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Hommage an Johann Sebastian Bach:Weichet nur, betrübte Schatten

Sehr empathisch tragen die Indersdorfer Kirchenmusiker Christian Paukner und seine Frau Ekaterina Paukner die Werke der Bach-Familie vor.

(Foto: Toni Heigl)

Christian und Ekaterina Paukner spielen Werke der Bach-Familie - ein "Probelauf" für weitere Konzerte in der Petersberg-Basilika

Von Dorothea Friedrich, Erdweg

Das wegen der Corona-Pandemie auf 2022 verschobene diesjährige Leipziger Bachfest stand unter dem Motto "We are Family". Nicht nur weil sich Chöre und Solisten aus aller Welt angesagt hatten, sondern hauptsächlich, weil die Musik des weitverzweigten Bach-Clans - von den Vorfahren bis zu den Nachkommen Johann Sebastian Bachs - im Mittelpunkt hätte stehen sollen respektive stehen wird. Eine kleine Vorahnung, was es mit der berühmten und durchaus einflussreichen Familie auf sich hatte, gab es am Sonntagabend in der immer aufs Neue beeindruckenden romanischen Basilika Sankt Peter und Paul auf dem Petersberg. Der Indersdorfer Kirchenmusiker Christian Paukner und seine Frau Ekaterina Paukner hatten Musik der Bach-Familie ausgewählt.

Der besondere Reiz dieses ersten Konzerts 2020 auf dem Petersberg lag in der Zusammenstellung der Instrumente: Orgel (Christian Paukner) statt des sonst üblichen Cembalos als Begleitung und Violine beziehungsweise Viola (Ekaterina Paukner). Auf dem Programm standen Carl Philipp Emanuel Bachs Sonate in C (Wq 73), zwei Orgelsolostücke von Johann Michael Bach, Johann Sebastian Bachs Sonate IV, c-moll (BWV 1017) und Johann Christoph Friedrich Bachs Sonate in D aus dem Jahr 1789. Schon vor Konzertbeginn ging im sorgsam die Abstandsregeln beachtenden Publikum das große Rätselraten los: Welcher Bach ist wie mit wem verwandt? Eine Frage, an der selbst eingefleischte Bachianer gerne scheitern. Johann Michael Bach (1648-1694) war der Vater von Johann Sebastian Bachs erster Frau Maria Barbara Bach. Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) war der zweite überlebende Sohn aus dieser Ehe - und zu seinen Lebzeiten sehr viel berühmter als sein Vater. Johann Christoph Friedrich Bach (1732-1795) schließlich war das sechzehnte der 20 Kinder des Thomaskantors und das neunte aus dessen Ehe mit Anna Magdalena.

Mit der Sonate in C hatten Christian und Ekaterina Paukner einen stimmigen Auftakt gewählt. Beschwingt von der allgemeinen Erleichterung über das Ende der strengen Corona-Einschränkungen kam der erste Satz daher. Nachdenklich besinnlich wie die Dauerwarnungen vor allzu viel Sorglosigkeit erklang der zweite Satz. Hoffnung war der Schlussakkord dieser so harmonisch gespielten Sonate, wobei sich schnell herauskristallisierte: Die Orgelbegleitung überhöhte dieses Konzert noch einmal, gab ihm eine fühlbare sakrale Ausstrahlung. Die zwei kleinen Orgelsolostücke mit den beziehungsreichen Titeln "Von Gott will ich nicht lassen" und "In Dich hab ich gehoffet, Herr", waren die beeindruckende Umrahmung für die Sonate IV c-moll des Thomaskantors. Diese verführt mit ihrem leicht melancholischen und doch ganz sanft schwingenden Eingangssatz zu Italien-Reminiszenzen. Nicht ohne Grund, denn zur Entstehungszeit der Sonate (um 1720) war die musikalische Welt im "Siciliano"-Fieber. Wer bei dieser anrührenden Musik dachte: Das kenne ich doch, lag nicht falsch. Im "Erbarme Dich" der Matthäuspassion taucht sie wieder auf. Nach dem aufwühlenden, spannungsgeladenen Fugensatz ließen Ekaterina und Christian Paukner die Sonate ganz locker und heiter ausklingen. Das war eine gelungene Überleitung der abschließenden Sonate in D mit ihren tänzerischen Figuren und so viel musikantischem Schwung, dass man am liebsten mit Johann Sebastian Bach darauf reagiert und gerufen hätte: "Weichet nur, betrübte Schatten", wie es in seiner Kantate 202 heißt.

Was aber machte den Zauber dieses nur gut einstündigen Konzerts aus? Das waren einmal die sorgsam aufeinander abgestimmt, mit Können und Empathie spielenden Solisten. Das war natürlich die Musik der Bach-Familie. Das war nicht zuletzt die mystische Ausstrahlung der Petersberg-Basilika. So entstand ein harmonischer Dreiklang, der weit über den Sonntagnachmittag hinaus trägt. Und der die Vorfreude auf kommende Ereignisse gewaltig steigert. Denn Pfarrer Josef Mayer kündigte an, nach diesem "Probelauf" plane man weitere Konzerte auf dem Petersberg. Wenn das keine gute Nachricht für die "Petersberg-Familie" und ihre Freunde ist.

© SZ vom 23.07.2020

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