Erinnerungskultur:Das vergessene Verbrechen

Erinnerungskultur: Der ehemalige SS-Schießplatz in Hebertshausen ist heute ein Gedenkort für die ermordeten Rotarmisten.

Der ehemalige SS-Schießplatz in Hebertshausen ist heute ein Gedenkort für die ermordeten Rotarmisten.

(Foto: Toni Heigl)

Vielen Menschen in Deutschland ist nicht bewusst, wie unendlich viel Leid der deutsche Vernichtungskrieg den Menschen in den Ländern der Sowjetunion gebracht hat. An diesem Dienstag findet eine Gedenkfeier für die 4000 ermordeten Rotarmisten in Hebertshausen statt.

Von Helmut Zeller, Dachau

Die Gedenkfeiern am ehemaligen "SS-Schießplatz Hebertshausen" haben etwas Trauriges an sich: natürlich wegen der Opfer der Massaker, die von der Lager-SS an diesem Ort verübt wurden. Traurig stimmt jedoch auch die eher spärliche Anteilnahme der Bevölkerung. Zwischen Herbst 1941 und Frühjahr 1942 wurden auf dem Schießplatz mehr als 4000 kriegsgefangene Rotarmisten brutal erschossen - mit der Erinnerung daran tat sich Dachau lange Jahre schwer, der Ort war fast in Vergessenheit geraten. Im Kalten Krieg mit seinem antikommunistischen Konsens wurde das Verbrechen verdrängt, auch danach fand in der Forschung, Politik und in der Öffentlichkeit keine Auseinandersetzung damit statt.

Allein der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und andere zivile Initiativen sowie die KZ-Gedenkstätte und die Lagergemeinschaft Dachau bewahrten die Erinnerung und retteten den Ort vor dem Verfall, dem der Dachauer Oberbürgermeister Lorenz Reitmeier noch 1991 eine lediglich "marginale Bedeutung" zugesprochen hatte. Im Mai 2014 wurde am "SS-Schießplatz" eine Gedenkstätte mit einer Ausstellung eröffnet.

Es war der ungeheuerlichste und grausamste Krieg in der modernen Geschichte

Noch heute - zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 - ist vielen Menschen in Deutschland nicht bewusst, wie unendlich viel Leid der deutsche Vernichtungskrieg den Menschen in den Ländern der Sowjetunion gebracht hat. Im Kriegsverlauf wurden zwischen 24 und 40 Millionen Bewohner getötet. Christian Hartmann, Historiker am Institut für Zeitgeschichte, zufolge sind in der Obhut der Wehrmacht etwa drei Millionen sowjetische Gefangene verhungert, erfroren, an Seuchen gestorben oder erschossen worden. Es war der ungeheuerlichste und grausamste Krieg in der modernen Geschichte.

Gabriele Hammermann, 2020

Die Historikerin und Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Gabriele Hammermann.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die KZ-Gedenkstätte und der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung veranstalten auch dieses Jahr wieder einen Gedenktag. Die zentrale Veranstaltung findet am 22. Juni um 17 Uhr am Gedenkort ehemaliger "SS-Schießplatz" Hebertshausen statt. Nach Grußworten von Ulrike Mascher, Vorsitzende des Fördervereins, und der Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann wird der Historiker Reinhard Otto sprechen. Musikalisch umrahmt wird das Gedenken von Frank Uttenreuther auf der Trompete. Die Veranstaltung ist öffentlich und genehmigt für bis zu 100 Teilnehmer unter Einhaltung der Hygiene- und Infektionsschutzregeln.

Die Gedenkstätte vermittelt auch virtuelle Gedenkbotschaften von Angehörigen von Opfern, bisher wurden in einem noch laufenden Projekt etwa 800 Namen von Ermordeten recherchiert. Besonders erfreut ist die KZ-Gedenkstätte Dachau, dass 16 Angehörige von Opfern in Form von Videos, ergänzt durch historisches Bildmaterial und Dokumente, ihre Botschaften übermittelt haben. Diese sind mit deutschen Untertiteln auf der Website der Gedenkstätte einsehbar: www.kz-gedenkstaette-dachau.de/aktuelles/virtuelles-gedenken-zum-80-jahrestag-des-deutschen-ueberfalls-auf-die-sowjetunion/

"Die Angehörigen der Opfer haben bereits bei der Neugestaltung des,Gedenkorts ehemaliger SS-Schießplatz Hebertshausen' unschätzbare Hilfe und Unterstützung geleistet. Wir freuen uns sehr, dass sie uns nun auch anlässlich des 80. Jahrestages des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion ihre wichtigen Gedenkbotschaften zugeschickt haben", sagt Christoph Thonfeld, stellvertretender Leiter der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Stilles Gedenken

Zu einem stillen Gedenken um zehn Uhr kommt ein Vertreter des ukrainischen Generalkonsulats sowie um elf Uhr Vertreter der belarussischen, kasachischen und russischen Generalkonsulate, um jeweils einen Kranz am Gedenkort niederlegen. Bereits am Morgen wird auch Melanie Huml, Staatsministerin für Europaangelegenheiten und Internationales, mit einer Kranzniederlegung in Hebertshausen des 80. Jahrestags gedenken. Begleitet werden die Gedenkveranstaltungen von Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten und Vizepräsident des Bayerischen Landtags, sowie der Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann. Diese Veranstaltungen finden nur in kleinem Rahmen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

"Wenn er doch noch leben würde! Er hat immer von dieser Minute geträumt, in man... eine Gedenkstätte errichtet. Das ist alles, was ihm im Leben gefehlt hat, die öffentliche Anerkennung", sagte 2014 Weniamin Temkin über seinen Vater Moisej, der als einer der wenigen die Erschießungen überlebt hatte.

© SZ vom 22.06.2021
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