bedeckt München 13°
vgwortpixel

Hoftheater Bergkirchen:Intrigenreiches Spiel

Um Lust und Rache, Eifersucht und Karriere rankt sich alles im Hoftheater. Die sehr moderne Fassung der Operette "Fledermaus" ist nicht nur politisch korrekt, sondern hat viele witzig-elegante Wortspielereien. Das begeistert

"Wir sind hier in einem seriösen Lokal, nicht in der Oper, hier wird nicht gesungen, hier wird gebrummt", sagt der ewig angetrunkene Gefängniswärter Frosch. Mit Beidem liegt er falsch. Es wird gesungen, dass es eine Freude ist. Und das seriöse Lokal ist Endstation einer aberwitzigen Bagage von Möchtegern-Größen, eifersüchtelnden Eheleuten, schwer verliebten Männern und karrieregeilen Frauen.

Mit Johann Strauß' Operette "Die Fledermaus" in der Bearbeitung und Inszenierung von Herbert Müller hat das Hoftheater Bergkirchen einen echten Coup gelandet. Einmal, weil Müller das allseits beliebte Werk textmäßig ziemlich aufgepeppt hat. Da finden - politisch korrekt - "Damen, Herren und liebe Diverse" ebenso ihren Platz wie der "one-night-husband". Viel wichtiger aber: Aus den angestaubten Figuren werden Charaktere mit Wiedererkennungswert. Zudem haben Müller und Regieassistentin Verena Konietschke die opulente Operette ganz wunderbar den Hoftheatergegebenheiten angepasst. Das gesamte Ensemble ist unter der musikalischen Leitung von Petra Morper gewissermaßen auf Höhenflug. Wobei Morper am Flügel souverän das Orchester ersetzt. Eine echte Augenweide ist Ulrike Beckers' Bühnenbild mit seinen Reminiszenzen an die Strauß'sche Wohnung in der Wiener Praterstraße, mit Adaptionen von Gustav Klimts Goldrauschmalereien und einem streng blickenden Kaiserpaar Franz Josef und Sisi. Ein echter Knaller sind die kostbaren Kostüme, die die Salzburger Festspiele leihweise zur Verfügung gestellt haben.

Hoftheater

Ein echter Hingucker sind die kostbaren Kostüme. Aber auch die Bühnenbilder überzeugen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Das sind optimale Rahmenbedingungen für ein intrigenreiches Spiel um Lust und Rachegelüste. Auf letztere ist Dr. Falk programmiert. Diesen spielt Stephan Roth als schnöselig-arroganten Typen. Er will dem lebenslustigen Eisenstein eins auswischen, weil der ihn beim Fasching betrunken und flatternd wie eine Fledermaus durch Wien hat stolpern lassen. Diseur Ansgar Wilk ist als Eisenstein in seinem Element. Pech nur, dass der Bonvivant gerade eine Gefängnisstrafe antreten muss und ihn zugleich der mysteriöse Prinz Orlofsky (eine großartige Stephanie Eineder als dominanter, gewissenloser neureicher Großkotz) in sein berühmt-berüchtigtes Fledermauscabaret einlädt. Was die von ihrem Gatten Eisenstein gelangweilte Rosalinde - Janet Bens in Bestform - innerlich vor Wut kochen lässt. Doch ihr Dauerverehrer Alfred, mit Herzblut gesungen und gespielt vom Erzkomödianten Tobias Zeitz, ist glücklicherweise zur Stelle und bezirzt wieder einmal sein "Täubchen, das entflattert ist". Zwecks Realisierung seiner libidinösen Ambitionen macht Alfred im weiteren Verlauf der Handlung ungeniert Anleihen bei "My fair Lady", "Turandot", "Eine Nacht in Venedig", bei "Der Zigeunerbaron", bei "Die Zauberflöte", "Das Land des Lächelns" und sogar bei Johann Sebastian Bach. Das ist ein ebenso köstlicher Spaß wie die vielen witzig-eleganten Wortspielereien, die das Publikum begeistern.

Hoftheater

Schauspielerin Lucia Feneberg ist als Malerin in den Kleidern aus dem Fundus der Salzburger Festspiele bestens in Szene gesetzt.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Alles könnte nun so schön sein: Eisenstein macht sich auf ins Cabaret Fledermaus, Rosalinde schickt ihr Stubenmädchen Adele (ideal besetzt mit Maria-Sintow-Behrens) zur gar nicht kranken Tante, Alfred schmust mit Rosalinde. Doch Gefängnisdirektor Frank will Eisenstein persönlich abholen - und Alfred muss an dessen Stelle in den Knast. Frits Kamps singt und spielt den Frank als stocksteifen Beamten mit hintergründiger Ironie wie aus dem Bilderbuch. Doch es wird sich zeigen, dass auch er den Verlockungen alkoholischer und weiblicher Natur nicht widerstehen kann. Lockt ihn doch der verschlagene Dr. Falk ebenfalls ins Cabaret Fledermaus. Dort sind bereits Adeles Schwester Ida (Annalena Lipp), Dichterin Faustine (Janina Pudenz), die Malerin Melanie (Lucia Feneberg) und Dienerin Felictá (Annette Thomas) im Einsatz für ihr eigenes Wohl und das ihrer Gäste. Dieses herrlich freche Frauenquartett rockt das Etablissement mit Gesang und Tanz in einer tollen Choreografie von Annalena Lipp dermaßen, dass nicht nur den Männern, sondern auch dem Publikum ob der Temperamentsausbrüche schwindlig wird. Doch der schöne Schein trügt. Der eiskalte Orlofsky treibt das perfide Spiel des Dr. Falke auf die Spitze, demaskiert die von Champagner und Verlangen nach schnellem Sex berauschte unfeine Gesellschaft. Am nächsten Morgen gibt es ein böses Erwachen im Gefängnisbüro. Dort regieren Wärter Frosch (ein umwerfender Herbert Müller) und der Slibowitz. Beide tragen ihren Teil zum erwartbaren champagnerseligen Happy End bei.

Bleibt noch anzumerken, dass diese Hoftheater-Fledermaus mit ihrem ironisch-scharfen Blick hinter die Kulissen bürgerlicher Wohlanständigkeit und mit einem herausragenden Ensemble überzeugt, das jeder Bühnenfigur ihren unverwechselbaren Charakter gibt.

© SZ vom 23.12.2019
Zur SZ-Startseite