Markt Indersdorf:Mit den Waffen des Geistes

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Markt Indersdorf: Susanna (Christine Peschke) und Figaro (Marcus Weishaar) planen die Einrichtung ihres Zimmers im gräflichen Schloss. Figaro wittert Gefahr, weil es genau zwischen dem Zimmer der Gräfin und dem des Grafen liegt.

Susanna (Christine Peschke) und Figaro (Marcus Weishaar) planen die Einrichtung ihres Zimmers im gräflichen Schloss. Figaro wittert Gefahr, weil es genau zwischen dem Zimmer der Gräfin und dem des Grafen liegt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Internationale Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation inszeniert "Figaros Hochzeit" ohne viel Brimborium. Die Nüchternheit der Aula der Indersdorfer Grund- und Mittelschule tut der Begeisterung des Publikums aber keinen Abbruch - im Gegenteil.

Von Dorothea Friedrich, Markt Indersdorf

Ihr Metier ist "Musik auf Rädern". Am liebsten Opern auf großen und kleinen Plätzen: aufs Wesentliche reduziert, ohne viel Brimborium inszeniert, von professionellen Solistinnen gesungen und ebenso professionellen Musikern gespielt. Dazu charmant moderiert. Ein Erfolgsrezept, das die Internationale Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation seit Jahren praktiziert.

Am vergangenen Samstag war das kleine Ensemble mit den großen Stimmen bereits zum siebten Mal in Markt Indersdorf zu Gast, wetterbedingt nicht auf dem großen Pausenhof der Grund- und Mittelschule, sondern in der nüchternen Aula. Das tat der Begeisterung des Publikums für diese leichtfüßig daher kommende "schwere Kulturkost" keinen Abbruch. Stand doch eine der beliebtesten Mozart-Opern "Le nozze di Figaro - Figaros Hochzeit" auf dem Programm.

Die 1786 uraufgeführte Oper mit den Texten von Lorenzo da Ponte ist bekanntlich die musikalische Umsetzung von zu ihrer Zeit ziemlich revolutionären Ideen und beruht auf dem Theaterstück "Der tolle Tag oder Die Hochzeit des Figaro" von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais. Hier spielen nicht der verkommene Adel, sondern Menschen aus dem gewöhnlichen Volk die Hauptrolle; hier werden gnadenlos alte Zöpfe abgeschnitten, wie das sogenannte "Ius primae noctis", das Recht der ersten Nacht, dekadenter Grafen. Obwohl seinerzeit die habsburgische Zensur mit Argusaugen jeden Text überwachte, lebt "Le nozze di Figaro" vom rebellisch-subversiven Charakter seiner Protagonisten, allen voran der ausgefuchste Figaro. Er lässt bekanntlich mit Witz und List seinen zu Gewalttätigkeiten neigenden Dienstherrn am Ende ziemlich dumm aussehen.

Viele Irrungen und Wirrungen

Johannes Erkes, Bratischst, Moderator und künstlerischer Leiter, hatte die nicht ganz leichte Aufgabe, das Geschehen um den testosterongesteuerten Grafen Almaviva (Thomas Schütz), seine (fast) treue Gattin Rosina (wunderbar: Alessia Broch), den schwer verliebten Figaro (Marcus Weishaar), seine kluge Verlobte Susanna (Christine Peschke) und den flatterhaften Cherubino (entzückend: Sujin Oh) so zu vermitteln, dass auch Nicht-Opernfans Spaß an der Musik und der Handlung hatten, zumal die Aufführung in italienscher Sprache stattfand. Das gelang dem erfahrenen Musiker ausgesprochen gut, auch wenn man sich bisweilen eine etwas frauenaffinere Sprache und weniger längst überholte Klischees gewünscht hätte.

Markt Indersdorf: Die nüchterne Umgebung einer Schulaula tut der Begeisterung des Publikums keinen Abbruch.

Die nüchterne Umgebung einer Schulaula tut der Begeisterung des Publikums keinen Abbruch.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Und darum geht es in dieser Kurzversion: Lüstling Graf Almaviva ist seiner Gattin müde und hat ein Auge auf Susanna geworfen. Figaro will mit allen lauteren und unlauteren Mitteln verhindern, dass der Graf bei seiner Susanna landet. Die Gräfin ist naturgemäß not amused über die Seitensprünge ihres Ehemanns. Der junge Cherubino wiederum würde am liebsten jede und womöglich jeden mit seiner Manneskraft beglücken. Nach vielen Irrungen und Wirrungen, bei denen auch die in dieser Figaro-Adaption zumeist abwesenden Personen, wie Beschließerin Marcellina, Arzt Bartolo, Musiklehrer Basilio, Gärtner Antonio und seine Tochter Barberina eine nicht unwesentliche Rolle in Sachen familiärer Bindungen spielen, kommt es zum Showdown mit den Waffen des Geistes zwischen den vier Hauptpersonen - der unzweifelhafte Höhepunkt dieser Aufführung.

Der Hunger nach Kultur vor der Haustür ist noch lange nicht gestillt

Bleibt die Frage, wie man dieses Spiel von Sex (fast) ohne Crime jeden Abend auf einem anderen Platz angemessen auf die Bühne bringt? "Musik auf Rädern" hat sich für eine Präsentation der bekanntesten Arien in klassischer Konzertmanier und ohne Bühnenhintergrund sowie für eine Reduzierung auf die Hauptpersonen der Handlung entschieden. Ein akzeptabler Kompromiss, den das hingerissene Publikum in der nüchternen Indersdorfer Schulaula gerne akzeptierte, denn wie den Gesprächen am Rande der Aufführung deutlich zu entnehmen war: Der Hunger nach Kultur vor der Haustür ist noch lange nicht gestillt - und die von der örtlichen VHS organisierten Musik-auf-Rädern-Abende gehören in der Marktgemeinde einfach dazu. So wie dieser "Figaro" ohne das wunderbare fünfköpfige Orchester nicht denkbar gewesen wäre.

Die Geigerinnen Elisabeth Heuberger und Tanja Conrad, Cellist Johannes König und Akkordeonist Alexander Kuralionok stellten mit ihrem Können und ihrem empathischen Spiel unter der Leitung von Bratischist Erkes so manches Kammermusikensemble in den Schatten. Kuralionok hatte auch die Motzart-Oper für diese spezielle Formation musikalisch eingerichtet. Als wohltuend erwies sich auch, dass in der Sängerriege erfahrene und junge Sängerinnen und Sänger nicht miteinander konkurrierten, sondern sich zu einem harmonischen Ganzen zusammenfanden, dem ein wenig mehr Bewegung auf der Bühne gutgetan hätte. Doch auch so war das Zuschauerglück vollkommen, wie Standing Ovations eindrucksvoll zeigten.

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