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Hoftheater Bergkirchen:Neue Spielzeit, neues Glück

Honigmond

Jessica Dauser, Sarah Giebel und Annalena Lipp (v.l.n.r.) spielen die Rollen der drei Frauen mit sehr viel Verstand und Witz.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Regisseur Ansgar Wilk hat die Originalfassung von "Honigmond" kunstvoll gekürzt und damit an die Corona-Zeiten angepasst. Das Stück ist anders, als der Titel vermuten lässt, keine romantische Herz-Schmerz-Tralala-Komödie

Von Dorothea Friedrich, Bergkirchen

Nobles tiefdunkles Rot an den Wänden, großformatige Fotos als Blickfang, statt einer in die Jahre gekommenen Bücherwand trendige Metallregale voller Lesestoff, sorgsam platzierte Stühle und kleine Tische mit Doppelfunktion als Abstandshalter und Getränkeablage. Coronabedingt hat sich das Hoftheater Bergkirchen neu inszeniert und die geltenden Hygiene- und Abstandsregeln perfekt umgesetzt - persönliche Begleitung zum Sitzplatz zu Beginn, Lüftungspause und Abräumen der Tische nach Vorstellungsende inklusive. Weil die Platzzahl nun von achtzig auf weniger als vierzig reduziert ist, gibt es am Samstag und Sonntag künftig jeweils zwei Vorstellungen, einmal um 17 und einmal um 20 Uhr. "Die 17-Uhr-Vorstellungen sind der Renner", sagte ein zufriedener Theaterleiter Herbert Müller am Freitagabend bei der Premiere von Gabriel Baryllis Boulevardkomödie "Honigmond". Doch die momentane Freude, endlich wieder im eigenen Haus spielen zu können, wird auch im Hoftheater von der Sorge überschattet, ob das Experiment gelingt, ob das Virus nicht allen Plänen wieder einmal einen Strich durch die Rechnung machen könnte.

Von diesen Befürchtungen war jedoch bei der Spielzeiteröffnung am Freitagabend nichts zu spüren. Regisseur Ansgar Wilk hatte bei der Begrüßung schon mal vorgewarnt: "Wir Männer kommen in diesem Stück nicht besonders gut weg". Doch auch der männliche Teil des Publikums nahm gelassen und lachend hin, was auf der Bühne so geschah. Denn "Honigmond" ist anders, als der Titel es vermuten lässt, keine romantische Herz-Schmerz-Tralala-Komödie, sondern schildert den Weg dreier ganz unterschiedlicher Frauen von den Männern weg, zu sich selbst und partiell auch wieder zu den Männern hin. Da ist einmal die rein äußerlich Instagram-taugliche Linda, umwerfend gespielt von Annalena Lipp. Je enger und kürzer das Kleid, je auffallender Make-up und Lippenstift, umso besser. Linda jongliert geradezu meisterhaft mit diversen Männern. Ihr Motto: "So lange es nicht um Liebe geht, spiele ich das Spiel von Macht und Einfluss mit." Ganz anders gestrickt ist ihre Mitbewohnerin Christine, eine Psychiaterin. Jessica Dauser strahlt in braver roter Bluse und ebenso braver schwarzer Hose Verständnis für alle und alles aus - und trauert dem Ex-Mann hinterher, mit dem sie "eine Scheidung in aller Freundschaft" zelebriert haben will. Die dritte im Frauenbund ist Barbara, deren vorbildliche Ehe Christine der flatterhaften Linda als leuchtendes Beispiel hinstellt. Doch Barbara, herrlich trutschig gespielt von Sarah Giebel - in überdimensionaler Strickjacke, buntem Rock und flachen Tretern, hat schlechte Neuigkeiten: Ihr Manuel hat sich als notorischer Fremdgänger erwiesen. Doch nun ist für die ehemalige Mustergattin Schluss mit dem "Verschmelzen zweier geistig und seelisch verbundener Menschen, bei denen Äußerlichkeiten keine Rolle mehr spielen". Nicht nur der zweifach gefaltete Schottenrock, den ihr der treulose Manuel in Edinburgh aufgeschwatzt hat, "weil er so gut zu meinen flachen braunen Schuhen gepasst hat", wandert in die Altkleidersammlung. Auch der Ehemann ist reif für die Entsorgung.

Das ist die Initialzündung für die Dreier-WG, ordentlich über das männliche Geschlecht abzulästern. Von "Männer können nicht denken, sie tun nur so" bis zu "Wenn die Kerle wüssten, welche Probleme sie alle nicht haben" reicht die Liste der Klagen und Erfahrungen. Also gilt es, das eigene Leben zu ändern. Christine mutiert zum Vamp à la Linda, Barbara entledigt sich erst einmal ihrer Strickjacke - und Linda? Erscheint plötzlich in Jogginghose und Sweatshirt. Sie ist schwanger.

Ob es einen Honeymoon für eine oder alle drei Frauen gibt, sollte man sich am besten selbst ansehen. Denn die Spielfreude der drei Schauspielerinnen reißt mit. Sie machen aus den Prototypen der berechnenden Frau, der unfreiwilligen Single-Frau und der verlassenen Ehefrau unverwechselbare Charaktere, spielen mit Witz und Verstand und lassen immer wieder durchschimmern, wie groß die Sehnsucht nach einem konventionellen Happy End ist. Regisseur Ansgar Wilk hat die Originalfassung so kunstvoll gekürzt, dass die Aufführungsbedingungen in Corona-Zeiten beachtet werden und dass zugleich keine Brüche im amüsanten turbulenten Geschehen zu spüren sind. Mit anderen Worten: ein gelungener Auftakt für eine hoffentlich lange Spielzeit.

Nächste Vorstellungen: Samstag/Sonntag, 10./11.Oktober, jeweils um 17 und um 20 Uhr

© SZ vom 08.10.2020

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