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Hochbegabung:Die Einsamkeit der kleinen Professoren

Eine neu gegründete Elterngruppe in Dachau will eine Anlaufstelle für hochbegabte Kinder, ihre Eltern und Pädagogen sein. Auch besonders talentierte Schüler brauchen eine gezielte Förderung

Von Johanna Hintermeier, Dachau

"Das Kind spürt, dass es anders ist. Oft leidet es darunter nicht dazuzugehören und unterfordert zu sein", sagt die Mutter eines hochbegabten Kindes. Man mag sich ja über ein Kind freuen, dass begabter als andere Gleichaltrige ist. Doch das bringt auch Probleme mit sich, deshalb möchte die Mutter ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Sie ist Initiatorin einer Gruppe für Eltern von hochbegabten Kindern, die sich im März in Dachau neu gründet. Die Untergruppe der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind e.V (DGdK) will damit im Landkreis eine Anlaufstelle für Eltern, Pädagogen und Lehrkräften rund zum Thema Hochbegabung sein. Die Regionalgruppe Bayern zählt 400 Familien mit 700 Kindern. In Dachau sind unter anderem ein monatlicher Stammtisch für einen Erfahrungsaustausch und gemeinsame Aktivitäten wie Spielenachmittage geplant.

Der Bedarf an solchen Gesprächen und Beratung sei deutlich spürbar, zur nächst gelegenen Elterngruppe muss man aber bis in den Landkreis Fürstenfeldbruck fahren - und die "platzt aus allen Nähten, und die Leute fahren abends über 60 Kilometer zu den Treffen", so die Mutter. Wer nun an eine Elitegruppe für Gscheidhaferl denkt, verkennt die Schwierigkeiten, die Kinder mit Hochbegabung und ihre Familien oft haben. Rund zwei Prozent aller Kinder sind hochbegabt, haben also besondere Fähigkeiten im sprachlichen, sportlichen, sozialen, musischen oder mathematisch-logischen Bereich. Das sind bei rund 16 600 Schülerinnen und Schüler im Landkreis circa 332 Hochbegabte. Diese zu erkennen und dann zu unterstützen, ist nicht immer leicht. Es sind vor allem die sozialen Lebensumstände, die eine besondere Begabung fördern oder untergraben.

Der DGdK begleitet die Familien bei der Feststellung der Hochbegabung, Förderung und im Schulalltag. Wie erkennt man also hochtalentierte Kinder? Wissenschaftlich betrachtet ist man von einem Intelligenz Quotienten (IQ) von 115 an überdurchschnittlich intelligent, ab einem IQ von 130 hochbegabt. Ein häufiger Trugschluss ist, dass Hochbegabung mit Bildung zu tun habe.

Wer Gewissheit haben will über den eigenen Nachwuchs kann neben einem IQ- Test auch besondere psychologische Untersuchungen an der Begabungspsychologischen Beratungsstelle der Ludwig-Maximilians-Universität München in Anspruch nehmen. Mit Hilfe von pädagogischen Spielen und Gesprächen kann so auch schon im Kindergartenalter Hochbegabung eingeschätzt werden. Anzeichen im Alltag sind Fähigkeiten wie frühe Lesekompetenz oder Wissensdurst, der für das Lebensalter ungewöhnlich ist.

Die Dachauer Mutter berichtet, dass der soziale Umgang von Hochbegabten teils zu Unrecht als negatives Verhalten gewertet werde, etwa wenn Kinder lieber mit Erwachsenen als Gleichaltrigen reden oder zurückgezogen lebten und gar nicht spielen. Eltern hätten dann das Gefühl, den anderen ihr Kind erklären zu müssen, sagt die Dachauerin. Sie erzählt auch von Neid und Hänseleien gegenüber ihrem Kind. Nicht selten wird Hochbegabung mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit / Hyperaktivitätsstörung) verwechselt, auch weil Hochbegabte durch die Rolle des Klassenclowns ihre Unterforderung kompensieren.

So ähnlich wie sich intelligente Kinder also in ihrem hohen IQ sind, so unterschiedlich drückt sich Hochbegabung im Umgang mit anderen und in ihren Schulleistungen aus. Eltern suchen in der Gruppe dann auch den Austausch mit anderen Eltern über lebenspraktische Fragen: Soll mein Kinder früher eingeschult werden oder eine Klasse überspringen? Für die einen kann mehr Schularbeit das richtige sein, andere bräuchten eher mehr Kontakt zu anderen Kindern und sind einsam. "Hochbegabte Kinder sind so unterschiedlich wie alle anderen Kinder auch.

Das Bild in der Gesellschaft vom kleinen Professor, der in seiner eigenen Welt lebt, stimmt nicht immer", sagt die Mutter. Einige Kinder seien so unterfordert, dass sie im Unterricht stören, sich verweigern und rebellieren. Das trifft den Kern eines Problems, das Martin Wadepohl, Vorsitzender des Regionalverbands Bayern der DGdK, so formuliert: "Die Leute und das Bildungssystem denken, wer hochbegabt ist, habe keine Probleme." Doch Inklusion müsse nach unten und oben gedacht werden, Lehramtsstudierende müssten verpflichtend Hochbegabung im Studium behandeln, um sie zu erkennen und fördern zu können. Volle Klassenzimmer und niedrige Betreuungsschlüssel entlasten weder Kind noch Lehrkräfte.

Aus diesem Grund will die Gruppe für Eltern in Dachau nicht nur für die Kinder und Eltern da sein, sondern auch für den Austausch mit Lehrkräften und Pädagogen. Denn Hochbegabung kann sowohl für die Kinder und Familien als auch das Schulsystem und die Gesellschaft eine Herausforderung sein. Auf jeden Fall müssen die Dachauer Hochbegabten künftig keine langen Fahrwege mehr auf sich nehmen.

Anmeldung für das erste Treffen der Elterngruppe unter: dachau@dghk-bayern.de; 26.03. im Mehrgenerationenhaus der AWO Dachau

© SZ vom 10.03.2020

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