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Hoftheater Bergkirchen:Johanns bessere drei Hälften

Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine Frau. Bei Johann Strauß sind es gleich drei. Im Hoftheater werden sie alle von Janes Bens verkörpert.

(Foto: Toni Heigl)

In "Madame Strauß" nähert sich das Hoftheater Leben und Werk des Walzerkönigs über seine grundverschiedenen Ehefrauen

Von Dorothea Friedrich, Bergkirchen

Drei Frauen und ein Mann. Was klingt wie ein Macho-Traum, hat Walzerkönig Johann Strauß (1825-1899) in die Tat umgesetzt - aber er hat alle schön nacheinander geheiratet. Wer aber waren die drei Frauen, die nicht nur die Wiener Hofgesellschaft aufmischten, sondern auch den Walzerkönig selbst? Dem ist Susanne Felicitas Wolf in einem bemerkenswerten Solostück nachgegangen: "Madame Strauß", 2017 in Wien uraufgeführt. Die deutsche Erstaufführung gab es am Samstagabend im Hoftheater Bergkirchen. Und die hatte es in sich. Eine Janet Bens in Hochform spielte die drei so unterschiedlichen Charaktere Henriette von Treffz-Chalupetzky, genannt Jetty, Angelika Dittrich, genannt Lili, und Adele, die zweimal verwitwete Frau Strauß. Und das so lebensnah, so intensiv, dass im Publikum stellenweise atemlose Stille herrschte.

Strauß' Stimme aus dem Off (Regisseur Herbert Müller) erzählt von seiner unglaublichen Lebensleistung: fast 500 Werke. Begleitet von Walzermelodien tritt Jetty (1818-1878) auf, elegante weinrote Taftrobe, mit tiefem Dekolleté und Tournüre. Wie wild ordnet sie die Straußschen Papiere. Ist sie doch, seit sie 1862 "meinen Mann, meinen Johann, meinen Bub" geheiratet hat, dessen energische Managerin und treu sorgende Ehefrau. Der sieben Jahre jüngere Strauß komponiert und dirigiert wie verrückt oder spielt Karten. Mehr Amüsement ist für den Frauenschwarm nicht drin. Für ihn hat Jetty ihre jahrelange Liaison mit dem reichen Ritter Eduard von Todesco und ihre sieben unehelichen Kinder aufgegeben. Für ihn hat sie auch ihre äußerst erfolgreiche Sängerinnenkarriere beendet. Nun ist sie sterbenskrank - und schaut zurück auf ein gespaltenes Leben: Einerseits hat sie ihrem Bub "zu Weltruhm verholfen, der sich vor nichts mehr fürchtet", andererseits ist sie tief unglücklich, dass sie kein eigenes Leben hat.

Und die Nachfolgerin steht schon bereit: "Ein Trutscherl, eine junge Dame aus Deutschland, ein mittelmäßiges Soubretterl". Lili (1850-1919), 25 Jahre jünger als Strauß, heiratete ihn nur sechs Wochen nach Jettys Beisetzung. Und ist von ganz anderem Kaliber als Jetty. In Seidenpyjama und rosa Negligé, mit rosa Pantöffelchen an den Füßen wirbelt sie durch die Wohnung. "Ich kopiere Noten massenweise, und das soll immer so bleiben? Er ist sooo bieder", jammert sie. So hat sie sich die Ehe mit dem Walzerkönig nicht vorgestellt. Gut, dass der Franz Steiner vom Theater an der Wien "versteht, was ich brauche". Lili erzwingt die Scheidung, ist jetzt "Frau Steiner, ohne je Frau Steiner zu werden" - und erlebt ein finanzielles Desaster mit ihrem Franz, der sich nach Amerika absetzt. Sie schlägt sich durchs Leben, verarmt und vereinsamt total.

Das hätte der Witwe Strauß nicht passieren können. Adele (1856-1913) weiß, was sie will. Bevor sie zur gefürchteten Nachlassverwalterin, zur "Cosima im Dreivierteltakt" und zum zweiten Mal Witwe Strauß wird, war sie mit dem Bankierssohn Anton Strauß verheiratet. Doch es gibt ein Ehehindernis: Er ist katholisch, sie Jüdin. Doch die gewiefte Adele - furchteinflößend den Krückstock schwenkend - hatte einen Ausweg gefunden, um den 31 Jahre älteren Johann 1887 endlich heiraten zu können: Das Paar konvertiert zum evangelischen Glauben, und "der berühmteste Wiener Walzerkomponist war mit einem Mal verheirateter, evangelischer Sachse". Ein Skandal im erzkatholischen, kaisertreuen Österreich! "Eine Frau hat ihren Mann in allem zu unterstützen, in allem", sagt Adele mit harter Stimme und finster entschlossenem Blick. Sie übernimmt das Regiment im Hause Strauß, treibt den von Reisephobie Geplagten zu immer neuen realen und künstlerischen Höhen und hat nach Johanns Tod "extraordinäre Arbeit", um sein künstlerisches und materielles Erbe zu sichern. Dafür erreicht sie sogar eine Verlängerung des Urheberrechts von 30 auf 32 Jahre, heute bekannt als "Lex Johann Strauß". Und warum das alles? "Ich tue das alles für ihn, sein Werk ist mein Leben, es steht über allem." Letzteres könnte auch für die drei Frauen gelten. Spielten und spielen sie doch in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch eine Nebenrolle. Janet Bens hat ihnen nun ein Gesicht gegeben. Sie zeichnet die überfürsorgliche Jetty als zerrissene Persönlichkeit, macht aus der lebenslustigen Lili eine echte Revolutionärin, die mit aller Konsequenz aus der von der Gesellschaft vorgegebenen Rolle ausbricht. Adele ist nicht nur das geldgierige Abbild der berüchtigten Cosima Wagner. Sie ist der Prototyp einer Frau, die sich selbst für ihren Mann aufgibt. Und Johann Strauß? Er ist Ausbeuter und Ausgebeuteter zugleich. "Madame Strauß" ist am Freitag, 1. November, wieder zu erleben.

© SZ vom 28.10.2019
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