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KZ-Gedenkstätte Dachau:Digitales Zeugnis Holocaust-Überlebender

Wie durch ein Wunder hat Eva Umlauf als Kleinkind das Vernichtungslager Auschwitz überlebt. Im Kinosaal der KZ-Gedenkstätte Dachau beantwortet sie Fragen der Zuhörer. Diese Aufgabe übernimmt eines Tages ihr Hologramm

Von Johanna Hintermeier, Dachau

Eva Umlaufs zierliche Gestalt versinkt beinahe in dem großen roten ledernen Ohrensessel. Doch mit fester Stimme, das Mikrofon lässig in der Hand, liest sie aus ihren Erinnerungen an ihre Kindheit im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, die unter dem Titel "Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen" erschienen ist. Unter den etwa 50 Besuchern im Kinosaal der KZ-Gedenkstätte Dachau sind am vergangenen Samstag auch sehr viele junge Menschen.

Die Nummer auf dem Unterarm ist die Häftlingsnummer A-26959, die Eva Umlauf als fast zweijähriges Kind im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau tätowiert wurde. Ján Karšai, ein Freund Umlaufs, verfasste ein Gedicht über ihre Zeit dort, der Titel war namensgebend für die 2016 beim Verlag Hoffmann und Campe erschienene Autobiografie. Heute, sagt Umlauf, sei die Farbe auf ihrem Arm wie die ihrer Iris verblasst.

Was nicht verblassen und vergessen wird, ist die Lebensgeschichte und Wesensart Eva Umlaufs. Um dies sicherzustellen, hat ein Forschungsteam der Ludwig-Maximilians-Universität München ein Hologramm der Zeitzeugin erstellt. Die digitale Eva Umlauf sitzt im selben roten Ohrensessel und antwortet interaktiv auf Fragen, die ihr Besucher in der Ausstellung "Digitales Zeugnis" in der KZ-Gedenkstätte stellen. Es gibt viel zu berichten.

Geboren ist sie 1942 im Arbeitslager Nováky in der ehemaligen Slowakischen Republik. Ihre Mutter ist 21 Jahre alt und erneut schwanger, als sie mit der kleinen Eva nach Auschwitz transportiert wird. Eine Fahrt in den sicheren Tod, denn Schwangere und Kinder die keine Zwangsarbeit verrichten können, werden in der Regel sofort vergast. Das schiere Glück rettet der Kleinfamilie das Leben. Am 31. Oktober 1944, als die Rote Armee auf dem Vormarsch ist, stellt das NS-Regime die Vergasung ein und versucht so, die Massenvernichtung zu vertuschen und Beweismaterial zu vernichten.

Eva Umlauf liest aus ihren Erinnerungen "Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen".

(Foto: Toni Heigl)

Am 2. oder 3. November 1944 erreichen Eva und ihre Mutter Birkenau - die Forschung nennt diesen Zug heute den "glücklichen Transport". Als Eva bei der Ankunft die Häftlingsnummer gestochen wird, fällt sie in Ohnmacht. Ein Arzt, selber jüdischer Häftling, sagt ihrer Mutter bei einer Untersuchung: "Vergessen Sie das Kind, es wird nicht leben." - "Die Liste mit meinen Krankheiten war länger als die Zeilen auf der Krankenakte", erklärt Eva Umlauf heute. Sie schafft es, allen Widerständen zum Trotz. Und sie wird Kinderärztin.

Es ist eine ehrgeiziges Biografie: Studium der Medizin in Bratislava, dann zieht sie zu ihrem ersten Mann, selbst Holocaust-Überlebender nach München, in "das Land der Mörder", wie sie sagt. Sie wird Anfang der 1970er-Jahre Assistenzärztin für Pädiatrie - zu einer Zeit, in der die wenigsten Mütter einen Beruf ausüben. Ihr erster Mann stirbt bei einem Unfall. Die Ehe mit dem zweiten Mann geht in die Brüche. Umlauf wird in München heimisch, sie leitet eine Kinderarztpraxis und schließt eine Zusatzausbildung zur Psychotherapeutin ab.

Sie blickt nicht oft zurück. Das Verdrängen der Vergangenheit war ihr gewissermaßen anerzogen worden in einer Nachkriegsgesellschaft, in der das Schweigen auf Opfer- und Täterseite perfektioniert wurde. So auch in Umlaufs Familie: "Meine Schwester und ich fragten meine Mutter wenig nach Auschwitz, denn intuitiv spürten wir, dass wir nicht fragen sollten", resümiert Umlauf.

Erst in ihrer dritten Schwangerschaft mit 42 Jahren holen sie die Erlebnisse als Kleinkind im Holocaust ein: In ihren Träumen sieht sie, wie Säuglinge in lodernde Feuer geworfen werden, sie leidet unter schweren Angstzuständen, fürchtet, ihr Kind zu verlieren. Als dieses dann krank zur Welt kommt und im ersten Lebensjahr teilweise beatmet werden muss, schläft sie nicht mehr. Sie habe damals oft an ihre eigene Mutter gedacht, erzählt Umlauf, die sie nach dem Überleben von Auschwitz und der Krankheiten der Tochter als übermäßig protegierend beschreibt - eine Helikoptermutter, würde man heute sagen. Erst nach einem Herzinfarkt im Jahr 2014 entscheidet sich Umlauf, ihrer "zerstörerischen Gefühlserbschaft", wie sie es nennt, nachzugehen und ein Buch zu schreiben. "Der innere Abstand zu dieser schmerzlichen Erfahrung und die persönliche Reife hatten zuvor gefehlt", sagt Umlauf. In ihrem Rechercheprozess erfährt sie endlich, wie und wo ihr Vater starb: an einer Blutvergiftung in Melk, einem Außenlager des KZ Mauthausen in Österreich. Ihre Familie sei über das Thema näher zusammengekommen, sagt Eva Umlauf. Die Vergangenheit wurde für sie zur Erklärung für die Gegenwart. "Ich erkannte an, dass der Holocaust mich als kleines Kind geprägt hat und mich nicht losließ", sagt die Kinderärztin und Psychotherapeutin. Das Publikum ist sichtlich bewegt von der Erzählung. Es werden persönliche Fragen gestellt, die Zeitzeugin antwortet ausführlich und voller Energie.

Der Shoah-Überlebende Abba Naor befindet sich gerade in Israel. Sein Hologramm beantwortet den Besuchern in Dachau an seiner Stelle Fragen.

(Foto: Toni Heigl)

Ihr Hologramm wird das stellvertretend für sie tun, wenn sie den Raum verlässt oder irgendwann nicht mehr persönlich ihre Geschichte erzählen kann. Die Idee des Forscherteams des Lehrstuhls für Didaktik der Ludwig-Maximilians-Universität war, dass nachfolgende Generationen nicht nur in Büchern oder Videos von Zeitzeugen hören, sondern sich mit ihnen unterhalten können. 2019 wurden Eva Umlauf und der Shoa-Überlebende Abba Noar im berühmten Pollen Studio in London stereoskopisch gefilmt, also zweidimensional, sodass ein räumlicher Eindruck entsteht. Auch die Hologramme sitzen im roten Ohrensessel. Das Forscherteam unter Leitung von Anja Ballis und Markus Gloe hat den Überlebenden 1000 Fragen gestellt und die Antworten gefilmt. Mit Hilfe einer Spracherkennungssoftware wurden die Daten so trainiert, dass die Hologramme nun direkt auf Fragen antworten können. Die Professorin Ballis betont, dass durch die Hologramme das eigene Narrativ der Zeitzeugen sichtbar gemacht werden könne.

Eva Umlauf sagt, sie sei dem ganzen Projekt sehr kritisch gegenübergestanden - zu unlebendig findet sie sich auch heute als Hologramm. Trotzdem sei sie froh, dass diese moderne Technik für ihre Geschichte und das Erinnern an die Shoa genutzt werde. Abba Naor, der aufgrund der Pandemie in Israel ist, spricht von der Leinwand aus. Seiner Tochter soll er gesagt haben, dass, falls sie nach seinem Tod mal Sehnsucht nach ihm verspüren sollte, sie ja einfach mit dem Hologramm reden könne. So makaber das für diejenigen klingen mag, die noch Zeitzeugen erleben dürfen, umso wichtiger werden die Hologramme für die zukünftige Erinnerungskultur werden. Die echten Menschen aber, denen gilt es zuzuhören, solange es möglich ist. Das hat die Lesung mit Eva Umlauf eindrücklich gezeigt.

© SZ vom 13.10.2020

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