„Nochmal von vorne“ heißt ein Roman der Münchner Schriftstellerin Dana von Suffrin. Der Titel würde als Motto für einen Neubeginn der deutschen Erinnerungskultur taugen, wenn es ihn gäbe. Tut es aber nicht. Will auch keiner, und so bleibt es beim bekannten Gedächtnistheater; diesen Begriff prägte der verstorbene deutsch-kanadische Soziologe Y. Michal Bodemann. Ihm zufolge soll die Erinnerungskultur vor allem der Welt einreden, dass Deutschland nach seinem Menschheitsverbrechen der Shoah geläutert sei. Das ist auch (fast) gelungen. Das hat Suffrin selbst früher kritisiert.
Heute Abend sagt sie: Sie würde inzwischen die Erinnerungskultur verteidigen. Warum? Weil man keine bessere hat, und nicht nur Rechtsextreme wie von der AfD einen Schlussstrich unter die Verbrechen Nazideutschlands ziehen wollen. Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) sagt in seiner Rede zum Holocaust-Gedenktag vor ungefähr 80 Besuchern im Dachauer Thoma-Haus, dieses Gedenken sei so wichtig wie nie zuvor, angesichts des bizarren, massiv anwachsenden Antisemitismus im Land.
„Im Mantel angeblicher Israelkritik verbirgt sich der alte Hass, auch aus der Mitte der Gesellschaft, auch im Kultur- und Kunstbetrieb.“ Er spricht über die tiefe Enttäuschung der jüdischen Millennials über die Reaktion der Nichtjuden in Deutschland auf den Terroranschlag am 7. Oktober, über den Jubel, der in den Straßen, in Universitäten und im Kunstbetrieb auf das Massaker folgte. Und Hartmann dankt Andrea Heller, Geschäftsführerin des Vereins Internationale Jugendbegegnung, die Suffrin eingeladen hat.
Davon hat auch Suffrin genug mitbekommen. „Niemand hat uns beigestanden“, sagt sie. Natürlich habe man gewusst, dass es Antisemitismus gebe. Und die Weigerung, ihn zu sehen. Bis heute werde etwa noch diskutiert, ob antisemitische Werke auf der Documenta 15 antisemitisch waren. Aber auf einmal hätten die Leute die schlimmsten Sachen gesagt – und das aus einer Gesellschaft, die sich so sensibel wähne, für Minderheiten eintrete. „Plötzlich kamen ärgste Aussagen, die ohne jede Konsequenz blieben.“
Es ist ein besonderer Abend. Suffrin und ihr Moderator Felix Balandat von Rias, der Recherche- und Informationsstelle Bayern, sind ein brillantes Team. Man möchte glauben, die beiden kennen sich schon lange. Er stellt die richtigen Fragen, bohrt nach und die Schriftstellerin gewährt dem Publikum einen Einblick in jüdisches Leben in Deutschland. Wie es so ist – auch heute noch – wenn man als jüdisches Kind in der Schule aufgefordert wird, ein Referat über das Judentum zu halten (oder gar über die Shoah), und in die Außenseiterrolle gedrängt wird.

Dana war ein Teenager – und das Judentum ist jetzt nicht gerade das Thema ihres Lebens. Ihr Vater, Shoah-Überlebender aus Siebenbürgen in Rumänien, meint, sag ihnen, wir sind stolz zur Opfer- und nicht zur Täterseite zu gehören. Nein, sagt sie, dieses Referat habe ich nicht gehalten. Aber mein Vater.
Ihr Vater Otto – so auch der Titel ihres Debütromans von 2019 – war für Kulturamtsleiter Tobias Schneider, wie er sagt, der eigentliche Held des Abends. Er habe eine Menge seltsamer Gewohnheiten gehabt, sagt seine Tochter, deren Ursprung und Sinn ihr erst später bewusst geworden sind. Auch das ist jüdisches Leben nach der Shoah, dass sich ihr Vater stets geweigert hatte, über die Dachauer Straße in München zu fahren – er fand die Straßenbenennung skandalös, oder dass er nie mit dem Zug fahren wollte. Warum wohl – Preisfrage an das nichtjüdische Publikum.
Es erfährt an diesem Abend auch eine Menge über Literatur. Suffrins Familiengeschichten sind fiktional, aber natürlich fließen ihre Erfahrungen in den Text ein, wie sie sagt. Moderator Balandat fragt sie nach den nichtjüdischen Rezensenten, die kritisierten, dass Suffrin die Shoah-Überlebenden zu humorvoll darstelle. Suffrin ist gnädig. Sie könne die Kritik schon nachvollziehen, berechtigt aber sei sie nicht. Gerade nicht von jenen, die in der Tradition der Gruppe 47 die Shoah gemeinhin ausblenden. Sie liebe Humor – die Deutschen haben ihn nicht –, auch schwarzen Humor, eine Prise Zynismus und Ironie in ihren Texten, sagt Suffrin.
Dana von Suffrin – „ich denke jeden Tag an den Holocaust“ – stellt sich als Schriftstellerin dem eigentlichen Thema: die Judenvernichtung durch Deutsche – und ihre Folgen für das heutige jüdische Leben. An diesem Abend wird der Graben für eineinhalb Stunden überwunden, werden beide Seiten für das Publikum sichtbar, wie es in einer Erinnerungskultur sein sollte.


