Digitale Zivilcourage„Auf keinen Fall schweigen“

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Digitaler Extremismus nimmt zu: Allein vergangenes Jahr wurden 3115 Verfahren wegen Hatespeech in Bayern eingeleitet.
Digitaler Extremismus nimmt zu: Allein vergangenes Jahr wurden 3115 Verfahren wegen Hatespeech in Bayern eingeleitet. LUKAS BARTH/AFP

Rassistische, antisemitische und demokratiefeindliche Kommentare fluten die sozialen Medien. Meldestellen kommen mit der Bearbeitung der Fälle kaum nach. Medienpädagoge Sebastian Zollner erklärt, wie digitale Zivilcourage gelingen kann.

Von Mathilda Witt, Dachau

SZ bei Google bevorzugen

Fast jede zweite Person in Deutschland wurde schon einmal online beleidigt, 89 Prozent finden, dass Hass im Netz in den vergangenen Jahren zugenommen hat: Das zeigen Ergebnisse einer bundesweiten Befragung, die Anfang des Jahres von „Hate Aid“, einer gemeinnützigen Organisation gegen digitale Gewalt, veröffentlicht wurde.

Um diese Ergebnisse bestätigen zu können, braucht es eigentlich keine Studie – es reicht schon ein Blick in die lokalen Nachrichten der vergangenen Wochen. Erst Ende Oktober drehte ein Videoblogger einen Beitrag auf dem Gelände des KZ Dachau, wegen Verdachts auf Volksverhetzung wurden Ermittlungen gegen ihn eingeleitet. Dann wurde ein Dachauer Anfang November vor Gericht verurteilt, weil er auf der Plattform X rassistische und antisemitische Kommentare geteilt hatte. Er erhielt eine Bewährungsstrafe wegen Volksverhetzung.

Digitaler Extremismus nimmt zu

Es sind extreme Beispiele von Hass im Netz – das Problem selbst beginnt meist schon im kleinen Rahmen. Beleidigungen in Kommentarspalten, Cybermobbing im Klassenchat: All das gehört bereits zu Hatespeech. „Es ist ein Phänomen, das zwischen Hass, Diskriminierung und Beleidigung angesiedelt ist und das Ziel hat, andere herabzuwürdigen“, sagt Sprachwissenschaftler und Medienpädagoge Sebastian Zollner. Vor Kurzem hielt er im Max-Mannheimer-Studienzentrum einen Vortrag für pädagogische Fachkräfte, die in ihrer Arbeit mit Jugendlichen immer wieder mit der Thematik konfrontiert werden. Digitaler Extremismus nehme weiter zu, meint er.

Seit 2019 bietet die Initiative „Konsequent gegen Hass“ in Bayern die Möglichkeit, Hasspostings offiziell anzuzeigen. „Die Anzahl der Meldungen ist stark gestiegen“, sagt auch David Beck, der als Hatespeech-Beauftragter für ganz Bayern zuständig ist. Allein im vergangenen Jahr seien in Bayern 3115 Verfahren wegen Hatespeech im Internet eingeleitet worden. In insgesamt 728 Verfahren sei öffentlich Klage erhoben worden – im Vorjahr waren es noch 488.

Es ist ein Problem, das nicht nur Nachrichten und Lehrkräfte beschäftigt, sondern immer häufiger auch bundesweit für Aufsehen sorgt. Erst vergangene Woche wurden in ganz Deutschland über 50 Wohnungen im Rahmen eines „Aktionstages gegen Hasspostings“ durchsucht und zahlreiche Beschuldigte vernommen, wie das Bundeskriminalamt mitteilte. Allein in München waren 60 Spezialkräfte der Polizei im Einsatz.

„Hass im Netz gibt es schon, seit das Netz selbst existiert.“

Ein hochaktuelles Thema also – neu ist es allerdings nicht. „Hass im Netz gibt es schon, seit das Netz selbst existiert“, sagt Zollner. Mit dem Aufstieg der PCs in den Achtzigerjahren startete das sogenannte „Flaming“, in den Neunzigern folgten Hate Sites, Trolling und Cybermobbing. Seitdem sei das Spektrum von digitaler Gewalt kontinuierlich gewachsen, meint Zollner. Gestaltung und Ausmaß von Gewalt hätten im Laufe der Jahre neue Formen angenommen. „Spätestens mit der Einführung der Plattform Facebook vor 20 Jahren, ist die Angriffsfläche für Hasskommentare im Netz unermesslich geworden.“

Referent Sebastian Zollner leitet die Fortbildung zu Hass im Netz im Max-Mannheimer-Studienzentrum.
Referent Sebastian Zollner leitet die Fortbildung zu Hass im Netz im Max-Mannheimer-Studienzentrum. Niels P. Jørgensen

Heute bieten die sozialen Medien einen öffentlichen Schauplatz für Hass. Aus der Umfrage im Februar ging hervor, dass Hass besonders auf den Plattformen X (ehemals Twitter) und Tiktok wahrgenommen wird. Besonders häufig betroffen sind laut „Hate Aid“ junge Frauen, aber auch Personen mit Migrationshintergrund und Menschen mit homo- oder bisexueller Orientierung. Jene Personengruppen also, die auch im Alltag überdurchschnittlich häufig mit Gewalt und Diskriminierung konfrontiert werden.

Von Antisemitismus im Netz bis zu Beleidigungen im Klassenzimmer

Zollner präsentiert bei seinem Vortrag einige Hasspostings, die in Form von „Memes“ – lustige Fotos und Bilder – im Internet kursieren: „So könnte euer Feed auf Instagram aussehen.“ Die Abbildungen sind offen rassistisch oder sexistisch, andere verharmlosen rechtsextreme oder antisemitische Slogans. Auch ursprünglich „unproblematische“ Symbole oder Lieder würden im Internet missbraucht und völlig zweckentfremdet werden, sagte er. Ein markantes Beispiel stammt von Anfang dieses Jahres, als ein Videoclip von Sylt bundesweit für Aufsehen sorgte: Junge Partygäste mit Champagnergläsern grölten lautstark den Pop-Hit „L’Amour toujours“ – allerdings mit abgeändertem Text: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ Der Clip wurde gesehen, geliked und geteilt – und das ursprüngliche Liebeslied ist mit einem Mal zum Symbol des Hasses geworden.

Historische und aktuelle Entwicklungen von Hatespeech im Internet müsse man immer in einen politischen Kontext setzen, erklärt Zollner. Insbesondere das Auftreten rechter und identitärer Bewegungen in Deutschland in den vergangenen Jahren könne mit einer Zunahme von Hass im Netz in Verbindung gebracht werden. „Man muss nur an die Pandemie denken, als die Querdenker-Bewegung und Verschwörungstheorien das Internet fluteten.“ Auch weltpolitische Ereignisse wie der Nahostkonflikt beeinflussen nachweisbar die Kommunikation im Netz. „Nach dem 7. Oktober 2023 konnte ein klarer Anstieg antisemitischer Hasspostings verzeichnet werden“, sagt Beck. In den vergangenen drei Jahren habe sich die Anzahl antisemitischer Postings bundesweit beinahe verdreifacht.

Welche Auswirkungen digitale Gewalt auf analoge Diskurse haben kann, bereitet vielen Leuten in Deutschland Sorgen. Für Lehrkräfte wird diese Angst nun schon zur Realität, wie sich vergangene Woche herausstellte: „Nazi und Jude wird plötzlich als Beschimpfung im Klassenraum benutzt“, erzählt eine Lehrerin im Laufe des Vortrags.

Digitale Zivilcourage: Ein Hasskompass gibt die Richtung vor

224 Minuten täglich verbringen Jugendliche in Deutschland im Alter von zwölf bis 19 Jahren laut einer Statista-Umfrage aus 2023 durchschnittlich im Internet. Das sind beinahe vier Stunden, in denen junge Menschen mit allerlei Hass konfrontiert werden können. Wie kann man Jugendliche in so einem Fall unterstützen? Und vor allem: Wie wirkt man selbst dem Hass im Netz entgegen?

Digitale Zivilcourage zu beweisen ist leichter gesagt als getan. Das bestätigt auch Zollner: „Es ist digital viel schwerer, die Grenzen und Auswirkungen eines Kommentars zu erkennen.“ Der Medienpädagoge hat dafür einen Online-Hasskompass entwickelt: Ein digitaler Fragebogen, mit dem problematische Äußerungen analysiert werden können. Je nach Angaben stuft das Programm den Kommentar in einer Gesamtauswertung nach seinem „Gefahrenlevel“ ein.

Im Rahmen des Vortrags führte Zollner die Teilnehmenden durch den Fragebogen. Als Ausgangspunkt nutzte er einen imaginären Hasskommentar: „Alle Statistiken lügen – die Ausländer überlaufen unsere Grenzen. Wehrt euch JETZT!“ Dem Inhalt des Kommentars können mithilfe des Hasskompasses nun Kategorien zugeordnet werden. In diesem Fall: Wut, Verschwörungstheorie, Gewaltaufruf. Diese lassen sich auf Skalen von „neutraler“ bis „extremer“ Anwendung einzeln bewerten. Am Ende liefert das Programm eine Gesamtauswertung: Die Äußerung ist „kritisch und straftatrelevant“ – ein eindeutiger Fall von Hatespeech also. Laut Zollner sei diese Einstufung eine hilfreiche Grundlage, um an weiteren Schritten arbeiten zu können.

Wer schweigt, gibt dem Hass eine lautere Stimme

Staatsanwalt Beck betont die Bedeutung von Meldestellen im Kampf gegen Hatespeech: „Wer im Zusammenhang mit Hatespeech für Straftaten wie Hasskriminalität oder Volksverhetzung schuldig befunden wird, muss mindestens mit einer Geldstrafe rechnen, bei Wiederholungstätern kann es auch zu Freiheitsstrafen kommen.“

Wird ein Kommentar gemeldet und die verantwortliche Person bestenfalls zur Rechenschaft gezogen, verschwindet der Hass zwar fürs Erste von der Bildfläche – sein Ursprung selbst bleibt aber oft unbehandelt. Um dem Hass proaktiv begegnen zu können, benötigt es allerdings eine ordentliche Portion Mut. Auch hier könne man sich die KI zunutze machen, sagte Zollner. Dafür hat er einen „Counterspeech Bot“ entwickelt: ein virtueller Chatpartner, der dafür programmiert ist, Hatespeech zu bekämpfen. Die künstliche Intelligenz bietet je nach Situation und Kontext passende Antwortmöglichkeiten und Gegenredestrategien. Es sei ein erster Schritt: „Welche Strategie am besten passt, muss jede Person natürlich selbst entscheiden“, sagt der Medienexperte.

Möglich sei etwa ein Faktencheck, um falsche Informationen aufzudecken und richtigzustellen. Auch der humorvolle oder sarkastische Umgang mit negativen Kommentaren sei oft eine entlastende und effektive Strategie.

Unterstützung gegen Hatespeech, wie Zollners Hasskompass und den Counterspeech Bot, gibt es immer mehr. Und auch öffentliches Bewusstsein sowie gezielte Aktionen nehmen zu – dennoch gibt es nach wie vor großen Handlungsbedarf. Zollner appelliert im Max-Mannheimer-Studienzentrum hauptsächlich für präventive Bildungsmaßnahmen: „Es muss bereits im Unterricht auf Diskriminierung sensibilisiert werden, um die Entstehung von Hasskommentaren vermeiden zu können.“ In jedem Fall müsse man Betroffene, vor allem Jugendliche, durch Beratung und Gespräche unterstützen: „Wer digitale Zivilcourage zeigen will, darf auf keinen Fall schweigen.“

Meldestellen für Hass im Netz in Bayern: Respect – Gegen Hetze im Netz; Meldestelle für Antisemitische Hasspostings: Report Antisemitism; Meldestelle für Betroffene von queerfeindlicher Hatespeech: www.strong-community.de; Unterstützung bei Faktenchecks: Faktencheck der Deutschen Presseagentur.

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