Ausstellung in DachauDer Glanz von Hundertwasser

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Bausteinurkunde des Martin-Luther-Gymnasiums in Wittenberg. Typisch für Hundertwasser ist die Metallfolienprägung.
Bausteinurkunde des Martin-Luther-Gymnasiums in Wittenberg. Typisch für Hundertwasser ist die Metallfolienprägung. (Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Dachauer Galerie „KA7“ zeigt Arbeiten des populären Künstlers auf Papier in unterschiedlichen Techniken vom Siebdruck bis zum japanischen Farbholzschnitt.  Und weil es schon wieder auf Weihnachten zugeht: Adventskalender gibt es auch.

Von Gregor Schiegl, Dachau

Man muss in keinem Museum gewesen sein, um die Werke von Friedensreich Hundertwasser zu kennen. In den 1980er-Jahren genügte es schon, einen Baumarkt zu betreten, einen Schreibwarenladen oder ein Möbelhaus. Hundertwasser-Motive zieren Tassen, Kalender und Kühlschrankmagnete, die verspielten Formen und die Farbenfreude schmeicheln dem Auge, und man muss kein Experte sein: Hundertwasser erkennt man sofort. Kaum ein Künstler des 20. Jahrhunderts hat es geschafft, sich eine derartige Popularität zu erarbeiten.

Das merkt gerade auch Josef Lochner. In seiner Galerie „KA7“ in der Dachauer Altstadt verzeichnet er ungewöhnlich hohe Besucherzahlen seit dem Start seiner neuen Ausstellung: 400 Kunst-Fans in nur drei Wochen, und das ganz ohne Werbung. „Das ist schon toll“, sagt Lochner. Hundertwasser zieht, da mag es aus der Kunstkritik noch so harsche Verdikte geben: Kitsch, Kommerz und Oberflächlichkeit. Mit der Inbrunst, mit den ihn die einen hassen, lieben ihn die anderen. Und wer bisher noch keine Meinung dazu hatte, kann sie sich im „KA7“ frei Haus bilden.

Die kleine Galerie zeigt zahlreiche Arbeiten auf Papier in unterschiedlichen Techniken wie Siebdruck, Lithografie, Farbradierung oder Farbholzschnitt. Entstanden sind sie im Zeitraum von 1964 bis 1992. Kunstgeschichtlich besonders interessant sind die Farbholzschnitte „Pacific Steamer“ von 1985 und „Pacific Raindrop on Tahiti“ von 1989. Hundertwasser war der erste Europäer, der diese anspruchsvolle traditionelle Technik, gemeinsam mit einem japanischen Holzschneider, angewandt hat. Passend zur Jahreszeit hat Lochner auch im Sortiment: einen Hundertwasser-Adventskalender, 20 Euro das Stück.

Charakteristisch für Hundertwasser ist die Einprägung verschiedenfarbiger Metallfolien in das Papier. Es erzeugt eine räumliche Wirkung mit glänzender Struktur. Besonders eindrucksvoll zu sehen ist das in der Serigrafie „Good Morning City“. Der Glitzereffekt erinnert an die goldenen Akzente in Gustav Klimts ornamentalen Bildern. Für Hundertwasser war der Jugendstil-Künstler tatsächlich ein wichtiger Bezugspunkt. Hundertwasser entwickelte allerdings seinen ganz eigenen, um nicht zu sagen singulären Stil:  organisch, lebendig, wachsend. Oder, wie er seine Malerei selbst nannte, „vegetativ“.

Der japanische Farbholzschnitt „Pacific Steamer“.
Der japanische Farbholzschnitt „Pacific Steamer“. (Foto: Niels P. Jørgensen)
Der Galerist Peter Femfert aus Frankfurt berichtet über seine Zusammenarbeit mit dem exzentrischen Hundertwasser. Rechts im Hintergrund ein Exemplar aus der Edition „Homo Humus Come Va How Do you do – 10 002 Nights“.
Der Galerist Peter Femfert aus Frankfurt berichtet über seine Zusammenarbeit mit dem exzentrischen Hundertwasser. Rechts im Hintergrund ein Exemplar aus der Edition „Homo Humus Come Va How Do you do – 10 002 Nights“. (Foto: Niels P. Jørgensen)
Das „Blumenhaus“ ist eine dekorative Vase.
Das „Blumenhaus“ ist eine dekorative Vase. (Foto: Niels P. Jørgensen)
Die Bäckerei Denk im Hundertwasser-Stil. Den Gockel hat der Dachauer Künstler Heinz Eder kreiert.
Die Bäckerei Denk im Hundertwasser-Stil. Den Gockel hat der Dachauer Künstler Heinz Eder kreiert. (Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Farben setzte er instinktiv ein, Theorien interessierten ihn wenig. Er bevorzugte intensive, leuchtende Töne und stellte Komplementärfarben bewusst nebeneinander – auch, um die Dynamik seiner Spiralen zu betonen. Diese Form taucht von 1953 an immer wieder in seinen Werken auf und ist auch augenfällig in vielen Bildern dieser Ausstellung. Der labyrinthische Spiralstil hat nach Überzeugung der Kunstwissenschaftlerin Felicitas Heimann-Jelinek seine Wurzeln in den traumatischen Erfahrungen der Jahre 1938 bis 1945. Für die Nazis war der 1928 in Wien als Friedrich Stowasser geborene Mann ein „Halbjude“. Mehr als 80 seiner Verwandten wurden deportiert und im Konzentrationslager umgebracht, darunter die Großmutter und die Tante.

Die in Dachau ausgestellten Werke sind allesamt Leihgaben des Frankfurter Galeristen Peter Femfert. Er lernte Hundertwasser 1974 beim Segeln in der Karibik kennen. Dessen umgebauter Salzfrachter Regentag lag neben seiner Yacht vor Anker. Femfert empfand den Künstler als ziemlich schräg, „nicht nur wegen seiner bunten Socken“. Doch es dauerte nicht lange, bis die beiden ein Vertrauensverhältnis zueinander aufgebaut hatten.

„Hundertwasser war es wichtig, dass seine Werke für alle verfügbar sind.“

Femfert, damals noch Abteilungsleiter bei einem US-Unternehmen, kündigte seinen Job und wurde Galerist. Gemeinsam mit Hundertwasser entwickelte er eine der aufwendigsten Editionen, die je auf den Kunstmarkt gekommen sind: „Homo Humus Come Va How Do you do – 10 002 Nights“. Inspiriert war es von „1001 Nacht“, aber 1001 Exemplare waren dem Künstler zu wenig, 10 002 mussten es sein. „Hundertwasser war es wichtig, dass seine Werke für alle verfügbar sind“, erklärt Femfert.

Die Nummer 211 ist in Dachau zu sehen: ein vor hellblauem Hintergrund silbern folierter Zwiebelturm, darunter ein rundes Gesicht mit zwei Mündern und sechs Augen. Es gibt noch 10 001 andere Versionen – andere Farben, andere Folien, jedes Blatt musste ein Unikat sein. Darauf bestand Hundertwasser. Die Druckkosten von 100 000 Mark musste natürlich Femfert bezahlen – zuzüglich der einen Million Mark Honorar für den Künstler. „Da hat es hier ganz schön geklappert“, sagt der Frankfurter Galerist und klopft mit der Hand auf die Brust.

Das „Hundertwasser-Haus“, das nicht so heißen darf

Hundertwasser versuchte sich auch als Architekt und baute, wie er malte, farbenfroh und rund. Die gerade Linie lehnte er ab. Sie galt ihm als Symbol der Unterdrückung, als Ausdruck des Rationalismus, der den Menschen von der Natur trennt. Die Keramikvase in Gestalt eines „Blumenhauses“ liefert entsprechendes Anschauungsmaterial – im Kleinen.

Man kann aber auch einfach mal beim „Hundertwasser-Haus“ vorbeischauen. So nennen die Dachauer das auffällige, blaue Gebäude der Bäckerei Denk in der Münchner Straße. Es ist zwar nicht von Hundertwasser gebaut, ist aber in Stil und Geist von Friedensreich Hundertwasser für naturnahes und menschenwürdiges Wohnen gestaltet.  Am Samstag, 25. Oktober, 15.15 Uhr, nach Galerieschluss, berichtet Peter Denk vor Ort über die Entstehung und Ausführung dieses spannenden Projekts.

Friedensreich Hundertwasser: Ausstellung in der Galerie „KA7“, Konrad-Adenauer-Straße 7 in Dachau. Öffnungszeiten: Donnerstag, 16 bis 19 Uhr, Samstag, 12 bis 15 Uhr, Sonn- und Feiertage, 14 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung, Telefon 08131/66 78 18 oder 0162/455 96 99. 

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