Hgyienemaßnahmen an Schulen:Landräte: Luftreiniger bringen nur "Scheinsicherheit"

Coronavirus - Luftfiltergeräte an Schulen

Ob Luftreiniger in Schulen wirklich sicheren Präsenzunterricht gewährleisten können ist umstritten.

(Foto: dpa)

Kommunalpolitiker zweifeln an dem Nutzen der Geräte in Klassenzimmern und kritisieren das Vorgehen der Staatsregierung

Von Jacqueline Lang, Bergkirchen

Viele Kommunalpolitiker sind sich einig: Solange es nicht wissenschaftlich zweifelsfrei erwiesen ist, dass Luftreiniger dazu führen werden, dass der Unterricht ab dem neuen Schuljahr ohne ständiges Lüften, Wechselunterricht und Masken möglich ist, wollen sie dafür nicht mehrere Millionen Euro in die Hand nehmen. Auch dann nicht, wenn der Freistaat damit lockt, dass er die Hälfte der Kosten für die Luftreiniger übernehmen wird. Der Fürstenfeldbrucker Landrat Thomas Karmasin (CSU) betont, dass es dabei nicht um Geld gehe. Aber eine rein "psychische Beruhigung" sei für ihn und seine oberbayerischen Landratskollegen sowie auch die große Mehrheit der Bürgermeister eben schlicht nicht ausreichend. Eine solche "Scheinsicherheit", so Karmasin, wolle man nicht vermitteln.

Der Brucker Landrat ist Vorsitzender des Bezirksverbandes Oberbayern im Bayerischen Landkreistag. Im Anschluss an eine Sitzung des Bezirksverbandes lud er in den Gasthof Groß in Bergkirchen zu einem Pressegespräch mit dem Dachauer Landrat Stefan Löwl (CSU), dem Geschäftsführer des Bayerischen Landkreistages, Johann Keller, sowie dessen baldiger Nachfolgerin Andrea Degl und der Regierungspräsidentin von Oberbayern Maria Els.

Seit gut einem halben Jahr wird über den Nutzen von Luftreinigern in Schulen debattiert. Der Vorstoß der Staatsregierung, deren Anschaffung nun fördern zu wollen, sei überraschend gekommen und nicht mit den kommunalen Vertreten abgestimmt worden, kritisiert Karmasin. Er warnt vor einem "Schwarze-Peter-Spiel", das nun folgen könnte: Nun da der Freistaat angekündigt habe, zumindest einen Teil der Kosten übernehmen zu wollen, würden die Bürger erwarten, dass die Geräte auch angeschafft würden. Gleichwohl habe die Staatsregierung die Eltern nicht darüber informiert, dass die Geräte womöglich gar nicht den gewünschten Schutz für ihre Kinder bieten könnten. Geschäftsführer Keller fürchtet, dass die Kritik lauten werde, wenn trotz Luftreiniger ein Corona-Fall auftreten würde. Der Dachauer Landrat Stefan Löwl sieht deshalb die Staatsregierung in der "Bringschuld". In der "angespannten Finanzlage" nahezu aller Kommunen sei es schlicht nicht vermittelbar, so viel Geld auszugeben, ohne genau zu wissen, ob es die Geräte gewünschten Effekt haben werden, sagte Löwl.

Neben wissenschaftlichen Studien, welche die Sinnhaftigkeit der Geräte belegen, stellen sich für die Landräte aber noch weiter Fragen: Wie viele Luftreiniger bräuchte es pro Klassen zimmer überhaupt und welche Gerätetypen sind förderfähig? Müsste die Ausschreibung europaweit erfolgen oder gibt es eine besondere Dringlichkeit, die das Verfahren beschleunigen und vereinfachen könnte? All das sind Fragen, auf die auch Regierungspräsidentin Els zum jetzigen Zeitpunkt keine Antworten parat hat.

Vor diesem Hintergrund glaubt Karmasin nicht, dass zum Schuljahresbeginn im September in allen rund 100 000 Räumlichkeiten - die der Kitas mit eingeschlossen - Luftreiniger vorhanden sein werden. Auf Nachfrage, ob man denn zumindest grob sagen könne, bis wann frühestens mit einer Lieferung zu rechnen sei, fällt die Antwort noch ernüchternder aus: Erst in gut einem halben Jahr, schätzt Karmasin, könnten die Geräte flächendeckend in allen Klassenzimmern vorhanden sein. Nur wenn die Staatsregierung eine besondere Dringlichkeit feststelle, könne es vielleicht etwas schneller gehen, wobei eine Ausschreibung auch dann erst noch von den kommunalen Gremien abgesegnet werden müsste und das noch vor der Sommerpause. Zum jetzigen Zeitpunkt will sich Els aber ohnehin nicht auf eine besondere Dringlichkeit festlegen. Diese hänge auch von der Beschaffungssumme ab, erklärte sie. Und die wiederum hängt davon ab, wie viele Geräte es am Ende tatsächlich genötigt werden - und ob überhaupt.

© SZ vom 08.07.2021
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MeinungKommentar
:Ein Versagen auf ganzer Linie

Nach mehr als einem Jahr fehlt immer noch eine belastbare Studie, die den Nutzen der Luftreiniger zweifelsfrei belegen. Auch andere Lösungen, die Präsenzunterricht im Herbst gewährleisten, fehlen. Die Politik hat damit einmal mehr ihre Chance vertan, Kinder und Jugendliche zu priorisieren

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