Heribert Spitzauer hat einmal von einem persönlichen Ritual erzählt: Immer wenn er in München zu tun und Zeit hatte, setzte er sich auf eine Bank am Sankt-Jakobs-Platz. Er wartete auf den Schulschluss, um zu erleben, wie jüdische Kinder aus dem Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde kamen. Weder kannte er die Schüler noch sprach er mit ihnen. Er, selbst Vater zweier Kinder, saß einfach da und sah ihnen zu. In diesen Momenten verdichtete sich für ihn die Zeit. Die Existenz eines jeden jüdischen Kindes stand für ihn für die Niederlage des NS-Regimes. „Ich denke mir bei jedem Kind: Du hast ganz allein die Hitlerei besiegt“, sagte er im Gespräch mit der SZ.
Wenn seine Umgebung an ihm vorbeizog, sah Spitzauer immer das Kleine im Großen, die Gegenwart als Resultat einer nicht zu leugnenden Vergangenheit. Er trug eine Halskette mit einem Davidstern. Er war kein Jude, hatte nur Sympathie für das Judentum und Israel. Einmal sprach ihn eine Frau darauf an und fragte, ob er damit provozieren wolle? Die Frage erzürnte ihn. In solchen alltäglichen Situationen zeigte sich für ihn, dass der Boden in Deutschland noch fruchtbar ist für Antisemitismus.
Was tat er gegen das Vergessen? Er malte – und hielt der Welt so den Spiegel vor.

Geboren wurde er in Traunstein, er wuchs auf in Altenmarkt an der Alz. Als er zehn war, zog die Familie nach München. Das Malen brachte Heribert Spitzauer sich selbst bei. Da er nach dem Zivildienst in Dachau lebte, setzte er sich in seinen Werken mit den NS-Verbrechen auseinander. „Ich sehe nicht ein, warum ich mich in der Stadt aufhalten und mich mit dem Wesentlichsten nicht beschäftigen soll“, sagte er. Das Wesentliche in Dachau – das war für ihn die NS-Vergangenheit.
Er schuf viele Gemäldezyklen. Sein bekanntestes Werk ist der „Epilog“. Zu sehen sind Gladiolen in blutroter Farbe auf einem Hintergrund aus Erde – die SS ließ im „Kräutergarten“, wo KZ-Häftlinge als Arbeitssklaven arbeiten mussten, Gladiolen anbauen. Für sein Werk „Legat“ hat er 14 Kinderporträts gemalt – jeweils ein Kind, das unter NS-Herrschaft ermordet wurde, gegenüber einem lebenden Kind. Es sind ergreifende Werke, für die sich Spitzauer in den 1990er-Jahren aber auch Kritik anhören musste. Aber Streit und Provokation gehörten zu seiner Kunst dazu. Er war mit seiner Sicht auf die Vergangenheit Teilen der Dachauer Stadtgesellschaft der Zeit weit voraus.
Zum letzten Mal trat er 2020 künstlerisch in Erscheinung. Er porträtierte die Sozialarbeiterin Greta Fischer, die nach dem Krieg jüdische Waisenkinder in Markt Indersdorf pflegte. Spitzauers Ex-Frau Viktoria Ledermann, die Leiterin der Dachauer Greta-Fischer-Schule, brachte das Bild nach Israel, um es dem Krankenhaus zu schenken, in dem Greta Fischer gearbeitet hatte.
Heribert Spitzauer konnte so grandios granteln, wie es nur die besten bayerischen Stammtischphilosophen können. Er hatte einen Humor, der ohne Lachen auskommt. Als man ihn einmal in seiner Wohnung besuchte, wo sich auch sein Atelier befand, tischte er Semmelknödel auf. Diese seien die besten Semmelknödel Oberbayerns, sagte er mit ernster Miene. Es war schließlich kein Witz.
Anfang der Woche ist er gestorben. Er wurde 67 Jahre alt.

