Tierschutz:Unterwegs mit den Rehkitz-Rettern

Lesezeit: 5 min

Tierschutz: Der Instinkt, sich bei Gefahr ganz still zu verhalten, wirkt auch im Wäschekorb. Beim Einfangen davor aber stoßen die kleinen Tiere Schreie aus, die durch Mark und Bein gehen.

Der Instinkt, sich bei Gefahr ganz still zu verhalten, wirkt auch im Wäschekorb. Beim Einfangen davor aber stoßen die kleinen Tiere Schreie aus, die durch Mark und Bein gehen.

(Foto: Peter Lederer)

Lange wurden niedergemetzelte Kitze als Kollateralschäden der Landwirtschaft in Kauf genommen. Nun lassen freiwillige Helfer Drohnen über die Wiesen fliegen, um die Tiere vor dem Tod durch Mähmaschinen zu bewahren.

Von Alexandra Vettori, Hebertshausen

Was haben diese Tierchen nur an sich, dass sie Menschen zu solchen Taten bringen? Dass sich berufstätige Leute vor Arbeitsbeginn freiwillig und ohne Bezahlung um 4 Uhr morgens treffen, durch nasse Wiesen stapfen, um sie vor den tödlichen Messern des Mähwerkzeugs zu retten. Klar: riesige schwarze Augen mit einem Blick, der Steine erweicht, glänzende Nase, Tupfen auf dem schmalen Rücken, große Flauschi-Ohren, lange, staksige Beine - "Bambi" eben.

Kitzrettung ist gerade "in", die sozialen Netzwerke quellen fast über vor lauter Bildern von glücklichen Helfern und possierlichen Rehkitzen. Kürzlich hat sich auch die Gemeinde Hebertshausen eine Drohne mit Wärmebildkamera angeschafft, für 8000 Euro, transportablen Groß-Bildschirm inklusive. Ortsansässige Bauern können sich seither vor der Mahd melden und kostenlos ein Team buchen, das die Felder abfliegt und die Kitze rettet. Dazu hat man eine Whatsapp-Gruppe gegründet, samt Doodle-Kalender, in den sich einträgt, wer Zeit hat. Ruckzuck waren 20 Leute beisammen, bereit, zu nachtschlafender Zeit aufzustehen, um Bambis zu retten. Das ist der Nachteil der Wärmebild-Technik: Man muss früh raus, damit die Temperaturunterschiede zwischen Tier und Umgebung möglichst groß sind. Nur dann gibt es scharfe Bilder.

So stehen an einem Donnerstagmorgen um Punkt 4 Uhr zehn Leute auf dem Hof von Bauer Josef Brandmair, mit dabei Bürgermeister Richard Reischl (CSU), der vor Dienstbeginn auch gerne mal in Sachen Kitzrettung aktiv ist. Man bildet Fahrgemeinschaften und zuckelt in der Finsternis hinter dem Traktor her. "Das Gute ist, dass man immer tolle Sonnenaufgänge hat, weil es wird nur bei schönem Wetter gemäht", sagt Peter Lederer und lächelt. Er arbeitet bei einem Softwareunternehmen, ist Hobby-Tierfotograf, weiß daher viel über Wildtiere und ist einer der Köpfe des Hebertshauser Kitzrettungs-Teams. "Das Interpretieren des Wärmebilds ist das Schwierigste", erklärt er, als der kleine Tross aus Bulldog und drei Autos am Rand des ersten Feldes Halt macht.

Tierschutz: Auf dem Bildschirm verfolgt das Team den Flug der Drohne. Weiße Flecken bedeuten Wärme, also ein Tier.

Auf dem Bildschirm verfolgt das Team den Flug der Drohne. Weiße Flecken bedeuten Wärme, also ein Tier.

(Foto: Alexandra Vettori)

Alle Handgriffe sitzen, es dauert keine zehn Minuten, da schickt Pilot Christian Kientsch die grün und rot blinkende Drohne in den Himmel, der sich im Osten schon hellblau färbt. Er und Copilot Christian Prange schauen auf den großen Bildschirm im Kofferraum ihres Wagens. "Stopp!" Kientsch hat etwas entdeckt. Es ist ein Hase, "da sieht man sogar die kalten Hasen-Ohrwaschel", scherzt er. Tatsächlich sind die Ohren dunkler als der hellgraue Rest der hoppelnden, schemenhaften Gestalt. Die Drohnen-Route hat Peter Lederer am Vortag mit Hilfe der Geodaten programmiert, auch die nahe Hochspannungsleitung hat er bedacht.

Tierschutz: Helfer verfolgen den Flug der Drohne (v.l.): Peter Lederer, Naturfotograf und tragendes Mitglied der Drohnengruppe, Drohnenpilot Christian Kientsch und Christian Prange, angehender Drohnenpilot.

Helfer verfolgen den Flug der Drohne (v.l.): Peter Lederer, Naturfotograf und tragendes Mitglied der Drohnengruppe, Drohnenpilot Christian Kientsch und Christian Prange, angehender Drohnenpilot.

(Foto: Alexandra Vettori)

So schwirrt das filigrane Gerät ganz von selbst in 40 Metern Höhe mit einer Geschwindigkeit von vier Metern pro Sekunde schnurgerade über das Feld, hin und her. Nur wenn jemand einen weißen Fleck auf dem Bildschirm entdeckt, wird auf Handbetrieb umgestellt, dann setzt die Drohne zum Sinkflug an. Wird es heller, erklärte Pilot Kientsch, könne man Sichtbild zuschalten. Noch aber verfolgen die Menschen nur hellgraue und weiße Flecken am Bildschirm: Hasen, Mäuse, Maulwurfhügel, die auch wärmer sind als die Umgebung, oder Liegeflächen im Gras, auf denen bis vor kurzem noch ein Reh geruht hat. Nur eines findet sich auf dem Feld nicht: ein Kitz.

Weil Kitze sich ducken, statt zu fliehen, haben sie gegen das Mähwerk keine Chance

Bis vor einigen Jahren wurde als Kollateralschaden in Kauf genommen, was bei der ersten Mahd im Frühjahr in ungeahnter Zahl auf den Wiesen passiert. Da werden die Rehbabys von den Mähmaschinen niedergemetzelt und verstümmelt, weil sie sich ihrem Instinkt folgend bei Gefahr ins Gras ducken, statt zu fliehen. Versuche, das zu vermeiden, gab und gibt es, Jäger marschieren mit Hunden durch die Wiesen oder stellen Stöcke mit Piepsern und Blinklichtern auf, Bauern versuchen mit im Wind knatterten Plastiksäcken, Rehgeißen dazu zu bewegen, ihren Nachwuchs an andere Plätze zu bringen, bevor die Mähmaschine kommt. Doch Erfolge sind meist Glückssache und vom Engagement Einzelner abhängig, auch wenn Landwirte von Rechts wegen zur Vergrämung verpflichtet sind. Erst das Aufkommen der Drohnen scheint nun Rettungen in größerer Zahl zu ermöglichen. Laut einer Umfrage, die der Bayerische Jagdverband voriges Jahr durchgeführt hat, retteten Jägerschaft und Landwirte 2021 gut 90 000 Kitze und andere Wildtiere.

Tierschutz: Es ist gar nicht so einfach, das kleine Kitz unter den Korb zu bekommen. V.l. Michael Straub, Jäger Franz Romis und der Hebertshauser Bürgermeister Richard Reischl haben alle Hände voll zu tun.

Es ist gar nicht so einfach, das kleine Kitz unter den Korb zu bekommen. V.l. Michael Straub, Jäger Franz Romis und der Hebertshauser Bürgermeister Richard Reischl haben alle Hände voll zu tun.

(Foto: Alexandra Vettori)
Tierschutz: Helfer Michael Straub packt das schon sehr mobile Kitz und hat Mühe, es unter dem Wäschekorb zu stecken.

Helfer Michael Straub packt das schon sehr mobile Kitz und hat Mühe, es unter dem Wäschekorb zu stecken.

(Foto: Alexandra Vettori)
Tierschutz: Die Helfer stülpen den Wäschekorb über das Kitz und markieren die Stelle mit einer roten Fahne.

Die Helfer stülpen den Wäschekorb über das Kitz und markieren die Stelle mit einer roten Fahne.

(Foto: Alexandra Vettori)

Beim zweiten Feld stehen die Chancen besser. Als der Konvoi den Weg entlang kommt, laufen drei Rehgeißen davon. Helferinnen und Helfer ziehen wieder Plastikhandschuhe über und reiben sich und ihre Hände zusätzlich mit Gras ein, damit die Kitze nur ja keinen Geruch von ihnen annehmen. Dann würde die Geiß es nicht mehr säugen. "Stopp!" Diesmal ist sich Lederer sicher, ein Kitz. Das Such-Team, wohlweislich in Regenhosen, stapft durch den feuchten Klee. Per Funkgerät navigiert Peter Lederer zum Fundort, die darüber fliegende Drohne ist im Morgengrauen kaum zu sehen.

Vor dem ersten Einsatz hat das Team mit einem Plastikkitz geübt, jetzt, nach zuletzt 20 geretteten Kitzen, geht es schon flott: Der erste fängt das Rehlein mit dem Kescher, vorsichtig wird es, berührt nur mit Gras, darunter hervorgezogen und bekommt einen Wäschekorb übergestülpt. Die unerwartet lauten Schreie, die das zarte Tier dabei ausstößt, gehen durch Mark und Bein. Liegt es unter dem Korb, der mit Zeltheringen fest am Boden fixiert wird, ist es dagegen wieder mucksmäuschenstill und bewegungslos. Zuletzt folgt noch eine Stange mit rotem Wimpel, Biobauer Brandmair wird später großzügig darum herum mähen.

Bis 7 Uhr liegen fünf Kitze unter Wäschekörben

Seine anfängliche Skepsis dem Unterfangen gegenüber hat Josef Brandmair in den folgenden eineinhalb Stunden aufgegeben. Früher versuchte er mit Hund und Vogelscheuche, die Geißen zu vergrämen. Es sei nicht nur schlimm, Kitze zu töten, sagt er, man könnte das mit den Resten verunreinigte Mähgut nicht mehr als Tierfutter verwenden. Die Drohnen hat er gleich interessant gefunden, voriges Jahr aber schlechte Erfahrungen damit gemacht. Da war ein anderes Team da und hat nur ein Kitz entdeckt, er aber dann im gleichen Feld zwei weitere Kitze getötet. Diesmal schaut es anders aus: Bis 7 Uhr liegen fünf Kitze unter Wäschekörben und roten Fähnchen. Zwei Zwillingspaare und ein Einzelkitz, vermutet Jäger Franz Romis. Zwillinge kommen bei Rehen häufig vor. Aber auch die Kleinkindheit eines Zwillings-Kitzes ist eine einsame. Nicht nur, dass die Mutter nur zum Säugen vorbeischaut, sie legt auch Geschwister getrennt ab. Kommt der Fuchs, findet er nur eines.

Während Josef Brandmair den Bulldog anlässt, um den Klee zu mähen und unterzumulchen, packt das Kitzrettungs-Team das Equipment zusammen. Jäger Franz Romis ist glücklich, auch wenn er mit einem schiefen Grinsen auf seine piepende Vergrämungs-Geräte schaut, die zumindest hier im Kleefeld ziemlich versagt haben. "Das ist eine super Sache mit der Wärmebildkamera", sagt er und zeigt Handybilder von zerstückelten Kitzen, die er auf anderen Feldern schon eingesammelt hat.

Auf dem Heimweg erzählt Helfer Michael Straub, dass das heute schon der dritte Einsatz in dieser Woche war, "das schlaucht dann schon", räumt er ein. Aber es sei eine "super Truppe", da gebe es kein Hin und Her, alle seien zuverlässig und jeder konzentriere sich auf seine Aufgabe. Der Familienvater ist in der Automobilbranche tätig, er wird jetzt dann gleich in die Arbeit nach München fahren. Auf die Frage, warum er sich in der Kitzrettung engagiert, antwortet er nur: "Ich bin auch Fischer, und auch da ist mein Grundsatz: von der Natur nehmen und der Natur wieder geben."

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