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In der KZ-Gedenkstätte:Am Ort des Schreckens

Der Musiker und Komponist Adolph Kurt Böhm besucht die KZ-Gedenkstätte Dachau. Hier wurde sein Vater vor 85 Jahren schwer misshandelt. Beim Rundgang erinnert er sich an die Flucht und das Leben in Paris

Es sei bedrückend für ihn gewesen, als er das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau betreten habe - zum ersten Mal und 85 Jahre, nachdem sein Vater hier von SS-Schergen misshandelt wurde, sagt der Musiker und Komponist Adolph Kurt Böhm, der im Gespräch mit Kirchenrat Björn Mensing als Zeitzeuge in der Versöhnungskirche über sein Leben erzählt. Als Sohn eines Korbmöbelherstellers wurde Böhm am 27. Juli 1926 im oberfränkischen Dorf Oberlangenstadt geboren. Sein Vater Josef, Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg, gehörte der jüdischen Gemeinde des Ortes an, die zeitweise bis zu 20 Prozent der Einwohnerschaft umfasste. Die Mutter aus dem oberbayerischen Murnau, wo Böhm heute mit seiner Frau Christl lebt, war katholisch und erzog auch ihre beiden Söhne in diesem Glauben.

Als Vierjähriger sei er ganz versessen auf ein Kinderbuch über einen Bären Mutz gewesen, habe sich von einer Tante jeden Tag daraus vorlesen lassen, erzählt er. Und "weil dann Adolph als Vorname wenig geschätzt wurde", sei dem Buben der Spitzname Mutz geblieben, auch später im Exil in Frankreich. Wenige Wochen nachdem Hitler an die Macht gekommen war, wurde sein Vater von einem Konkurrenten wegen angeblicher kommunistischer Kontakte denunziert. Der Denunziant war SA-Mann, machte Karriere bei den Nazis und wurde Bürgermeister des Heimatdorfs, sogar 1950 erneut in dieses Amt gewählt. Josef Böhm wurde am 24. April 1933 zusammen mit oberfränkischen Kommunisten und Sozialdemokraten ins KZ Dachau gebracht. Dort hielt man ihn zwar "nur" drei Wochen fest, aber misshandelte ihn dabei so schwer, dass ihm später im Exil die zerschlagene linke Niere entfernt werden musste.

Befreiungsfeier

Adolph Kurt Böhms Vater war 1933 drei Wochen lang im KZ Dachau. Für den Sohn war der Rundgang in der Gedenkstätte bedrückend.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Dass sein Vater so schnell entlassen wurde, habe er seiner Frau Maria zu verdanken gehabt, die, wie Böhm sich erinnert, "sehr schön, sehr energisch und sehr tapfer war. Sie ist zum Bamberger Erzbischof gegangen und hat ihn beschworen, sich für ihren Mann einzusetzen." Mit Erfolg, er kam frei, wenn auch unter Auflagen. "Es war für Vater sehr demütigend, dass er sich jeden Tag beim Bürgermeister melden musste, dem Mann, der ihn durch seine Denunziation ins KZ gebracht hatte." Er selbst sprach nie darüber, was er in Dachau erlitten hatte. Beschämend sei auch gewesen, dass sich fast alle Dorfbewohner gegen Josef Böhm und seine Familie gewandt hätten, obwohl er doch vielen von ihnen zuvor Lohn und Brot gegeben hätte. Eine Flucht nach Frankreich wurde daher heimlich vorbereitet. Im Winter 1933/34 war es soweit, die Böhms flohen nach Paris.

Mutz, damals noch ein Kind, erinnert sich, wie schwer die Zeit anfangs war: "Ausländer durften nicht arbeiten, Juden mussten nachweisen, wovon sie leben. Wer das nicht konnte, wurde abgeschoben zurück nach Deutschland." Weil das ein Todesurteil bedeutet habe, sei es zu vielen Selbstmorden deutscher Juden gekommen. Die Mutter arbeitete als Putzfrau, so dass die Familie wenigstens die Unterkunft bezahlen konnte, Lebensmittel habe man sich oftmals aus Mülltonnen beschafft, erzählt Adolph Kurt Böhm. Später verbesserte sich die Lage, denn da half ihnen eine alte Tante aus New York. Sie bezahlte eine anständige Wohnung. Schließlich fand der Vater eine Stelle als Buchhalter bei der deutschsprachigen Pariser Tageszeitung. Französisch lernten er und der zwei Jahre ältere Bruder sehr schnell. "Die Kinder in der Schule waren alle sehr nett, ich wurde sogar Chef einer Bande. Ich habe sehr gute Erinnerungen an diese Zeit", sagt er lächelnd. Er habe Klavierunterricht gehabt und sein Zeichentalent an einer privaten Kunstakademie weiter verfeinert.

adolph kurt böhm foto: maike freese-spott

Nach 85 Jahren begibt sich der Musiker und Komponist Adolph Kurt Böhm auf die Spuren seines Vaters.

(Foto: Freese-Spott)

Letzteres wurde wichtig, als die deutsche Wehrmacht in Frankreich einmarschierte. Der Vater war schon 1939 als sogenannter feindlicher Ausländer interniert worden, dann untergetaucht und mithilfe von Schleusern aus Frankreich in die Schweiz geflüchtet. Die Mutter wollte die Verfolgung der Juden nicht einfach hinnehmen, sie versteckte einige sogar in ihrer Wohnung. Und Mutz Böhm erzählt: "Ich habe Ausweise gefälscht, weil ich so gut zeichnen konnte. Das hat mir Riesenfreude gemacht." Doch das war nicht alles. "Ich habe auch Lebensmittelkarten gefälscht", sagt er und fügt schmunzelnd eine Anekdote an: "Ein Bäcker sagte, das hast du aber nicht gut gemacht, doch die Marke nahm er trotzdem." Für diese Hilfeleistungen, die mehreren Menschen das Leben retteten, sind er und Maria Böhm 1994 in Yad Vashem als "Gerechte unter den Völkern" ausgezeichnet worden. Im Rückblick sagt er in der Versöhnungskirche: "Mit 16, 17 hat man noch keine Angst, aber ich würde es heute wieder machen."

Kurz vor der Befreiung von Paris musste Maria Böhm mit ihren Söhnen untertauchen. "Wir waren versteckt bei Leuten, die vorher bei uns versteckt waren. Dann hat es nicht mehr lange gedauert, bis die Amerikaner da waren." Kurz danach kam der Vater aus der Schweiz zurück nach Paris, wo er erneut ein internationales Geschäft aufbaute, diesmal mit Lederarmbändern und einem zweiten Geschäftssitz in Murnau, wo seine Frau herstammte.

Mutz Böhm wandte sich mehr und mehr der Musik zu, die das Zeichnen verdrängte. Sein Musiklehrer riet ihm zur Unterhaltungsbranche, denn "mit Beethoven und Chopin können Sie kein Geld verdienen". Er beherzigte den Rat: "Langsam habe ich gut leben können." Er machte sich einen Namen als "accompagnateur de chansonniers", Begleiter von Chansonsängern, spielte aber auch am Montmartre in Nachtlokalen. "Wir haben sechs, sieben Mädchen gehabt, die haben sich entkleidet, und ich habe sie begleitet", sagt er mit spitzbübischerer Miene. Mitte der Achtzigerjahre kehrte Böhm endgültig nach Deutschland zurück, wo er dann anfing Gedichte zu vertonen. Hunderte Lieder sind so entstanden, fünf davon - nach Gedichten von Hermann Hesse und Manfred Kyber - trägt der Sänger Florian Prey, begleitet von Organistin Christine Hänsel beim Besuch der Gedenkstätte vor, dazu das Gedicht "Das Zirkuspferd", das sein Vater Josef Böhm im Schweizer Exil geschrieben hatte. Er betrat das Gelände des KZ Dachau, in dem er gequält worden war, nie wieder. Sein 92-jähriger Sohn sagt nun: "Ich hoffe, dass so etwas nie wieder passiert."

© SZ vom 25.07.2018
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