Im Gespräch "Motor der zeitgenössischen Kunst"

2019 feiert die Künstlervereinigung Dachau ihr 100-jähriges Bestehen. Der Vorsitzende Johannes Karl will den Blick im Jubiläumsjahr vor allem in eine Richtung lenken: nach vorne

Interview von Gregor Schiegl, Dachau

Aus dem "Rat der geistigen Arbeiter" ging 1919 die "Künstlergruppe Dachau" hervor, der 44 Künstler angehörten. Sie waren nach dem Ersten Weltkrieg in Dachau geblieben. Nach einer ersten Ausstellung im Dachauer Schloss löste sich die Gruppe infolge von Not und Arbeitslosigkeit in den darauf folgenden Jahren wieder auf. 1927 schlossen sich Dachauer Künstler dann in der "Künstlervereinigung Dachau" (KVD) zusammen, die bis auf eine kurze Unterbrechung nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute besteht. Als eine der letzten selbständigen Künstlervereinigungen in Bayern feiert sie im kommenden Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. KVD-Vorsitzender Johannes Karl erläutert im Gespräch mit der SZ Dachau das Selbstverständnis der traditionsreichen Künstlervereinigung sowie ihre Pläne für das Jubiläumsjahr 2019.

SZ: Herr Karl, was war die KVD bei ihrer Gründung 1919 und was ist sie heute?

Johannes Karl: Die KVD ist aus der Zeit der Künstlerkolonie entstanden, als die Landschaftsmaler in die Vororte der Großstädte gingen, um dort zu malen. Eine größere Handvoll etablierter Künstler ist in Dachau geblieben und hat sich hier niedergelassen. Natürlich wollten sie dementsprechend auch als gesellschaftliche Größe wahrgenommen werden. Ich glaube dass die Stadt Dachau, aufbauend darauf, dass es hier mal eine Künstlerkolonie gab - und auch bewusst als Kontrapunkt zu ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit - es sehr befördert hat, dass es hier eine aktive Künstlerschaft gibt. Und das tut sie auch noch heute. Die KVD ist als Künstlervereinigung mit so langer Tradition schon eine Besonderheit und sie will in Dachau auch weiter ein Motor der zeitgenössischen Kunst sein.

Es gibt nicht viele Künstlervereinigungen, die nach 100 Jahren noch existieren. Wie feiert die KVD dieses Jubiläum?

Wir haben zum einen ein ganz spezielles Ausstellungsprojekt vor, das im Sommer stattfinden wird: Es heißt "Raus". Damit wollen wir die Kunst tatsächlich in die ganze Stadt bringen, also nicht in irgendwelche Ausstellungsräume gehen, sondern die Kunst für alle als Teil der Stadt erlebbar machen. Dazu soll es so eine Art Rundweg geben, der vom Bahnhof über den Sparkassenpark über die Münchner Straße führt, den Karlsberg hoch und den gesamten Altstadtbereich einschließt. Ob das Schloss mit dabei sein wird, wissen wir noch nicht; es ist immer schwierig mit den Anträgen (Hausherr ist die Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung, nicht die Stadt Dachau; Anm. d. Red.) . Es wird natürlich auch ein Fest geben und Ausstellungen, die sich auch thematisch mit der Geschichte der KVD auseinandersetzen. Aber es soll nicht nur die ganze Zeit ein Geschichtsaufarbeitungsjahr sein. Uns war ganz wichtig, dass wir uns als zeitgenössische Künstler vor allem damit beschäftigen, wie es weitergeht: Was fasziniert und bewegt uns heute und auch in Zukunft?

Vor allem junge Künstler zieht es in die Metropolen. Johannes Karl, Vorsitzender der Künstlervereinigung Dachau, will die fast 100 Jahre Vereinigung deshalb noch stärker zu einem künstlerischen Netzwerk ausbauen.

(Foto: Toni Heigl)

Also kein Blick zurück?

Solche Ansätze gibt es natürlich auch. Die Gemäldegalerie hält die Anfangsjahre in einer Ausstellung fest, die im Mai 2019 zu sehen sein wird, und wir haben auch eine Ausstellung über den ersten Präsidenten der KVD nach dem Zweiten Weltkrieg, Adolph Schinnerer, die Norbert Göttler (Bezirksheimatpfleger und früherer Dachauer Kreisheimatpfleger; Anm. d. Red.) mit angestoßen hat. In dieser Ausstellung soll aber auch eine Brücke geschlagen werden zu aktuellen Künstlern der KVD, die sich mit ähnlichen Techniken oder Themen auseinandersetzen.

SZ: Was ist mit der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, speziell zwischen 1933 und 1945?

Wir haben am Anfang schon überlegt, wie wir damit umgehen sollen. Andreas Kreutzkam hat über die vergangenen Jahre hinweg eine Chronik geschrieben, die einen groben Überblick bietet über alles, , was sich geschichtlich gut nachvollziehen lässt. In der Zeit zwischen '33 und '45 hat sich unseres Wissens die KVD weder besonders positiv noch besonders negativ hervorgetan. Sie ist mehr oder weniger mitgeschwommen, was es wenig spannend macht, die Zeit zu thematisieren. Es ist natürlich auch recht schwierig, weil man historisch schon sehr genau arbeiten müsste.

Wie breit wurde der Diskussionsprozess innerhalb der KVD im Vorfeld des Jubiläumsjahrs geführt?

Tatsächlich sehr breit. Es gab im Sommer 2017 erstmals einen Workshop, zu dem wir alle KVD-Mitglieder eingeladen haben. Dort hat man sich einige Ideen vorgenommen und sondiert, wie die Umsetzung aussehen kann. In der Folge hat der Vorstand die wesentlichen Weichen weiter gestellt, aber das ist auch immer wieder in Abstimmung mit den Mitgliedern geschehen.

Der Wandel der Zeit spiegelt sich auch in den Ausstellungskatalogen der KVD von 1968 bis 2004 wider.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

SZ: Spielt es für die Künstlervereinigung von heute noch ein Rolle, dass sie die "Künstlervereinigung Dachau" ist?

Ja und Nein. Die geschichtlichen Verflechtungen lassen sich gut an zwei Beispielen zeigen : Zum einen gibt es die Verbindung über Euro-Art, in der sich alle ehemaligen Künstlerkolonien zusammengeschlossen haben. Dort zeigt sich übrigens, das Dachau hinsichtlich zeitgenössischer Kunst relativ allein dasteht: In den meisten anderen Orten ist das künstlerische Schaffen in der Zeit um 1930 stehen geblieben. Dachau ist hier die große Ausnahme. Zum anderen gab es ja auch noch die "Gruppe D" in den Achtzigerjahren: Sie hat versucht das Thema Nationalsozialismus, das die Politik in der Stadt Dachau damals nach Kräften versucht hat, unterm Teppich zu halten, stärker ins Bewusstsein der Leute zu bringen. Auf der anderen Seite interessiert uns als Dachauer Künstler einfach die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst. Die lässt sich von hier genau so gut verfolgen wie von jedem anderen Ort.

Welche Rolle sollte die KVD nach Ihrer Ansicht in der Stadt und in der Kunst in der Zukunft spielen?

Wir sind schon sehr präsent und werden in Dachau auch wahrgenommen. Was für uns ein großes Thema ist, ist den Bezug zu den vielen neu Hinzugezogenen herzustellen. Ein Thema ist auch, wie wir immer wieder neue Künstlergenerationen für die KVD gewinnen können. Mit der Nähe zu München und den kurzen Wegen, die es heutzutage gibt, merkt man schon, dass es die jungen Künstler mehr in die großen Städte zieht. Daher ist es wichtig, dass wir ein Pol sein können, der Verbindungen hält und so auch ein Netzwerk bildet.