Ausstellung in DachauGünter Grass, der ewige Zeichner

Lesezeit: 2 Min.

„Ich bin dabeigewesen“: Günter Grass mit seinem berühmten Butt auf einem Blatt von 2005.
„Ich bin dabeigewesen“: Günter Grass mit seinem berühmten Butt auf einem Blatt von 2005.
Niels P. Jørgensen

Als Autor der „Blechtrommel“ wurde Günter Grass weltberühmt. In der Dachauer Galerie KA7 kann man ihn auch als bildenden Künstler kennenlernen.

Von Gregor Schiegl, Dachau

SZ bei Google bevorzugen

Bei der Ausstellung eines Literaturnobelpreisträgers erwartet man Notizen, Tagebucheinträge, Manuskripte, kurzum: viel Geschriebenes. Auch Bücherfreunde staunen gerade, was sie in der kleinen Dachauer Galerie KA7 von Günter Grass (1927 bis 2015), einem der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts in Deutschland, zu sehen bekommen: Aquarelle, Druckgrafiken und meisterhafte Skulpturen. Günter Grass war nicht nur Schriftsteller. Er war, wie er sich selbst nannte, eine Doppelbegabung.

Bildende Kunst war für ihn kein Nebenprojekt oder Hobby zur Zerstreuung, sondern Quelle und Spiegelbild seines literarischen Schaffens. Das zeigt sich schon beim Blick in seine Bücher: In vielen Ausgaben finden sich seine Grafiken –  davon kann man viele nun auch in der Galerie KA7 sehen. „Die Blechtrommel“ mit einem Aufmarsch fünf kleiner Oskar Matzeraths. Auch der „Butt“ taucht auf – mit dem schnauzbärtigen Gesicht von Günter Grass.

Dabei war sein eigentlicher Berufswunsch die Kunst. Von 1948 bis 1956 studierte Grass Bildhauerei und Grafik in Düsseldorf und Berlin, war Meisterschüler des Bildhauers Karl Hartung an der Hochschule für Bildende Künste Berlin. Erst mit dem Erscheinen der „Blechtrommel“ 1959 gelang ihm der internationale Durchbruch als Schriftsteller – seitdem überstrahlte der Literat den bildenden Künstler Günter Grass.

„Sein künstlerisches Werk wurde – auch zu seinem eigenen Bedauern – kaum wahrgenommen“, sagt Hilke Ohsoling, Geschäftsführerin der Günter-und-Ute-Grass-Stiftung aus Lübeck, mit der zusammen Galerist Josef Lochner die Ausstellung konzipiert hat. Sie erklärt sich das damit, dass Grass stets gegenständlich arbeitete – in einer Kunstwelt, die das lange nicht sonderlich schätzte.

„Fünfmal Oskar II“: Die Lithografie von 2007 zeigt den Protagonisten der berühmten „Blechtrommel“ in mehrfacher Ausführung.
„Fünfmal Oskar II“: Die Lithografie von 2007 zeigt den Protagonisten der berühmten „Blechtrommel“ in mehrfacher Ausführung.
Niels P. Jørgensen
Szenen aus der Mappe zu „Die Box. Dunkelkammergeschichten“ mit zehn Lithografien von 2008.
Szenen aus der Mappe zu „Die Box. Dunkelkammergeschichten“ mit zehn Lithografien von 2008.
Niels P. Jørgensen
Grass' Liebe zum Tanz drückt sich auch in seinen Skulpturen aus: die Bronze „Tango“.
Grass' Liebe zum Tanz drückt sich auch in seinen Skulpturen aus: die Bronze „Tango“.
Niels P. Jørgensen

Ohsoling kennt Grass aus nächster Nähe: Sie arbeitete jahrzehntelang als seine Sekretärin mit einem, wie sie es selbst formuliert, „ziemlich breiten Aufgabenfeld“: „Ich war für alles zuständig, was Herr Grass nicht machen wollte.“ Ihn beschreibt sie als geselligen, arbeitsamen und künstlerisch produktiven Menschen – mit einem außerordentlichen Talent für Hühner. „Die konnte er aus dem Handgelenk zeichnen.“

Grass nutzte den Wechsel zwischen Stift und Schreibmaschine bewusst, um Ideen plastisch weiterzuentwickeln, Bilder in Sprache zu übersetzen – oder umgekehrt. Eine biografische Tafel in der Ausstellung trägt ein Zitat von ihm, das es auf den Punkt bringt: „Ich zeichne immer, auch wenn ich nicht zeichne, sondern gerade schreibe oder konzentriert nichts tue.“ Hilke Ohsoling glaubt, „dass er beim Erzählen ganz viele Bilder vor Augen hatte.“ So kann man durch die Ausstellung nicht nur den Zeichner Günter Grass neu entdecken, sondern auch seine Literatur.

Günter Grass. Ausstellung in der Galerie KA7, Konrad-Adenauer-Straße 7. Öffnungszeiten: Donnerstag 16 bis 19 Uhr, Samstag 12 bis 15 Uhr, Sonn- und Feiertage 14 bis 17 Uhr. Zu sehen bis 27. September. Der Eintritt ist frei.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Nachruf
:Der Maler, der Dachau den Spiegel vorhielt

Heribert Spitzauer hat mit seiner Kunst die NS-Vergangenheit Dachaus sichtbar gemacht – unbequem, eindringlich, streitbar. Nun ist der Maler gestorben.

Von Thomas Radlmaier

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: