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Herzschlag-Messe:Die Misere in der Altenpflege

Auf einer Podiumsdiskussion mit Kommunalpolitikern machen betroffene Angehörige ihrem Unmut Luft. Sie fordern von Stadt und Landkreis Dachau mehr Unterstützung. Nun soll ein Runder Tisch eingerichtet werden

In einer alternden Gesellschaft rückt das Thema Pflege in den Fokus - auch im Landkreis Dachau. Mit der Frage, wie Betreuung und Unterstützung aussehen soll für Menschen, die ihr Leben nicht mehr eigenständig bewältigen können, beschäftigen sich Betroffene und ihre Angehörigen, professionelle Pflegedienste, stationäre Einrichtungen und die Kommunalpolitik. Genau diese Vielfalt der Perspektiven präsentierten die Teilnehmer der Podiumsdiskussion "Pflege und Betreuung - eine Herausforderung für alle" am Sonntagnachmittag im ASV-Tagungssaal. Und dabei wurde rasch deutlich, dass die Betroffenen mehr Aufmerksamkeit und Hilfe von der Kommunalpolitik in Stadt und Landkreis Dachau fordern.

Das Thema brennt den Dachauer offenbar auf den Nägeln. Das zeige die große Zahl an Messebesuchern, sagt Sonja Lencik, Sprecherin der Dachauer Agentur Miss Media, die erstmals die Fachmesse "Herzschlag" organisiert hat. "Was kann in Stadt und Landkreis vor Ort bewegt werden, um die Situation der Pflege zu verbessern?" Das soll nun ein Runder Tisch Pflege klären, den der Moderator Werner Buchberger, Leiter der Dachauer Gesundheitsregion Plus, am Schluss angeregt hat. Denn in der vorausgegangen Debatte im voll besetzten Saal hatte er gar nicht alle Wortmeldungen berücksichtigen können.

Wichtig ist dem Runden Tisch die Teilnahme der pflegenden Angehörigen

Um die Vielfalt der Anregungen und Erfahrungen für die Verbesserung der Pflegesituation im Landkreis effektiv nutzbar zu machen, betonte Buchberger, dass diesem Runden Tisch nicht nur Profis angehören dürften. Ganz entscheidend sei die Teilnahme der pflegenden Angehörigen und Pflegebedürftigen. Die Antworten auf die Missstände müssten von Fachleuten und Betroffenen gemeinsam erarbeitet werden.

Herzschlag

Die Gesundheitsmesse Herzschlag im ASV-Theatersaal in Dachau. Am VdK-Infostand informieren Geschäftsführerin Stefanie Otterbein und Gerd Dirlenbach über Hilfsmittel für den Alltag.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Schon die engagierten Beiträge auf dem Podium wie aus dem Publikum zeigten während der Diskussion, dass die Erfahrungen der unmittelbar mit der Pflege Befassten einfließen müssen. Aktuell werde die Stimme der pflegenden Angehörigen, die noch immer den größten Teil der Pflege in Deutschland leisten, viel zu wenig gehört, kritisierte Brigitte Bührlen, Vorsitzende und Gründerin von Wir, einer Stiftung für pflegende Angehörige. "Im Gegensatz zur Pflegewirtschaft haben wir keine Lobby." Dabei müssten doch gerade diejenigen, die im Alltag die Pflege in den Familien leisteten, "sagen, was wir brauchen".

Für die Betreuung der Eltern braucht es genauso Zeit wie zur Betreuung der Kinder

Bernhard Seidenath, CSU-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender im Landtagsausschuss Gesundheit und Pflege, unterstützte Brigitte Bührlen. Tatsächlich müsse die Politik neben den Bedürfnissen erwerbstätiger Eltern, die Kinderbetreuung benötigten, auch die Belange erwerbstätiger Kinder von pflegebedürftigen Eltern stärker in den Blick nehmen, betonte er. Wichtig sei, "Tages-, Nacht- und Kurzzeitpflege aufzubauen". Eine Versorgungslücke im Landkreis, bestätigte Lisa Reichl, Leiterin der Dachauer Tagespflege Sonnenschein. "Wir vertrösten die Leute."

Und Kurzzeitpflege für wenige Tage würde, so Reichl, wegen des enormen Dokumentationsaufwands kein Heim anbieten, "denn das rechnet sich nicht". Auch für Nachtpflege gebe es Bedarf, aber vor Ort kein Angebot. "Da sind Stadt und Landkreis dringend gefordert." Schon die Zugangshürden zu finanzieller wie organisatorischer Unterstützung seien enorm hoch, beklagte eine Zuhörerin. "Kriegen Sie erst einmal einen Pflegegrad 2." Doch ein Anrecht auf dem Papier ist noch keine konkrete Unterstützung im Alltag. "Es ist ein Kampf, und am Ende finde ich keine Hilfe, weil es kein Personal gibt", erzählte die Mutter eines schwerbehinderten Kindes. Auf eine weitere Zielgruppe machte die an Demenz erkrankte Aktivistin Helga Rohra aufmerksam: "Für Menschen, die noch keine Pflege benötigen, fehlen Aktivierungsangebote." Diese Betroffenen möchten trotz gewisser Einschränkungen weiter am Leben teilhaben. "Sehen Sie uns nicht als Fall."

"Die Masse an Regeln macht uns kaputt", sagt Landrat Löwl

Es ist nicht so, dass die Kommunalpolitiker die Not der Betroffenen nicht erkennen würden, sagte Landrat Stefan Löwl (CSU). Doch was die Eröffnung neuer Einrichtungen, etwa für die gefragte Tages- oder Nachtpflege angehe, seien die gesetzlichen Vorschriften von Brand- über Emissionsschutz bis zum Baurecht enorm. "Die Masse an Regeln macht uns kaputt, weil wir uns überregulieren", sagte der Landrat.

Herzschlag

Stefan Löwl, Florian Hartmann, Helga Rohra, Bernhard Seidenath, Richard Reischl auf dem Podium in der ASV-Halle.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Auch Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) sieht Handlungsspielräume nur dort, wo neue Bebauungspläne aufgestellt werden, wie etwa beim MD-Gelände. Die Betroffenen rief er auf, "den konkreten Bedarf zu benennen". Als Bürgermeister von Hebertshausen und Vater einer schwerbehinderten Tochter kennt Richard Reischl (CSU) die Situation aus beiden Perspektiven. Und er weiß genau, wie er sagte, dass Geld nicht die Lösung ist - "wir brauchen Ansprechpartner und Unterstützung". Um Einrichtungen zu schaffen, "müssen wir flexibler werden und Entscheidungen treffen für die Bürger", so Reischl.

Auch die Konkurrenz der unterschiedlichen Akteure spielt offenbar eine Rolle. Das zeigt das Beispiel Pflegestützpunkt. Eine zentrale Anlaufstelle, die alle Informationen und Angebote koordiniert, will der Landkreis einrichten, wie Landrat Löwl betonte. Aber seit einem Dreivierteljahr schaffe man es nicht, alle Lobbygruppen und Bedenkenträger unter einen Hut zu bekommen. Kein Wunder, dass betroffene Bürger sich mit ihren Wünschen und ihrem Bedarf an Unterstützung zu wenig berücksichtigt sähen, meinte Löwl. Deshalb, sagte Moderator Buchberger, "wäre ein Runder Tisch Pflege sinnvoll, das ist ein wichtiges Thema".