Inklusion Eine echte Chance

Karola Hanslmaier absolviert 2015 ein Schnupperpraktikum, jetzt hat sie eine Festanstellung im Kindergarten. Wie der Integrationstag zum Gewinn für Behinderte und Betriebe werden kann

Von Andreas Förster, Dachau

"Und was trauen Sie uns zu?", so lautet das Motto des vierten Integrationstags der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) in Schönbrunn. Dass man Menschen mit Handicap eine Menge zutrauen kann, zeigt das Beispiel von Karola Hanslmaier: Sie arbeitet trotz Trisomie 21, bekannt als Down-Syndrom, seit gut drei Jahren in einem Dachauer Kindergarten. Beim Integrationstag 2015 absolvierte sie dort ein erstes Schnupperpraktikum.

Karolas Tag beginnt um halb sechs Uhr morgens, um halb sieben fährt sie mit dem Bus von ihrer betreuten Wohngruppe in Petershausen nach Dachau. Von 7.30 bis 14.30 Uhr ist sie voll beschäftigt. Zunächst mit einfachen Aufgaben im Haushalt, dazu gehört das Ausräumen der Spülmaschine, Wäsche zusammenlegen, aufräumen und sauber machen. Dann hilft sie bei der Kinderbetreuung aus. Immer wieder kommen auch neue Aufgaben hinzu. Jedes Jahr definiert sie gemeinsam mit der Kita-Leitung und ihrem Jobcoach Lernziele. Dieses Jahr hat sie sich in einfache Büroarbeiten wie das Kopieren, Lochen, Tackern und Abheften eingearbeitet. Es gibt so gut wie nichts, was ihr keinen Spaß macht. Am meisten aber vertieft sie sich in ihre Mandala-Bilder. Es ist ein tägliches Ritual: Wenn die Kinder morgens ankommen, sitzt Karola schon da und malt in aller Genauigkeit die vorgezeichneten Kreisbilder aus, drum herum schauen die Kinder ihr andächtig zu.

Karola Hanslmaier (vorne) malt mit Vorliebe Mandalas aus. Anton, Mila und Betreuer Andreas Schmölz begutachten das Kunstwerk.

(Foto: Andreas Förster)

Früher hat Karola Hanslmaier in der WfbM in Schönbrunn gearbeitet - in der Wäscherei und in der Hauswirtschaft. Als sie im Frühjahr 2015 gefragt wurde, ob sie auch außerhalb des gewohnten Umfelds etwas ausprobieren möchte, war sie sofort einverstanden. "Mit jedem Beschäftigten der WfbM führen wir jährliche Zielvereinbarungsgespräche durch", erklärt Andreas Schmölz. Er ist als einer von derzeit vier Job-Coaches des Franziskuswerks Schönbrunn zuständig für die Vermittlung und Betreuung von Praktikums- oder Arbeitsplätzen für Werkstatt-Beschäftigte. "Karola wollte eine neue Aufgabe ausprobieren, wofür sich der Integrationstag als ein erstes Reinschnuppern wunderbar angeboten hat", sagt Schmölz. Wenn sich, wie bei ihr, aus dem Schnuppertag ein längeres Praktikum entwickelt, klären die Coaches die Arbeitsbedingungen, das Umfeld und alles weitere. Rund 50 Praktikumsplätze haben Unternehmen und Behörden dieses Jahr für den vierten Integrationstag zur Verfügung gestellt. Dabei sind viele Kindertagesstätten, Banken, Stadt und Landkreis Dachau, aber auch kleinere oder mittelständische Betriebe wie die Bäckerei Denk oder das Einkaufszentrum AEZ in Dachau.

Kluft überwinden

Der Integrationstag findet in dieser Form zum fünften Mal statt. Die Idee ist, zum Tag des europäischen Protesttags zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung die Fähigkeiten und Stärken deutlich zu machen, die jeder einzelne in Firmen, Behörden und Institutionen einbringen kann. Das Franziskuswerk hat in Kooperation mit der Stadt und dem Landkreis Dachau viele Unternehmen gewonnen, die einen Tag lang ein Schnupperpraktikum für einen Beschäftigten aus der Werkstatt für Menschen mit Behinderung anbieten. An diesem Tag geht es darum, die Kluft zwischen dem im Grundgesetz verankerten Anspruch der Gleichberechtigung für alle Menschen und der Lebenswirklichkeit Stück für Stück zu überwinden. Entstanden ist der Protesttag 1992 auf Initiative des Vereins Selbstbestimmt Leben, einer Interessenvertretung von Menschen mit Behinderung. SZ

Dass ein Mensch mit der Chromosomen-Anomalie Trisomie 21 dauerhaft auf dem ersten Arbeitsmarkt unterkommt, sei immer noch die Ausnahme, weiß Schmölz. "Es gibt aktuell 28 sogenannte ausgelagerte Arbeitsplätze, zum Beispiel in Pflegeeinrichtungen, auf einem Pferdehof, in einem Lager, in einer Großküche oder im Handwerk", sagt er. Drei dieser Stellen seien aus dem Integrationstag heraus entstanden, eine davon besetzt Karola.

Für den Kindergarten war die Initiative und was daraus entstanden ist ein Gewinn, versichert Jochen Borman, der Leiter des Integrationskindergartens Himmelreich. Die Fachkräfte können sich durch ihre tatkräftige Unterstützung im Haushalt besser auf ihre pädagogischen Aufgaben konzentrieren. Dazu gehört unter anderem die Betreuung von sogenannten I-Kindern, die körperlich, sprachlich oder geistig ein Handicap mitbringen, weshalb sie besondere Förderung benötigen. Mithilfe von Spenden, zunächst durch Volks- und Raiffeisenbank Dachau und die Eltern selbst und später durch den Sozialfonds Creating Alpha war und ist genug Geld vorhanden, um Karolas Arbeitsplatz Jahr zu Jahr zu verlängern.

Vom ersten Tag an hat sie die Herzen gewonnen. Zu allererst die der Kinder. Sie freuen sich, weil sie ihnen viel Zeit zum Vorlesen oder zum Spielen widmet, weil sie sie geduldig beim Schaukeln anschubst oder mit ihnen Bilder malt. "Karola hat eine zugewandte und offene Persönlichkeit", sagt Katrin Bettray, Gruppenleiterin im Integrationskindergarten. Dadurch könne man ihr auch kinderpflegerische Aufgaben übertragen, obwohl sie eigentlich als Haushaltshilfe beschäftigt sei. Genau das sei Sinn und Zweck des Integrationstags, so Schmölz: Zu zeigen, wozu Menschen mit einer kognitiven Einschränkung im Stande sind. Wie man am Beispiel von Karola Hanslmaier und dem Integrationskindergartens sieht, kann daraus viel entstehen. Anmelden ist jederzeit möglich unter www.integrationstag.de - auch schon fürs nächste Jahr.