Süddeutsche Zeitung

Natur:Vermitteln zwischen Mensch und Natur

Bei einer Jubiläumsführung macht Katharina Platzdasch, was sie seit 2022 macht und die Gebietsbetreuerinnen des Ampertals vor ihr bereits seit 20 Jahren: Flora und Fauna erklären und Interessierten die hiesigen Naturschätze näherbringen.

Von Martin Wollenhaupt, Hebertshausen

Ein klarer Septembertag, die Mittagssonne steht hoch. Katharina Platzdasch stapft durch das dicht bewachsene Ampertal. Hinter ihr im Entenmarsch die Teilnehmer ihrer Führung, Wanderschuhe an den Füßen, Ferngläser um den Hals. An einem Schattenplätzchen halten sie an. Hier lässt sich's ganz gut aushalten.

"Das hier", sagt die studierte Biologin und rupft einen meterhohen Strauch aus dem Boden, "ist Springkraut." Die Pflanze verdränge die heimischen Arten. Die Kapseln flögen bis zu zwölf Meter weit. Am besten, man rupfe sie aus und lasse sie auf dem Boden vertrocknen. "Das ist eigentlich relativ einfach." Wenn Platzdasch Schulklassen durch die Natur führt, zeigt sie ihnen das. "Die finden das genial. Das macht Spaß, da darf man rumreißen. Und ich bin mir ziemlich sicher: Die merken sich das ein Leben lang."

Platzdasch kennt sich aus, schließlich ist das ihr Arbeitsplatz. Als Gebietsbetreuerin des Ampertals ist sie die zentrale Anlaufstelle, wenn es darum geht, "zwischen Mensch und Natur zu vermitteln", erklärt die 29-jährige. Das bedeute, zu schauen: Wo sind seltene Pflanzen- und Tierarten? Wo kommen sich Radfahrer und Spaziergänger in die Quere? Wo Mensch und Tier? Thema Biber, zum Beispiel. Und, es bedeutet: Öffentlichkeitsarbeit. Flora und Fauna erklären. Führungen anbieten. Den Menschen die Naturschätze näherbringen.

Für Heide- und Falkenlibellen ist das Ampertal ein Paradies

Zwanzig Jahre gibt es die Stelle der Gebietsbetreuung Ampertal jetzt. Die Landschaftspflegeverbände Dachau und Fürstenfeldbruck haben sie ins Leben gerufen. Zum Jubiläum bieten sie dieses Jahr einige Führungen an.

An einem Stillgewässer entlang, über Kleeblättern und Brennnesseln, durchstreift die Gruppe die Landschaft. "Eine Libelle!" ruft Platzdasch immer wieder. Und um nichts zu verpassen, folgen die Blicke sofort ihrem Zeigefinger. Heide-, Königs- und Falkenlibelle: Für sie ist das Ampertal ein Paradies.

"Die Männchen fliegen Patrouille auf der Suche nach einem Weibchen", erklärt Platzdasch. Das Männchen sei immer das farbenfrohere, um zu signalisieren: "Hallo, hier bin ich: ein toller Kerl." Hat es ein Weibchen gefunden, begatte es sie und bewache sie "mit Argusaugen, dass ja kein anderes Männchen daherkommt."

Als hinter hohen Bäumen die Amper zu sehen ist, hält Platzdasch an. Früher, sagt sie, habe der Fluss gemächlich "mäandriert", sich durch die Landschaft geschlängelt. Dann, Anfang des 20. Jahrhunderts habe es "die große Amperkorrektur" gegeben: Der Fluss wurde begradigt. Holz konnte jetzt über den Fluss transportiert werden und Dampfer fahren. "Das veränderte alles", sagt Platzdasch. "Die Amper ist unfassbar schnell geflossen." Platzdaschs Großmutter habe noch erzählt, wie ihre Freunde mit dem Dampfer zur Schule gefahren seien.

Heute versuche man, den Fluss wieder zu renaturieren. Auch, weil es an ruhigeren Amperstellen mehr Vogelarten gibt. Ein einfaches Unterfangen ist die Renaturierung aber nicht: In der Zwischenzeit ist viel Natur bebaut worden.

Ein Stück weiter, die Stimme der Biologin duelliert sich mit dem Rauschen des Wassers. Hinter ihr, unter quirlenden Wasserwirbeln, sind große Steine aufgeschichtet. "Zur Drosselung des Fließgeschwindigkeit", ruft Platzdasch gegen das Rauschen an. Bedeute aber auch: Die Fische könnten weder flussauf- noch abwärts schwimmen. Was man heute nicht sehe - das Wasser ist zu hoch -, ist, dass aus diesem Grund eine Fischtreppe gebaut worden sei. An anderen Tagen könne man den Fischen "super beim Jagen zuschauen. Wirklich ein tolles Spektakel."

Besonders ist dieser Ort noch aus einem anderen Grund. Ganze drei Stelzenarten kann man an der Fischtreppe beobachten. Bachstelze, Gebirgsstelze und Schafstelze. "Hat jemand eine Ahnung, warum die Bachstelze wippt?", ruft sie. Niemand meldet sich. "Früher hat man gedacht es sei die Balance, die sie hält. Stattdessen sendet sie Signale." Wenn die Bachstelze hüpft, könne man sich "ziemlich sicher" sein, dass irgendwo in der Nähe noch ein weiteres Tier ist. "Das checkt die Signale. Wir nicht - noch nicht."

Wasserfledermäuse kann man in der Dämmerung gut beobachten

Dagegen die Gebirgsstelze - sie sei grau und habe hinten zitronengelbe Federn. Wie ein Glöckchen zirpe sie, ganz hoch. Ihr Nest baue sie unter Wurzeltellern und zwischen Steinen. Platzdasch hält sich das Fernrohr vor die Augen. Dort drüben, am anderen Ufer, habe sie zwei Jahre hintereinander ein Nest entdeckt. "Zuckersüß", findet sie. "Die lässt sich null stören. Das ist wirklich goldig anzuschauen."

Maisen fliegen umher, ein Eisvogel zwitschert. Plötzlich gafft mitten im Pfad ein Loch. Wer da wohl am Werk war? "Dass der Biber eine U-Bahn baut, ist mir neu", kommentiert jemand beim Darübersteigen.

Noch sind es ein paar hundert Meter bis zum Biberdamm. Also erzählt Platzdasch noch etwas über ihr Spezialgebiet, das Thema ihrer Masterarbeit, die Fledermaus. In ihrer Studienzeit habe man oft Jugendliche mit "Picknickdecke und Bierchen" in Günding antreffen können, an der Kirche, eine Stunde vor Sonnenuntergang. "Da konnte man sich schon ziemlich sicher sein: Das sind wieder die Biologiestudenten, die Fledermäuse zählen."

Um eine Fledermaus zu finden, muss man aber nicht bis nach Günding fahren. Hier, an der Amper, lässt sich die Wasserfledermaus blicken. Von der Abend- bis zur Morgendämmerung könne man sie, "die durchaus auch mal Fische mampft", beobachten. Über die rechts und links dicht bewachsene Amper fliege sie im Zickzack. Für die Fledermaus, die sich durch Schall orientiert, "wie eine Autobahn." Nachts schliefen die Tiere in abgespaltenem Totholz. "Da ist es kuschelig und warm."

Neben einem Froschquartier beugt sich Weißdorn über eine kleine Fußgängerbrücke, dick behangen mit roten Beeren. "Es ist ein wahnsinnig gutes Weißdorn-Jahr", sagt Platzdasch, als sie gefragt wird, was das für eine Pflanze sei. Nicht so gut laufe es dagegen für seine Nachbarin, die Esche. Obwohl sie noch einige Blätter trägt, ist sie bereits abgestorben, die Wurzeln abgefault. "Man muss immer nach oben sehen", erklärt die Gebietsbetreuerin. "Wie schaut die Krone aus?" Wo sonst Abholzen das letzte Mittel ist, beseitige man Eschen lieber schon, wenn die Krone kahl sei. Zu gefährlich sonst für Spaziergänger - selbst diejenigen Eschen, die noch gut aussehen, fielen oft um.

Zwei Gebietsbetreuer kümmern sich allein um den Biber

Kurz vor Ende der Tour öffnet sich durch die Sträucher ein Blick auf den Biberdamm. "Was man vom Bau sieht, ist gerade mal ein Drittel", erklärt Platzdasch. Faszinierend, findet die Gruppe, irgendwie niedlich, aber auch nicht ganz einfach. Allein zwei Gebietsbetreuer gibt es im Ampertal, nur dafür zuständig, sich um den Biber zu kümmern - und um diejenigen, die sich von ihm gestört fühlen.

Auf dem Weg zurück nach Ampermoching hat sich ein dicker Baum hüfthoch in den Weg gelegt. Ein heftiger Sturm muss ihn umgerissen haben. Klettern ist angesagt. "Vielleicht sollten Sie die Tour ein bisschen aufmotzen, das ist ja ein richtiges Adventure-Erlebnis", freut sich ein Teilnehmer.

Neben reiner Idylle - Schafen, Bibern und Bienen, Fledermäusen, Libellen und Stelzen, Fischen, Fröschen und Vögeln - kann das Ampertaler Biotop eben auch das sein: unberechenbar und abenteuerlich, wie ein Karl-May-Roman. In jeden Fall aber, ist es, zumindest wenn man Platzdasch fragt, eines: schützenswert.

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