Hoffnungsvolle Perspektive Die Dachauer Kulturfabrik

Keine Postkartenidylle, aber trotzdem schön. Die "Hafenstoaner Alphornbläser" aus Bernau am Chiemsee eröffnen das "White Paper Festival" auf dem MD-Gelände.

(Foto: Toni Heigl)

Mit dem erfolgreichen "White Paper Festival" hat sich das ehemalige MD-Papiergelände als alternativer Veranstaltungsort etabliert. Die Zwischennutzung bietet einer ganz neuen Generation von Künstlern und Kulturschaffenden der Stadt eine wichtige Plattform

Von Gregor Schiegl, Dachau

Was für ein grauenhafter Ort, diese alte Papierfabrik. Zwei Leichen liegen in der Halle, und der angeschossene Kommissar Batic kriecht durch den Dreck, alles ist staubgrau und von bedrückender Trostlosigkeit. Im April flimmerte der Münchner "Tatort" über die Bildschirme, es war einer der düstersten blutigsten Folgen. "Leichensatt", schrieb ein Fernsehkritiker, aber zum Glück alles nur Fiktion: Die Industriebrache der 2007 stillgelegten MD-Papierfabrik soll eines Tages einmal ein lebendiger, neuer Stadtteil am Fuße der Dachauer Altstadt sein, mit Wohnhäusern, Läden und einem Industriemuseum. Weil das aber noch eine Weile dauern wird, nutzt die Filmbranche die Kulisse mit ihrer morbiden Atmosphäre, diesem rauen, postapokalyptischen Charme, stadtnah, doch menschenleer, für ihre Drehs.

Auf der Brache blüht die Kultur

In Online-Communities werden solche grandios abgefuckten Orte gerne als "lost places" bezeichnet, auch im Internet kursieren verwackelte Handyfilme vom MD-Gelände. Doch verloren ist hier gar nichts: Auf der alten Industriebrache blüht die Kultur. Regisseurin Karen Breece inszenierte gemeinsam mit Laiendarstellern der Thoma-Gemeinde die von KZ-Häftlingen geschriebene Farce "Burg Schreckenstein", der Dachauer Musiker Jürgen Rothaug führte hier ein experimentelles, genreübergreifendes Vampirmusical auf. Welches Potenzial das Areal tatsächlich hat, zeigte aber erst das "White Paper Festival" in diesem Sommer. Acht Monate Arbeit hatte die Gruppe "Wir sind Paul", bestehend aus den jungen Dachauerinnen Lina und Alice Homann, Lena Heilein, Ines Bugner und Annika Wenzel, in das Festival gesteckt.

Nicht einmal Strom gab es zunächst auf dem alten Holzlagerplatz, von Toiletten ganz zu schweigen, und trotzdem stellten sie ein äußerst ambitioniertes Programm auf die Beine, für das sie sogar den Sänger Roo Panes aus London holten. 2300 Besucher lockten sie damit an, darunter auch den Dachauer Oberbürgermeister Florian Hartmann, der das Spektakel schlichtweg "fantastisch" fand. Die Begeisterung hallt auch jetzt noch nach, ein halbes Jahr später. "Die haben das enorm großartig hingekriegt", sagt Kulturamtsleiter Tobias Schneider. Mehr noch: "Man hat gesehen, dass man hier am Holzlagerplatz einen tollen Bereich für eine kulturelle Zwischennutzung hat, und so eine Zwischennutzung ist ein Segen für die Stadt."

Normalerweise finden sich solche kreativen Freiräume eher in urbanen Metropolen, im Münchner Viehhof zum Beispiel, am Berliner Flughafen Schönefeld. Dachau hat mit dem MD-Gelände eine Art künstlerisches Großlabor auf Zeit bekommen, just zu einer Zeit, in der eine ganze neue Riege von Künstlern mit ihren Ideen auf den Plan tritt. Dazu gehören nicht nur "Wir sind Paul", sondern auch der "Outer Circle" um Graffiti-Künstler Johannes Wirthmüller und die vielfältige Musikszene aus dem Jugendzentrum Freiraum, und damit sind längst noch nicht alle genannt.

Neue Generation von Kulturschaffenden

"Jetzt kommt eine ganze neue Generation von Kulturschaffenden", sagt Dachaus Kulturamtsleiter Tobias Schneider. Diese Generation belebt und modernisiert die Kunstszene der Stadt. Das ist nichts, das urplötzlich eingesetzt hätte, es ist ein Prozess, der auch Bereiche des Dachauer Kulturbetriebs erfasst, die man qua Historie als altehrwürdig bezeichnen könnte. Das gilt insbesondere für die traditionsreiche Künstlervereinigung KVD, die sich für neue Ausdrucksformen geöffnet hat - nicht nur für Videokunst, sondern auch das, was man gemeinhin unter "Urban Art" subsumiert, Kunst, die im öffentlichen Raum stattfindet und sich auch bewusst damit in eine Beziehung setzt.

Eine Neuauflage des "White Paper Festivals" wird es im kommenden Jahr wohl nicht geben, das haben die glücklichen, aber auch ziemlich geschafften Veranstalterinnen von "Wir sind Paul" schon durchblicken lassen, aber man kann sicher sein, dass es 2018 andere Künstler geben wird, die das Areal als kreativen Raum bespielen. Offiziell reden will darüber noch keiner. Aber doch ja, es gibt Ideen, viele neue Ideen gar, und das ist gut so.