Gleich zu Anfang ihrer Rede in Sulzemoos gesteht Andrea Niedzela-Schmutte, dass sie erst im Frühjahr von Hans-Georg Früchte gehört habe, obwohl sie doch die Abteilung Erinnerungskultur im bayerischen Kultusministerium leite. Das erging aber nicht nur ihr so. Niemand in seiner 3000 Einwohner großen Heimatgemeinde wusste von der Heldentat des beliebten Arztes. Früchte hat bis zu seinem Tod im Jahr 2011, da war er 95, geschwiegen. Jetzt hat Yad Vashem, die israelische Holocaust-Gedenkstätte bei Jerusalem, Hans-Georg Früchte posthum als „Gerechten unter den Völkern“ anerkannt – und der Sulzemooser Bürgermeister Johannes Kneidl (CSU) hat einen Festakt ausrichten lassen, zu dem etwa 80 Besucher gekommen sind.
Auch seinen drei Kindern hat Früchte nie vom berüchtigten Dulag 160, einem Durchgangslager für sowjetische Kriegsgefangene bei Chorol in der besetzten Ukraine, erzählt – und davon, wie er als Arzt der Wehrmacht 1941 und 1942 russische und ukrainische Rotarmisten, darunter viele Juden, gerettet hat. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 gerieten bis 1945 mehr als fünf Millionen Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft. 3,3 Millionen kamen dabei um, weil die Wehrmacht sie verhungern oder – wie an der ehemaligen SS-Schießstätte Hebertshausen – von der Lager-SS erschießen ließ. Mehr als 4000 Opfer wurden bei Hebertshausen brutal umgebracht. Ungefähr 80 000 jüdische Rotarmisten wurden in Kriegsgefangenschaft ermordet.

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Henryk Schechter, ein polnischer Jude, bezeugte nach Kriegsende vor den Alliierten: „Mir selbst verschaffte Dr. Früchte falsche Papiere und die Gelegenheit zur Flucht. Damit ich nicht durch meine Beschneidung als Jude erkannt werde, hat mir Dr. Früchte in einer Operation die Narbe so geändert, dass ich sie als Operationsnarbe wegen einer Vorhautverengung ausgeben konnte. Nur dadurch rettete ich später mein Leben.“
Bei der Gedenkfeier vor dem Rathaus von Sulzemoos treten neun Schülerinnen und Schüler der Realschule auf und zitieren weitere Zeugen, die nach Kriegsende für Früchte gesprochen hatten.
Früchte riskierte sein eigenes Leben. Er nahm die Operation, die Schechter das Leben rettete, an mehreren jüdischen Rotarmisten vor – und wenn das nicht ging, machte er der Lagerkommandantur weiß, dass sie keine Juden seien, sondern Muslime, die auch beschnitten würden. Er stellte weiteren Kriegsgefangenen falsche Papiere aus, steckte den Verhungernden Brot zu – und protestierte wiederholt gegen die brutale Behandlung der Kriegsgefangenen. Die Lagerkommandantur versetzte Früchte schließlich an die Front.

Strafversetzungen waren für ihn nichts Neues, deshalb war er auch in das Dulag 160 gekommen. Er hat immer, sagt seine Tochter Tatjana Früchte, seine Meinung gesagt, auch wenn er dadurch berufliche Nachteile in Kauf nehmen musste. So wurde ihm zunächst das Studium der Medizin verwehrt. Deshalb trat er, der begeisterte Leichtathlet und Langstreckenläufer, der Sport-SS bei, weil ihm das den Weg zum Studium eröffnete. Einmal, erzählt Tatjana in Sulzemoos, habe sie ihn gefragt, ob er im Krieg einen Menschen getötet hatte. Er sei empört gewesen. „Nein, natürlich nicht. Ich bin Arzt, ich helfe Menschen, ich nehme kein Leben.“
Seine Tochter hat nach Früchtes Tod Tagebücher, Briefe und Dokumente gefunden – und alles nach Yad Vashem geschickt. Das war 2021. Zwei Jahre später, nach sorgfältiger Prüfung, kam die Antwort. Die Gedenkstätte hatte entschieden, ihrem Vater den Ehrentitel eines Gerechten unter den Völkern zu verleihen. Er sei, sagt die Tochter in Sulzemoos, ein Mensch geblieben.
Früchtes Geschichte sei mehr als Erinnerung. Das hat Ron Prosor, Botschafter Israels in Deutschland, bei der Übergabe der Urkunde und der Medaille in Berlin-Mitte Oktober betont. Sie sei ein Spiegel für unsere Zeit, „in der Jüdinnen und Juden in Deutschland wieder Angst haben, in der Hass und Hetze auf den Straßen und im Netz zunehmen“. Gleichgültigkeit dürfe nie eine Option sein.

Deutschland hatte 1933 etwa 66 Millionen Einwohner. Bisher hat Yad Vashem 28 486 Menschen aus 51 Ländern als Gerechte anerkannt, darunter sind 659 Deutsche, teilt die Gemeinde Sulzemoos in einem Faltblatt zu Hans-Georg Früchte mit. Bürgermeister Johannes Kneidl (CSU) sieht im Wirken Früchtes, den er selbst noch als Junge kennengelernt hat, einen Auftrag. Er versteht das Gedenken an Früchte, wie er sagt, als eine Mahnung für die Gegenwart und die Zukunft. Nicht nur für die Gemeinde Sulzemoos, für das ganze Land gehe es um die Verantwortung für Erinnerung, für Wahrheit und für das Bewahren moralischer Werte – die Lehren aus der Vergangenheit müssten in die Zukunft wirken, in unsere Schulen, in unsere Familien, in unser tägliches Miteinander.

Es ist eine besondere Veranstaltung in Sulzemoos – andere Kommunen haben, sofern sie überhaupt einen „Gerechten unter den Völkern“ haben, diesen Menschen nicht besondere Aufmerksamkeit geschenkt, wurde ihm erzählt. Kneidl ist begeistert von den Schülern. Mit Tatjana Früchte hat er mit den zwei Abschluss-Klassen der Realschule zwei Doppelstunden lang über Früchte gesprochen. Sie sind interessiert, aufgeschlossen und kreativ gewesen – ganz so, als freuten sie sich, von jemandem wie Hans-Georg Früchte zu hören, der ein Vorbild sein könnte.
Deshalb entschied Kneidl, dass die Schüler das Denkmal für Hans-Georg Früchte vor dem Rathaus auf dem Festakt enthüllen dürfen. Die über drei Meter große Skulptur aus Edelstahl des Dachauer Künstlers Georg Mayerhanser ist ein Denkmal für Hans-Georg Früchte. Aber es ist mehr. Mayerhanser nennt es einen „Spiegeldialog“. Das Kunstwerk konfrontiert den Betrachter, der sich darin spiegelt, mit der Frage: Wer bin ich?

