Heute: Lanzenried, Folge 6 Anmut und Bescheidenheit

Die Kirche von Lanzenried zählt zu den ältesten evangelischen Gotteshäusern in Oberbayern. Hinter den alten Mauern gibt es heute noch ein reges Gemeindeleben

Von Sonja Siegmund, Markt Indersdorf

Wer zwischen Ainhofen und Jetzendorf mit dem Auto oder Fahrrad unterwegs ist, kann leicht das kleine gelbe Ortsschild "Lanzenried" übersehen. Denn Ende August wird diese kurvenreiche Straße gesäumt von prächtigen Sonnenblumen, die den Rand der hohen Maisfelder schmücken. Wer schließlich doch die Abzweigung gefunden hat, den kann schon das Gefühl beschleichen: Gleich ist die Welt zu Ende. Wiesen, Felder, ein kleiner Wald dort drüben, auf der Lichtung davor äsen in aller Ruhe ein Reh und zwei Hasen. Man könnte sich gut vorstellen, dass auch gleich ein Fuchs vorbeischaut zum Gute-Nacht-Sagen. Und dann kommt ein Kirchturm in Sicht. Ein schlichter Bau - zu stattlich für eine Hofkapelle - mit viel Wiese um das Gebäude, ein kleiner Friedhof weiter hinten, ziemlich alt und liebevoll gepflegt.

In Lanzenried scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Oder die Uhren gehen etwas langsamer als anderswo. Denn diese kleine Kirche strahlt eine besondere Atmosphäre aus und hat zudem eine interessante Geschichte, denn sie zählt zu den ältesten evangelischen Gotteshäusern in Oberbayern. Wer die Kirche von innen sehen will, sollte Mitglied im Kemmoden-Lanzenrieder Seniorenkreis sein oder den Sonntags-Gottesdienst besuchen. Noch besser, man lässt sie sich von Mesnerin Helga Hirschler zeigen, die schräg gegenüber wohnt und den Schlüssel verwaltet.

Wer allerdings eine "normale" Kirche erwartet, wundert sich. Der Besucher blickt zunächst auf schlichte Türen, eine davon führt in den Gemeindesaal. Dort, wo heute Taufen, Hochzeiten und andere Feste gefeiert werden können und sich einmal im Monat der Seniorenkreis trifft, standen bis 1931 Schulbänke. Im Erdgeschoß hatte die Kirchengemeinde ein Klassenzimmer eingerichtet, eine kleine Lehrerwohnung lag direkt nebenan. Später haben Konfirmandengruppen aus Dachau in diesen Räumen ihre Freizeit verbracht, weiß Mesnerin Hirschler zu berichten.

Kirchenbesucher müssen erst die Holztreppe in den ersten Stock hinaufsteigen, um in den Betsaal zu kommen. Nahezu unverändert präsentiert sich diese historisch bedeutsame Kirche und beeindruckt durch Anmut und Bescheidenheit. In dem schlicht eingerichteten Saal leuchten die alten Holzbänke in sattem Türkisgrün auf dem blank gescheuerten Dielenboden. Wenn sich hier alle 14 Tage am Sonntag die Kirchengemeinde zum Gottesdienst versammelt, hat Helga Hirschler zuvor den Altar mit frischen Blumen aus ihrem eigenen Garten geschmückt. Die Glocken werden von Georg Weimer per Hand geläutet, der in dem benachbarten Weiler Kleinschwabhausen zu Hause ist.

Hirschler und Weimer gehören zu einem rührigen Team von ehrenamtlichen Helfern, die sich seit vielen Jahren für die denkmalgeschützte Kirche einsetzen. Neben dem Blumenschmuck für den Altar müssen die Gemeinderäume geputzt und gelüftet werden, die Wiese an der Kirche gemäht und die Hecken um den Friedhof geschnitten werden. Hinter der Wiese und Kirche, über der ein Dachreiter als Glockenturm thront, werden bis heute Bewohner von Lanzenried und Umgebung beerdigt. Mit ihrem Gotteshaus sind die Lanzenrieder eng verbunden, waren ihre Vorfahren doch unter jenen protestantischen und mennonitischen Familien, die von 1820 an aus der Rheinpfalz und dem Elsass in das Dachauer Hinterland kamen, um es urbar zu machen und zu besiedeln.

Aber wie kam es eigentlich zu dem Kirchen- und Schulbau der Protestanten im Dachauer Hinterland? Dem landeskirchlichen Archiv zufolge übergab der Neusiedler Daniel Walter 1831 sein Anwesen an den gleichnamigen Sohn, der 1836 den Grund für die Kirche und den Friedhof zur Verfügung stellte. Dessen Schwester Dorothea war mit dem ersten Lehrer, Philipp Lörsch, verheiratet, der zunächst Kinder auf dem Hammerhof und in Tafern unterrichtete. Ein Beweis mehr, wie wichtig den Siedlern damals die Schule und der Religionsunterricht für ihre Kinder gewesen war, erklärt Hirschler. 1931 sei der Schulunterricht in Lanzenried aufgrund der geringen Schülerzahl eingestellt worden. Seither wurden auch die protestantischen Kinder nach Ainhofen und später nach Indersdorf zur Schule geschickt.

Das Gehöft Nummer eins wird in sechster Generation von der Familie Hirschler bewirtschaftet

Lanzenried bestand Anfang des 19. Jahrhunderts aus einem Einödhof, der 1820 geteilt wurde. Die eine Hälfte erwarb die protestantische Familie von Daniel Walter, die aus dem Elsass eingewandert war. Eine mennonitische Familie aus der Rheinpfalz übernahm die andere Hofhälfte, die eine Generation später in den Besitz der Familie Hirschler übergegangen ist. Die beiden Familien sind heute noch in Lanzenried beheimatet und engagieren sich für ihre Kirche. Diese Einstellung ist für Helga Hirschler einzigartig und keinesfalls selbstverständlich: "Der Zusammenhalt für unsere Kirche wird von Generation zu Generation vorgelebt und weitergegeben."

Die beiden ehemals landwirtschaftlichen Anwesen sind inzwischen zu ansehnlichen Wohnhäusern umgebaut worden. Das Gehöft Nummer eins wird bereits in sechster Generation von der Familie Hirschler bewirtschaftet. Ein gemeinsames Hobby von Helga Hirschler und ihrer Schwiegermutter sind ihre zwei liebevoll gepflegten Bauerngärten mit prächtigen Sonnenblumen, Königskerzen und Tomatenpflanzen. Nur die 15 Hühner, die fleißig auf der Wiese neben dem Wohnhaus herumscharren, erinnern noch an den einstigen Bauernhof.