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Hilferuf nach Hebertshausen:"Die Katastrophe steht erst bevor"

Nach ihrem Praktikum auf den Philippinen erreicht Verena Ziemen ein verzweifelter Hilferuf ihres ehemaligen Chefs: Im vom Taifun zerstörten Busuanga gehen die Vorräte aus. Die Hebertshausenerin startet sofort ein Spendenprojekt.

Typhoon Haiyan

Der Tropensturm "Haiyan" hat in der philippinischen Provinz Palawan nichts als Verwüstung hinterlassen.

(Foto: dpa)

Verena Ziemen denkt noch oft zurück an ihre Zeit in Busuanga auf den Philippinen: das kleine Restaurant am Strand, die leckeren Mango-Shakes, die Schule, die auf den Straßen spielenden Kinder, die gastfreundlichen Einheimischen, hauptsächlich Fischer. Im Sommer 2011 war das, als die Hebertshausenerin in der Gemeinde ein Praktikum machte. Sonntagnacht, mehr als zwei Jahre später, erreichte sie ein verzweifelter Hilferuf, abgesetzt vom ihrem damaligen Chef Leo Cayaban. Er schreibt: "Busuanga hat es schwer getroffen. Wir brauchen Hilfe."

Der Taifun "Haiyan", den viele Experten als den stärksten Wirbelsturm aller Zeiten bezeichnen, hat die Gemeinde Busuanga auf der gleichnamigen Insel komplett verwüstet - 65 000 Menschen sind dort von der Naturkatastrophe betroffen. Verena Ziemen spricht am Montagmorgen mit Leo Cayaban über Skype. Der Philippiner sitzt zu dem Zeitpunkt in Manila. Er ist wohlauf - die philippinische Hauptstadt wurde von dem Taifun weitaus weniger schlimm getroffen.

Cayaban ist es gelungen, zu seinen Kollegen und Freunden in Busuanga über Handy Kontakt aufzunehmen. Er berichtet, dass 85 Prozent aller Häuser zerstört worden seien, darunter auch Schulen und Krankenhäuser. Strom könne ausschließlich über Dieselgeneratoren erzeugt werden, aber "die Dieselvorräte gehen Ende dieser Woche aus". Die Kommunikation, berichtet Cayaban weiter, ist weitestgehend zusammengebrochen: Beide Mobilfunkmasten im Ort seien durch den Sturm zerstört worden. "Wir können nur über den Internetprovider Globe kommunizieren." Von vielen seiner Bekannten habe er bisher kein Lebenszeichen erhalten.

Zerstört ist offenbar auch der Flughafen in Busuanga: Medizinische Versorgung und Nahrungsmittel können nur über den Seeweg gebracht werden. "Das ist schwierig, weil die See immer noch sehr rau ist", sagt Cayaban. Überhaupt sei die Versorgung mit Nahrung und Wasser das größte Problem - und das, obwohl Busuanga auf den Taifun vorbereitet gewesen sei. Cayaban rechnet damit, dass schon Ende der Woche die Nahrungsvorräte zur Neige gehen. Noch sei alles friedlich, es gebe keine Unruhen. Cayaban aber befürchtet: "Die humanitäre Katastrophe steht erst bevor. Am Freitag gehen die Notreserven zu Ende. Dann haben mehr als 22 000 Menschen in der Gemeinde nichts mehr zu essen." Zumal die staatliche Notfallversorgung nur schleppend vorangehe: Die Gemeinde und das Sozialministerium arbeiteten erst jetzt an einem Plan, wie ankommende Hilfsgüter verteilt werden sollen.

Seine damalige Praktikantin, Verena Ziemen, ist nach dem Gespräch über Skype bestürzt, "ich mache seit dem Anruf nachts kein Auge zu", sagt sie. Die 30-Jährige fühlt sich hilflos, sorgt sich um die vielen Menschen, die ihr während des dreimonatigen Aufenthalts ans Herz gewachsen sind. Ihren Co-Chef von damals entdeckt sie am Dienstag auf einem Foto wieder, das auf Facebook gepostet wurde. Rene - so heißt der Mann - steht in einer Halle, in der die obdachlos gewordenen Menschen Zuflucht finden. Immerhin: Er lebt. Am Montagmorgen bespricht sich Verena Ziemen mit ihrer Schwester Tatjana, die sie damals auf den Philippinen besucht hat. Gemeinsam gehen die Schwestern zu einer Bank in Dachau. Ein offizielles Spendenkonto können sie nicht eröffnen, jedenfalls nicht so ohne weiteres; die bürokratischen Hürden sind hoch. Also eröffnen sie bei der Volksbank ein privates Konto mit Zusatznamen. "Leider", sagt Verena, "denn viele trauen uns nicht und bestehen auf einer Spendenquittung." Es ist nicht so einfach zu helfen. Am Montagabend gründen die Schwestern eine offene Facebook-Gruppe, die für jeden User zugänglich ist. Im Einladungsschreiben schildern sie die Situation in Busuanga und bitten Freunde und Bekannte zu spenden und die Einladung zu der Gruppe an Dritte weiterzuleiten. Am Mittwochnachmittag hat die Gruppe schon 648 Mitglieder. Verena Ziemen sagt: "Ich hoffe, dass in kurzer Zeit so viel Geld wie möglich zusammenkommt. Es geht wirklich nur um Ersthilfe, damit die Leute Essen, Trinken und medizinische Versorgung bekommen."

Den ersten Schwung Spenden will die 30-Jährige Ende der Woche direkt zu Leo Cayaban nach Manila schicken. "Er kauft dort Lebensmittel, chartert ein Boot und fährt sofort nach Busuanga", sagt Ziemen. Ihre Schwester Tatjana hofft, dass viele Leute ihnen Vertrauen schenken. Und wenn nicht? "Dann hoffe ich, dass sich möglichst viele an den großen, internationalen Spendenaktionen beteiligen. Wir wollen ja nur, dass unseren Bekannten in Busuanga geholfen wird."

Wer spenden will, kann eine E-Mail an v.ziemen@gmx.de senden oder die Gruppe "Ersthilfe für die Philippinen: Gemeinde Busuanga, Palawan" auf Facebook besuchen.