Hebertshausen Gedenkfeier für fast vergessene Naziopfer

Der Überfall auf die Sowjetunion spielt im öffentlichen Bewusstsein kaum eine Rolle. Dabei war Dachau Schauplatz dieses Vernichtungskriegs.

Von Anna-Sophia Lang, Hebertshausen

Victoria Iwanowa sieht jünger aus als 84. Die langen, schwarzen Haare fallen in Wellen auf ihre Schultern herab, sie trägt weiße Turnschuhe, aufrecht steht sie vor dem Mikrofon. Niemand hat damit gerechnet, dass sie hier sprechen wird, bei der Gedenkveranstaltung für die 4000 von der Lager-SS ermordeten Rotarmisten am ehemaligen "SS-Schießplatz Hebertshausen". Sie hatte niemanden eingeweiht. Neun Jahre alt war sie im September 1941, als die Juden in Kiew, 33 000 Menschen, in zwei Tagen von der SS erschossen wurden, mit Hilfe von Wehrmachtssoldaten. Das Massaker von Babi Jar am Stadtrand war die größte Massenerschießung des Zweiten Weltkriegs. Aber Victoria konnte entkommen. Auch die Mutter, die sich ein Jahr lang im Keller einer Nachbarin versteckte. Dann wurde sie verraten. Iwanowas Mutter starb in einem Außenlager des KZ Sachsenhausen.

Kaum einer kann den Erzählungen von Victoria Iwanowa an diesem sonnigen Nachmittag in Hebertshausen folgen. Sie spricht Russisch. Wie sehr sie die Erinnerung mitnimmt, versteht man aber auch ohne ihre Sprache zu sprechen. Auf den Tag genau 75 Jahre ist es her, dass die Wehrmacht in der Sowjetunion einfiel und einen beispiellosen Vernichtungskrieg begann, dem 27 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Einen Krieg, der eine traumatisierte Bevölkerung zurückließ und bis heute tief verwurzelt ist im Bewusstsein, in den Lebensgeschichten der Menschen in Russland, Weißrussland und der Ukraine. Die Aushungerung von 30 Millionen Menschen, die Ermordung von Juden, Sinti und Roma und der kommunistischen Führungsschicht war von Beginn an Hitlers erklärtes Ziel. "Es war von Anfang an ein verbrecherischer und rassenbiologischer Krieg", sagt Yuliya von Saal, "im Vordergrund standen die Eroberung von Lebensraum im Osten sowie die Ausbeutung der Rohstoffquellen der UdSSR und ihrer Bevölkerung als Arbeitskraft." Die Historikerin am Institut für Zeitgeschichte hat ihre ganz eigenen Erfahrungen mit der Erinnerung an diesen Krieg, sie wurde 1979 in Weißrussland geboren.

In der Nachkriegszeit wurde das Verbrechen lange verdrängt

Seit 25 Jahren erinnert der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit Dachau am 22. Juni in Hebertshausen an dieses Verbrechen. Er gedenkt der mehr als 4000 Kriegsgefangenen der sowjetischen Armee, die hier 1941 und 1942 von SS-Männern ermordet wurden. Sie waren auf den sogenannten Kommissarbefehl von 1941 hin unter den Kriegsgefangenen ausgesondert worden, weil sie Juden, Parteifunktionäre oder Intellektuelle waren. In den Konzentrationslagern sollten sie ermordet werden. So auch in Dachau. Einige Gefangene wurde im Bunkerhof des Konzentrationslagers getötet, der Großteil auf dem SS-Schießplatz, etwas zweieinhalb Kilometer vom Lager entfernt. Es hat viele Jahrzehnte gedauert, bis dieser Schauplatz des Vernichtungskrieges zu einem Gedenkort wurde. In der Nachkriegszeit und während des Kalten Krieges wurde verdrängt, was deutsche Soldaten in der Sowjetunion angerichtet hatten, in Dachau wollte man sich nicht mit dem Massaker am Schießplatz in Hebertshausen auseinandersetzen.

Es ist der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, der Lagergemeinschaft Dachau, der KZ-Gedenkstätte und nicht zuletzt dem Förderverein für Internationale Jugendbegegnung zu verdanken, dass der Ort erhalten wurde. Heute stehen 850 Namen in lateinischer und kyrillischer Schrift auf fünf Streifenfundamenten, die auf den Kugelfang zuführen, vor dem die Gefangenen bei ihrer Erschießung in Fünferreihen standen. Informationstafeln erläutern die historischen Hintergründe und die Biografien von einzelnen Ermordeten. 2014 wurde der Gedenkort eröffnet. Zur Einweihung kamen Abordnungen aus Russland, Weißrussland und der Ukraine. Zur Gedenkfeier ist in diesem Jahr kein Vertreter der Konsulate gekommen. Ihre Kränze hätten sie schon am Vormittag niedergelegt. Jetzt sind etwa 80 Teilnehmer gekommen. Aus der Dachauer Kommunalpolitik ist kaum jemand der Einladung des Fördervereins gefolgt. Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) lässt sich vom Zeitgeschichtsreferenten Günter Heinritz vertreten. Hebertshausens Altbürgermeister Johann Zigldrum ist gekommen, obwohl er doch selbst lange Jahre mit dem Ort Probleme hatte.

Eine zentrale deutsche Gedenkveranstaltung gibt es nicht

Landrat Stefan Löwl (CSU) hat keinen Vertreter geschickt, auch Stadt- und Kreisräte sind nicht da. Nur der CSU-Landtagsabgeordnete Bernhard Seidenath - seine beiden Kollegen von CSU und SPD sind nicht gekommen. Die Bedeutung dieses Gedenktags wird auch in der großen Politik nicht wirklich verstanden. Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, sagte dem epd: "Es war ein riesiger geplanter und beabsichtigter Massenmord, der in seiner Dimension im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit noch nicht verankert ist." Bundespräsident Joachim Gauck besuchte am 22. Juni Rumänien, einen ehemaligen Verbündeten Hitlerdeutschlands. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte für diesen Tag deutsch-polnische Regierungskonsultationen angesetzt. Im Bundestag war bis vor wenigen Wochen überhaupt nichts geplant, eine 60 Minuten Debatte gab es schließlich auf Drängen der Linksfraktion. Eine zentrale deutsche Gedenkveranstaltung gab es nicht. Historiker und Bildungseinrichtungen fordern eine Neubewertung des Vernichtungskriegs.

In Hebertshausen sagt der Historiker Dirk Riedel: "Grundsätzlich spielt der Vernichtungskrieg in der deutschen Erinnerungskultur eine viel zu geringe Rolle. Insofern hat Morsch recht. "Es ist zu wenigen Menschen bewusst, was da passiert ist." Ulrike Mascher, Vorsitzende des Fördervereins, sagt: "Wir versuchen unseren Teil zu tun, mit den Mitteln eines kleinen Vereins." Yuliya von Saal misst ritualisierten Gedenkakten nicht die große Bedeutung bei. Aber Reden wie die von Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 könnten einen gesellschaftlichen Diskurs befeuern, sagt sie. "In diesem Sinne würde ich mir mehr Engagement auf der Regierungsebene wünschen." Viel wichtiger sei aber das individuelle und kollektive Wissen über die Geschichte. Ihr fehlt: "mehr Bewusstsein über die Ausmaße, über die einzigartige Dimension des deutsch-sowjetischen Krieges und über seine Folgen für die betroffenen Gesellschaften und Gebiete."