Odelzhausen:Gemeinsam und voneinander lernen

Lesezeit: 3 min

Die Grundschule Odelzhausen darf sich seit Kurzem Inklusionsschule nennen. Damit ist sie nun eine von insgesamt 432 Schulen, die sich in besonderem Maße um das Miteinander von Kindern mit und ohne Behinderung bemüht. Dabei helfen flexible Klassen und Brailleschrifttafeln

Von Karolin Arnold, Odelzhausen

Während des Rundgangs durch das neue Schulgebäude der Grund-, Mittel- und Realschule in Odelzhausen wünscht man sich als Erwachsene fast schon in die Schulzeit zurück: Die lichtdurchfluteten Räumlichkeiten, die sanften Farbtöne und die sehr ruhige Akustik im gesamten Gebäude lassen erahnen, dass sich hier um eine angenehme Lernatmosphäre bemüht wurde. Seit September dieses Jahres darf sich die Schulgemeinschaft aber nicht mehr nur am renovierten Bau erfreuen, sondern die Grundschule Odelzhausen darf sich auch Inklusionsschule nennen. Im Gespräch mit der Schulleitung und der Sonderpädagogin wird deutlich, dass der Begriff Inklusion für sie mehr als ein Wort ist und viel Leidenschaft in die Umsetzung gesteckt wird.

Seit mehreren Jahren schon interessiert sich die Schulleitung für das Inklusionsförderprojekt des bayerischen Kultusministeriums. In diesem Jahr hat es nun geklappt. Mit 27 anderen Schulen, in ganz Bayern verteilt, erhielt die Lernstätte kürzlich das sogenannte Schulprofil Inklusion. Nach Angaben des Kultusministeriums gibt es damit in Bayern 432 Schulen mit diesem Profil. Dafür ist eine Bewerbung nötig und mindestens zehn Schüler müssen einen Förderbedarf aufweisen. Dieser kann unter anderem im Bereich der geistigen Förderung liegen, aber auch hör-und sehbehinderte Kinder oder Schüler mit körperlichen Einschränkungen fallen darunter. Bereits im vergangenen Jahr seien die Vorbereitungen angelaufen, sagt Schulleiterin Cordula Weber. Es wurden Sichtungen der Kinder durchgeführt und Protokolle erstellt. Die daraus resultierenden, diagnostischen Berichte entschieden dann über das Schulprofil Inklusion. Ende Juli dieses Jahres fiel dann die finale Entscheidung.

Grund- und Mittelschule

Die Schulleiterin Cordula Weber (links), Konrektorin Elke Fechter (hinten) und Manuela Petzina (vorne) sitzen im Innenhof der Schule. Den Dreien liegt das Inklusionsprojekt sehr am Herzen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Durch die Anerkennung des Inklusionsprofils stehen der Grundschule nun 13 mehr Lehrerstunden zur Verfügung und Sonderpädagogin Manuela Petzina kann jetzt, zusammen mit ihrem Kollegen Martin Schegg, an mehreren Tagen unterstützend tätig sein. Das entsprechende pädagogische Konzept könne damit besser umgesetzt werden, so Petzina. Die Schüler mit entsprechendem Förderbedarf waren schon zuvor an der Schule. Ohne die zusätzlichen Kontingente habe man "das beste daraus gemacht", sagt Weber. Sie betont, dass das Profil Inklusion nicht alle Probleme löse, aber ein guter Anfang sei und sie sich darüber freue. Dennoch sei ihnen bewusst, dass die 13 Mehrstunden nicht ausreichend sind und es noch mehr Angebote bräuchte. "Ich würde jeder Schule, jeden Tag eine Sonderpädagogin wünschen", sagt Weber. Auch Petzina bekräftigt dies: "Eigentlich müsste ich jeden Tag da sein".

Die Verantwortlichen sind sich einig, dass allgemein mehr Möglichkeiten geboten werden sollten, um alle Kinder individuell zu unterstützen. Es gebe etliche andere Probleme, beispielsweise auf der psychischen oder emotionalen Ebene. Jedes Kind habe das Recht, wohnortnah zur Schule zu gehen und die Schule zu besuchen, die auch die Eltern im Sinn haben, erklärt Weber.

Sucht man nach einer Definition für das pädagogische Inklusionskonzept, so wird deutlich, dass es darum geht, keine Schüler auszugrenzen und der allgemeinen Stigmatisierung von Menschen mit Behinderungen entgegenzuwirken. Jedes Kind habe Schwierigkeiten, sagt Petzina, und sie helfe allen Schülern bei Fragen. "Es geht um ein ganz normales Lernen mit allen zusammen", so die Sonderpädagogin. Elke Fechter, Konrektorin, sagt, dass es für die Kinder zur Normalität geworden sei und sie sich gegenseitig helfen würden. Das Konzept sieht beispielsweise vor, dass die Lehrer zu zweit in der Klasse sind und die Möglichkeit haben, mit einzelnen Schülern und Gruppen individuell zu arbeiten. Christoph Schmidtke, Lehrer und zweiter Konrektor, fügt an, dass der Fokus gar nicht so sehr auf einer Schülergruppe liege: "Ich kann ja auch mal eine besonders fitte Gruppe herausnehmen".

Wird ein Förderbedarf erkannt, so werde großen Wert darauf gelegt, die Kinder im gewohnten Umfeld zu lassen, erklärt die Schulleiterin. Zu akzeptieren, dass das eigene Kind Schwierigkeiten habe, sei für viele Eltern anfangs schwer. Ebenso hätten viele Angst, ihr Kind könnte ausgegrenzt werden, so Weber. Dann gehe es um eine gute Beratung, die klarstellt, dass man dem Kind helfen möchte, um genau dieser Angst entgegenzuwirken. Elke Fechter sagt auch, dass es eine Chance biete, den Inklusionsgedanken mehr in der Gesellschaft zu verankern. "Die Kinder wachsen damit auf und nehmen es vielleicht mit ins Jugendalter", so die Konrektorin.

Die Schule besitzt Aufzüge, viele Beschriftungen finden sich auch in Brailleschrift wieder. Es gibt diverse akustische Signale und auch Hörleitsysteme sind in Teilen des Gebäudes angebracht. Durch eine spezielle Technik können die betroffenen Schüler dann ihre Umgebung besser verstehen. Die zusätzlichen Gruppenräume bieten Platz für individuelle Lerngruppen, höhenverstellbare Tische und Stühle können ebenfalls auf die Bedürfnisse der Kinder angepasst werden. Das pädagogische Konzept der Schule sieht auch flexible Klassen vor, in denen mehrere Jahrgangsstufen zusammen lernen. Lerninseln und Rückzugsmöglichkeiten seien in das "Odelzhausener Lernhauskonzept" integriert, erzählen die Verantwortlichen stolz. Allen Schülern sollen gute Lernmöglichkeiten geboten werden. Das Schulprofil Inklusion sei kein Endpunkt in der inklusiven Schulentwicklung, schreibt das Kultusministerium. Dies scheint auch in Odelzhausen so gesehen zu werden.

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