Hoftheater Bergkirchen:"Dies ist ein Krieg, den Sie nicht gewinnen können!"

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Hoftheater Bergkirchen: Sir Henry St. John, Viscount of Bolingbroke (Herbert Müller) mit der Verkäuferin Abigail (Sarah Giebel). Schmachtend am Boden: Arthur Masham, Fähnrich der königlichen Garde (Julian Brodacz).

Sir Henry St. John, Viscount of Bolingbroke (Herbert Müller) mit der Verkäuferin Abigail (Sarah Giebel). Schmachtend am Boden: Arthur Masham, Fähnrich der königlichen Garde (Julian Brodacz).

(Foto: Toni Heigl)

Regisseur Herbert inszeniert die fast 200 Jahre alte historische Komödie "Das Glas Wasser" von Eugène Scribe am Hoftheater Bergkirchen als hochaktuelles Stück mit Tiefgang. Zu lachen gibt es trotzdem noch einiges.

Von Dorothea Friedrich, Bergkirchen

Ein Glas Wasser kann eine wunderbare Erfrischung sein. Und es kann so köstlich wie prickelnder Champagner werden, wenn sich das Hoftheater Bergkirchen des Lustspiels "Das Glas Wasser" des französischen Erfolgsautor Eugène Scribe annimmt. Am vergangenen Freitag war die umjubelte Premiere. Aber ist ein Stück aus dem Jahr 1840 nicht schon leicht abgestanden?

Nein, denn diese Inszenierung von Herbert Müller schäumt förmlich über vor Wortwitz und Spielfreude, bringt buchstäblich Licht in dunkle Tage - und lässt doch immer wieder die Realität jenseits der Bühne aufblitzen. Nicht sauertöpfisch-moralisierend, sondern wie ein Stein, den man übers zunächst stille Wasser hüpfen lässt, und der dann ungeahnt große Kreise zieht.

Das geht umso leichter, als sich Parallelen der heutigen zur damaligen politischen Lage förmlich aufdrängen. Eugène Scribe versetzt seine fünf Protagonisten zurück ins Jahr 1701, in den Spanischen Erbfolgekrieg. Auslöser des Konflikts war der Tod des letzten Habsburgers auf dem spanischen Thron, Karl II., im Jahr 1700. Sonnenkönig Ludwig XIV. wollte sich das verwaiste Königreich daraufhin einverleiben. Dagegen wehrte sich eine Allianz aus England, Österreich und den Niederlanden. John Churchill, der spätere Herzog von Marlborough und Prinz Eugen trugen 1714 in der Schlacht von Höchstädt zum Sieg der Allianz über die Franzosen bei.

Doch vom Geschichtsbuch zurück auf die Bühne: Anna, letzte Stuart-Königin von England (eine zunächst völlig verschüchterte, dann aber immer selbstständiger und wehrhafter werdende Jessica Dauser) steht völlig unter der Fuchtel von Lady Churchill. Janet Bens gibt diesem intriganten Biest Figur und Charakter, mal mit schmeichelnder Stimme und freundschaftlichem Gehabe, mal mit Dominanz und scharfem Ton - ganz so, wie es die Situation erfordert.

Sir Henry St. John hat das Gemeinwohl und seine Karriere im Blick. Wobei nicht immer ganz klar ist, was für ihn an erster Stelle steht. Herbert Müller ist dieser ausgekochte Politiker, ein listiger und bisweilen sehr weiser Fuchs, der auf machiavellistische Art die Fäden zieht und sich ein Dauerduell mit seiner Gegnerin Lady Churchill liefert. Das entwickelt sich zum Kampf der Wortgiganten, deren geschliffene Sprache und hintergründiger Witz pures Vergnügen sind.

Eine menschliche Gemengelage, die verzwickte Situationen herausfordert

Zwischen diesen Mühlsteinen drohen die beiden Liebenden Abigail und Arthur Masham immer wieder zerrieben zu werden. Doch Verkäuferin Abigail, ausdrucksstark gespielt von Sarah Giebel, setzt ihren gesunden Menschenverstand und eine gute Portion Selbstbewusstsein ein, um ihren Arthur vor dem Schlimmsten zu bewahren. Diesen etwas unbedarften jungen Mann, der auf eine Militärkarriere hofft, spielt Julian Brodacz mit umwerfendem Charme, hinreißender Komik und mit einer unnachahmlichen Kunst zu salutieren. Eine menschliche Gemengelage also, die verzwickte Situationen geradezu herausfordert.

Lady Churchill versucht mit aller Macht, ihre Königin von einem Gespräch mit dem französischen Gesandten abzuhalten. Sir Henry dagegen will - gleichfalls mit aller Macht - diesen ersten Schritt zu Friedensverhandlungen gehen. Abigail wiederum will am Königshof arbeiten, um ihrem Arthur möglichst nahe zu sein und bringt Lady Churchill erst einmal in Verlegenheit, ist Abigail doch die uneheliche Tochter eines Mitglieds des Churchill-Clans. Für Königin Anna ist sie dagegen zunächst nur eine Art Schoßhündchen, das geduldig Modell steht, wenn Anna sich dem royalen Hobby der Malerei widmet.

Auch ein Zitat der aktuellen Außenministerin ist Teil eines Dialogs

Der naive Arthur hingegen hat keine Ahnung, dass gleich zwei Frauen einen verschärften Blick auf ihn geworfen haben: die Königin und Lady Churchill. Es geht buchstäblich drunter und drüber auf der kleinen Bühne des Hoftheaters, das Ensemble kostet seine Rollen bis ins letzte Detail aus und steigert sich dabei immer mehr. Der redegewandte Lord John etwa mahnt den abwesenden Lord Marlborough mit tiefernster Stimme: "Dies ist ein Krieg, den Sie nicht gewinnen können! Hören Sie auf, noch mehr Ihrer eigenen Bürger in den Tod zu schicken!" Bedrücktes Schweigen und dann spontaner Applaus im Publikum. Sind doch diese und ähnliche Aufforderungen seit dem russischen Überfall auf die Ukraine nur allzu bekannt. Diese übrigens besonders: Es ist ein Zitat aus der Rede von Außenministerin Annalena Baerbock im April vor dem UN-Sicherheitsrat.

Regisseur Müller hat nur sehr sparsam Originalzitate, etwa aus einer Rede Sir Henrys vor dem britischen Parlament von 1710 adaptiert. Aber es sind diese Glanzlichter, die aus einer "historischen Komödie", wie Scribe sein "Glas Wasser" untertitelt hat, ein Theaterstück mit Tiefgang machen. Und genau diese Mischung aus überbordender Heiterkeit und tiefem Ernst macht die Hoftheater-Inszenierung so besonders und so sehenswert.

Weitere Vorstellungen: Freitag, 16. Dezember, um 20 Uhr, Sonntag, 1. Januar, 17 Uhr, an den Samstagen, 7.,21. und 28. Januar und 18. Februar um 20 Uhr.

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