Im Tourbus mit der Bigband Dachau Das Feuer brennt

Im goldenen Licht, das sich in den Wellen des Genfer Sees bricht, hämmert die Bigband Dachau jedem den Beat ins Hirn. Ihr grandioser Auftritt in Montreux hinterlässt begeisterte Fans und die Aussicht auf eine Australien-Tournee

Von Gregor Schiegl, Montreux/Dachau

Oleander, Palmen, Prunkhotels aus dem Fin-de-Siècle und ein unfassbar goldenes Licht, das sich in den Wellen des türkisgrünen Genfer Sees bricht. Das Panorama in Montreux wirkt wie eine Traumkulisse. Einigen der 30 Musiker der "Bigband Dachau"kommt es bis kurz vor dem Auftritt am Freitagnachmittag noch so vor, als könnte das alles nicht real sein. "So was schafft man als Normalsterblicher nicht", sagt Schlagzeuger Jan van Meerendonk. Und doch, jetzt sind sie da. In Montreux. Als Teilnehmer eines der größten und renommiertesten Jazz-Festivals der Welt. Wahnsinn.

Band-Leader Tom Jahn legt die Latte entsprechend hoch: "Die Leute sollen sich an uns als die geilste Bigband der Welt erinnern." Das ist nicht nur künstlerisch eine enorme Herausforderung, der Auftritt hat auch eine politische Symbolkraft. "Wenn ihr auf die Straße kotzt, steht der Name Dachau drauf." Selbstkontrolle ist also angesagt. Einerseits. Andererseits aber auch Lockerheit, Spontaneität, mitreißende Spielfreude. Jazz ohne Freiheit, das gibt es nicht, nirgendwo. Erst recht nicht in Montreux.

Für die jungen Bandmitglieder ist es das Konzert ihres Lebens

Man könnte meinen, die jungen Musiker der Knabenkapelle Dachau - der unglaublich talentierte Luca Zambito am Keyboard ist gerade mal 16 Jahre alt - müssten nun wahnsinnig unter Druck stehen. Aber wen man auch fragt: Alle sagen, das sei kein Druck, nein, eher Ansporn, Rückenwind. Der Wille, die Chance zu nutzen für das Konzert ihres Lebens, ist mit Händen zu greifen. Und dann ist es so weit. Tom Jahn eröffnet das Konzert mit einem Zitat von Gustav Mahler: "Mein Verständnis von Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitertragen des Feuers." Bigband war zu Zeiten Count Basies wilde Tanzmusik, nichts Akademisch-Arriviertes. Damit die Leute abgehen, reicht es aber nicht aus, ein paar schmissige Phrasen einzustreuen und ab und an mal einen Upbeat reinzuknallen, dafür braucht es heute mehr.

"You are great!": Die Rufe der begeisterten Fans klingen den Musikern der Bigband Dachau noch in den Ohren.

(Foto: Renate Schiegl/oh)

Zum Beispiel das treibende Stampfen von Techno-Beats, das Jan van Meerendonk und Thomas Salvermoser auch analog fantastisch hinkriegen, nur mit Kraft, Präzision und ein paar Sticks. Der Beat hämmert sich ins Hirn, erbarmungslos, auch die Ü 60-Zuschauer in der prallen Sonne wippen mit den Hüften und werfen die Arme in die Luft. "Repetition, Repetition und alle tanzen auf den Tischen", ruft Tom Jahn. Wiederholung, das ist das Rezept. Und dann, wenn sich schon fast ein Moment der Monotonie einstellen will, pfeffert die Band ein "Tadadaa!" dazwischen wie in ihrem "Techno No. 5"und wechselt abrupt den Rhythmus. Umpfda-tsss-tsss. Bämmm!

Sie spielen, als hätten sie den Jazz neu erfunden

Viele Leute, die über das Festival-Gelände schlendern, kommen, um zu sehen, was für eine Band das ist, die diesen "verdammten Beat" raushaut und bleiben verwirrt stehen. Wippen mit dem Fuß. Nicken. Klatschen. Nicht wenige bleiben bis zum Schluss. Von etwa 80 Zuhörern wächst das Publikum nach und nach auf beachtliche 400. Auf vielen Gesichtern sieht man ein glückliches und etwas ungläubiges Staunen, dass es so etwas gibt wie diese Bigband Dachau, die so jazzig klingt und doch so unheimlich frisch, als wäre der Jazz erst ums Jahr 2010 erfunden worden - und auch noch irgendwo in Bayern.

Sänger JJ Jones trägt einen Anzug mit weiß-blauen Rauten. Dass dieses Wahnsinnsteil made in Holland und großteils aus nicht gerade sommertauglichem Polyester ist - bei diesem Auftritt spielt Hitze keine Rolle. Jeder brennt. Jeder schwitzt. Und manchmal überhitzt auch etwas in den Schaltkreisen. Band-Leader Tom Jahn changiert in den Ansagen atemlos von Französisch zu Englisch und Italienisch, manchmal auch mitten im Satz. Das Wort "Love" kommt sehr oft vor. Die Bigband Dachau umarmt Montreux, umarmt die ganze Welt. Oder versucht es zumindest.

Als die Festival-Organisation keine Zugabe erlaubt, ist das Publikum empört

"Das war ein unfassbares starkes Konzert mit einer Wahnsinnsenergie", wird der Bandchef später sagen. Das Publikum tobt, ruft nach Zugabe. Die wird - entgegen aller Usancen - von der Festival-Organisation zunächst erlaubt. Dann aber wird die Zugabe zurückgezogen, das Publikum tobt. Diesmal vor Empörung. Die Leute wollen ihren verdammten Beat. Es ist kein perfektes Konzert, bestimmt nicht; es gibt kleine Schnitzer, es gibt das eine oder andere technische Problem, aber die Herzen des Publikums haben die Dachauer erobert.

Eine Wahnsinnsenergie - die Schlagzeuger der Bigband Dachau bei ihrem Auftritt auf dem Jazzfestival in Montreux.

(Foto: Renate Schiegl/oh)

Das zeigt sich einen Tag später, als die Bigband schon auf der Heimfahrt ist. Es ist kurz nach zehn Uhr, als der Reisebus in Deitingen Süd den ersten Zwischenstopp macht, an "Cindy's Diner", 120 Kilometer von Montreux entfernt. Neben dem Bus hält ein Wagen, ein Paar steigt aus, stürmt auf die noch etwas verknitterten Musiker zu und sagt in amerikanischem Englisch: "Ihr seid großartig! Großartig seid ihr!" Die beiden US-Bürger aus Los Angeles leben in Montreux, tags zuvor haben sie die Bigband spielen gehört und gesehen. Als sie auf der Autobahn im Rückfenster des Busses das Schild mit dem Namen "Bigband Dachau" entdeckten, mussten sie es den Dachauern einfach sagen: "Wir wurden sofort angezogen, als wir eure Musik gehört haben. So einen Sound haben wir noch bei keiner Bigband erlebt."

Die Dachauer träumen schon von einer Australien-Tournee

Auch die Bigband Dachau hat in Montreux eine Band ins Herz geschlossen: die "Sweethearts" aus Australien, die direkt vor ihnen auf der Parkbühne gespielt haben und wahrscheinlich als einzige Formation noch jünger waren als die Dachauer. Keine der Sängerinnen ist älter als 17, aber ihre Stimmen sind fantastisch. "You did the hell of a job", preist Tom Jahn ihre Performance. Und die Australierinnen erwidern die Sympathie: Sie tanzen und klatschen während des ganzen Konzerts der Bigband. Da hat etwas gefunkt.

In ein bis zwei Jahren könnte es vielleicht sogar eine Australien-Tournee mit den "Sweethearts" geben. "Das klingt komisch, ist aber gar nicht so unrealistisch", sagt Jahn. Die Dachauer haben schon einige Kontakte zu den jungen Talenten der Sweethearts geknüpft. Das Feuer brennt.