bedeckt München 28°

Hebertshausen:Auf der Schokoladenseite

Bei den Bildern im Bezirksmuseum, die die Arbeit auf den Kakaobohnen-Plantagen zeigen, bekommt Max Göttler leuchtende Augen.

(Foto: Toni Heigl)

Von Dachau in die Welt: Max Göttler zieht es nach dem Abitur in Dachau zum Studium nach Oxford. Jetzt handelt er mit Kakaobohnen in Rotterdam und bereist die ganze Welt

Mit Schokolade essen Geld verdienen - das ist ein Traum, den Max Göttler lebt. Der 25-jährige Hebertshausener ist Kakaobohnenhändler und verkostet täglich Schokolade und Kakao, den Grundstoff der süßen Nascherei. "Immer am Vormittag, da sind die Geschmacksnerven noch sensibel", sagt Göttler. "Das mit den Glücksgefühlen stimmt wirklich." Das Verkosten des braunen Goldes ist sozusagen die Schokoladenseite seiner Tätigkeit, die er bei einem mittelständischen Handelsunternehmen in Rotterdam ausübt. Seine Kunden sind sowohl Konzerne wie Nestlé wie auch kleinere Schokofabriken. Seine Ware kommt von Kakaobohnenbauern im Regenwald von Westafrika und Südamerika.

Seitdem Göttler mit Kakaobohnen handelt, hat sich seine Vorliebe für Schokolade geändert. "Bei Sorten aus Massenproduktion wird durch Zusatzstoffe, künstliche Aromen und viel Zucker der ursprüngliche Kakaogeschmack weitgehend neutralisiert. Dabei ist es gerade der Kakao, der die persönliche Note einer Schokolade ausmacht", versichert er. Je nach Herkunftsregion sei dieser mal fruchtig, mal blumig, mal kaffeeartig, mal säuerlich. Göttler zeigt auf eine Tafel aus Ecuador, die es auch in Deutschland im Bioladen zu kaufen gibt. "Nicht kauen, sondern auf der Zunge zergehen lassen", rät er. Sie schmeckt sehr fruchtig, wie Kirsche, und ein klein wenig herb. Dunkel sieht sie aus. "Das kommt vom hohen Kakaoanteil", erklärt er. Tatsächlich: 66 Prozent Kakao steht drauf, das ist mehr als doppelt so viel, als bei der handelsüblichen Vollmilchschokolade, die wegen der Zugabe von Milch- oder Sahnepulver viel heller ist.

Nicht selten tragen die Schokoladensorten mit höherem Kakaoanteil auch das Fairtrade- oder Biosiegel. "Das ist zwar kein Qualitätsmerkmal", betont Göttler, "aber eine Nische, in der sich viele kleine Bauern-Kooperativen ihren Anteil vom großen Kuchen sichern." Sein Arbeitgeber fördert den nachhaltigen Anbau von Kakaobohnen mit finanziellen Anreizen und speziellem Training für die Bauern. Insgesamt werden etwa vier Millionen Tonnen Kakao jährlich geerntet, das sind so viel wie 40 Milliarden Tafeln Schokolade. Der Großteil kommt aus Westafrika. "In der Elfenbeinküste und in Ghana liest man die Rohstoffpreise für Kakao auf der ersten Seite der Zeitungen", erklärt Göttler. Die Bedeutung sei in etwa vergleichbar mit der Autoindustrie hierzulande.

Während eines Praktikums bei der Deutschen Außenhandelskammer in Ghanas Hauptstadt Accra ist Max Göttler auf den Kakao-Geschmack gekommen. Doch was bringt einen jungen Mann aus Hebertshausen überhaupt dazu, nach Ghana zu gehen? Ein Werdegang, der nach dem Einser-Abitur im Jahr 2010 am Dachauer Josef-Effner-Gymnasium an Fahrt gewinnt: Entscheidend war das Philosophie-, Politik- und Wirtschaftsstudium in Oxford. In den sechs Semestern bis zum Bachelor baut Göttler sich ein Netzwerk an internationalen Kontakten auf und trainiert seine Debattier-, Argumentations- und Rhetorik-Fähigkeiten. "Ich wollte zeigen, dass es kein Fehler war, mich aufzunehmen", sagt er. Respekt hatte er vor der Institution, den strengen Traditionen und den viele Kommilitonen aus der Oberschicht - aber keine Angst.

Schnell wird klar, dass viele reiche Erben es mit dem Lernen nicht so genau nehmen. Göttler ist ehrgeizig, bereitet sich stets gut auf die Examen und Tutorials vor und schließt den Bachelor mit "First" ab. Besser geht nicht. Nun steht er vor der Entscheidung, wie es beruflich weitergehen soll. "Jeder, der einen ordentlichen Bachelor gemacht hat, findet auch einen Job", berichtet Göttler. Nur die Schwächeren machen mit dem Master weiter. Gerudert hat er nicht, aber Fußball gespielt. Das gehört dazu, genauso wie das gemeinsame Betrinken als Team. "Das schafft Vertrauen und schweißt zusammen", versichert Göttler. Statt anschließend in London durch die Knochenmühle der Finanzwelt zu gehen - viele seiner ehemaligen Mit-Studenten kämen laut Göttler kaum vor 22 Uhr aus dem Büro - entschied er sich, die Welt zu sehen: Praktikum in Ghana, Trainee-Programm in einem Kakao-Unternehmen nahe Lausanne, seit April 2015 handelt er mit Kakaobohnen in Rotterdam. "Um 18 Uhr schließt die Börse, dann gehe ich nach Hause", freut er sich. Er trägt die Verantwortung für den Bereich Ghana und Südamerika.

Göttler spricht mittlerweile neben Deutsch und Englisch auch etwas Französisch, Holländisch und Spanisch, verbrachte für seinen jetzigen Chef mehrere Monate in Venezuela, Kolumbien, Peru und der Elfenbeinküste. Um zu lernen und um Projekte vor Ort zu betreuen. Dabei findet er immer noch Zeit, regelmäßig in die Heimat zu fliegen und Familie und Freunde in Dachau zu besuchen. Ganz besonders freut er sich über die gerade eröffnete Kakao-Ausstellung im Bezirksmuseum. Bei den Bildern, die die Arbeit auf den Kakaobohnen-Plantagen zeigen, und den historischen Reklameschildern von Sarotti oder Stollwerck bekommt er leuchtende Augen. Das ist jetzt auch seine Welt.