Noch hemmungsloser in seiner Stille ist da nur Vogels Schlagzeugsolo gegen Ende des ersten Sets: Es dürfte das ruhigste Schlagzeugsolo sein, das beim Jazz e.V. jemals gespielt wurde. Beinahe ein Nicht-Solo - doch in seiner pastellenen Pracht einfach hinreißend.

Diese Qualität der Klangfarbengestaltung bleibt nach der Pause erhalten. Trotzdem ist die zweite Konzerthälfte grundsätzlich anders: Anstelle der weit gespannten musikalischen Entwicklungen treten deutlich kürzere Kompositionen. Das ist ein effektvoller Kontrast, zumal auch die Beißkraft der Ausdrucksmomente gesteigert wird. Wenn sich nun alle Instrumente in perkussivem, ostinatem Unisono zusammenfinden, in dem die Musik plötzlich purer Rhythmus ist, ist das keine Ästhetik des Leisen mehr, sondern sehr dezidiert. Blitzt da für einen kurzen Moment plötzlich ein akustischer Heavy Metal auf? Tatsächlich! Der Moment ist schnell vorbei. Aber er war da. Die Prägnanz dieses zweiten Sets ist eine dramaturgisch gute Ergänzung.