Süddeutsche Zeitung

Gedenken an Zwangsarbeit:"Wir dürfen das Problem der Zwangsarbeit nicht ignorieren"

Die Hebertshausener Künstlerin Lioba Leibl hat zum Gedenken an die Zwangsarbeiter im KZ-Außenlager Hochbrück eine Statue gestaltet, die an diesem Freitag aufgestellt wird. Im Interview erzählt sie, warum Kunst für die Erinnerungskultur unabdingbar ist.

Interview von Maxim Nägele, Hebertshausen

Am Freitag wird eine Skulptur zum Gedenken an die Zwangsarbeiter des KZ-Außenlagers Hochbrück in der Kirchenstraße in Garching aufgestellt, am Sonntag wird sie in einem Festakt der Öffentlichkeit präsentiert. Der Garchinger Stadtrat hatte sich im Januar von den Entwürfen dreier Künstler für die Stele der Künstlerin Lioba Leibl aus Hebertshausen entschieden.

SZ: Was war die Inspiration für die Ausarbeitung ihres Kunstwerks?

Lioba Leibl: Die Idee war, die Zwangsarbeit in der NS-Zeit hervorzuheben, denn viele halten dieses Thema für abgeschlossen oder wollen damit nicht konfrontiert werden. Doch wir haben Zwangsarbeit auch heute noch überall, bei den Uiguren in China oder in Fabriken einiger Kleidungsfirmen. Und wir sind die Profiteure. In einem reichen Land wie Deutschland sollten alle, die es können, verantwortungsbewusst konsumieren und das Problem der Zwangsarbeit nicht ignorieren.

Wie genau sieht ihre Statue aus?

Die Statue ist eine Stele aus geknicktem Cortenstahl, auf der eine endlose Schlange von Zwangsarbeitern in ausgesägten Silhouetten abgebildet ist. Sie sind anonyme Leerstellen. Eine einzelne ausgesägte Figur steht vor der Stele, um den Arbeitern ein Gesicht zu geben und um zu verdeutlichen, dass das alles einzelne Menschen sind. Betrachtet man die Stele von hinten, wirkt es, als würde man mit den Arbeitern mitgehen. Damit möchte ich die Perspektive im wörtlichen und übertragenen Sinne umdrehen und so die Reflexionsebene des Betrachters erweitern.

Warum spielt die Kunst bei der Erinnerungskultur aus Ihrer Sicht eine wichtige Rolle?

Die Kunst kann auf einer emotionalen und non-verbalen Ebene ansprechen und vieles offen lassen, sie eröffnet einen Raum zur Freiheit im Denken und Fühlen. Sie erschafft Assoziationen, die freier sind als bei einem Text, denn Kunst ist bewusst nicht bis zum letzten Buchstaben ausdefiniert. Sie stellt sich dem Betrachter aus verschiedenen Perspektiven dar und kann so zum Mitwachsen anregen.

Hat Sie das Thema der deutschen Geschichte als Künstlerin schon lange beschäftigt?

Als Künstlerin bisher nicht, persönlich beschäftige ich mich schon lange damit. Mein erster Besuch der KZ-Gedenkstätte als Kind war ein Schlüsselerlebnis für mich. Ich habe dort eine Postkarte eines NS-Offiziers an seine Frau gelesen, auf der er sich fürsorglich nach seinen Kinder erkundigte. Nur in einem Nebensatz berichtet er davon, wie viele Menschen er hingerichtet hat. Plötzlich gab es für mich nicht mehr das kindliche Freund-Feindbild, sondern ich habe realisiert, dass jeder die Fähigkeit zum Bösen hat, dass unter einem dünnen kulturellen Firnis das Potential zu monströsen Verbrechen schlummern kann.

Was ist aus Ihrer Sicht wichtig für die Zukunft der deutschen Erinnerungskultur?

Wachsam zu bleiben. Man merkt, dass weltweit die rechtsradikalen Tendenzen zunehmen. Die Zivilgesellschaft muss das benennen und darauf reagieren. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das gilt auch für den Dialog miteinander und den politischen Diskurs. Diese unverhandelbare Grundlage gerät zunehmend aus dem Fokus und wird durch einen Freiheitsbegriff ersetzt, bei dem jeder nur seine Interessen verfolgt und die Freiheit anderer nicht mehr respektiert.

Was wünschen Sie sich stattdessen?

Erinnerungskultur muss auf die Vergangenheit verweisen und sich gleichzeitig in der Gegenwart für eine Gesellschaft einsetzen, bei der so etwas nie wieder passieren kann. In Diktaturen wird die freie Kunst oft als erstes zensiert oder verboten, wegen ihres Potentials, auf einer emotionalen Ebene zu wirken. Dieses unkontrollierbare Potential macht die Kunst für unsere Erinnerungskultur unabdingbar.

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