Süddeutsche Zeitung

Großer Festakt:"Die erste Säule der Gesellschaft"

38 junge Handwerker werden nach alter Tradition von ihren Lehrlingspflichten freigesprochen. Weil sich immer weniger für eine Ausbildung in einer Innung entscheiden, werden auf der Feier neben Glückwünschen auch viele Sorgen ausgesprochen

Der Maurer schafft ein neues Zuhause, der Bäcker liefert das tägliche Brot. Der Maler bringt Farbe in unser Leben und ohne den Schreiner würden wir auf dem Boden schlafen und nur über eine Strickleiter in das nächste Stockwerk gelangen. Bei der Freisprechung der frisch gebackenen und fertig gezimmerten Junggesellen und Junggesellinnen erinnerte Kreishandwerksmeister Ulrich Dachs daran, dass unsere Welt ohne das Handwerk nicht funktionieren würde.

Die Kreishandwerkerschaft Dachau sprach am Dienstagabend im ASV Theatersaal 38 fertig gelernte Gesellen von ihren Lehrlingspflichten frei. Am stärksten sind in diesem Jahr die Bäcker vertreten, elf junge Gesellen backen die Brötchen von morgen. Dicht gefolgt von den neun Schreinern, die sich für ihre Gesellenprüfung hauptsächlich Möbelstücke drechselten, die sie sich auch in die eigene Wohnung stellen könnten. Der Wohnungsbau der Zukunft hingegen wird viel zu wenigen ausgebildeten Händen aufgebürdet, dafür sprechen die lediglich drei Gesellen, die der Bauinnungsobermeister Wolfgang Reischl freisprach. Die drei Nachwuchskräfte werden der Branche aber erst einmal erhalten bleiben. Christina Stattmann, Innungsbeste der Friseure, sagte, dass sie einen kleinen und gemütlichen Betrieb in Dachau gründen wolle. Es war nicht nur der Ausspruch von Dachs ("Ich spreche euch hiermit von euren Lehrpflichten frei"), der die Rhetorik des Abends bestimmte. Die handwerkliche Wirtschaftsmacht, "die erste Säule der Gesellschaft", wie Dachs sagte, werde immer schlanker und der Fachkräftemangel verschärfe sich. Der ausgelernte Nachwuchs ist sich oft noch unsicher, ob das Handwerk die berufliche Endstation sein soll. Viele arbeiten ein Jahr in ihrem Lehrbetrieb, um für das nächste Abenteuer zu sparen, gehen dann aber auf weiterführende Schulen oder beginnen ein Studium. Nur wenige machen einen Meister oder gründen selbst einen Betrieb. Landrat Stefan Löwl (CSU) wies auf die 628 ausbildenden Betriebe hin, die im Landkreis vertreten sind: "Das sind immerhin schon 34 mehr als 2017." Außerdem seien 21 Prozent der Beschäftigten im Landkreis im Handwerk tätig.

Im Blick hat Löwl aber auch den Trend, dass viele Betriebe zwar ausbilden wollen, es jedoch schwer haben, junge Leute zu finden. Der Landrat appellierte daran, dass die Tradition des Handwerks weitergetragen werden müsse, vor allem von der neuen Generation. Die 20-Jährige Sophie Braumiller ist so eine junge Hoffnung für das Metzgerhandwerk. Als eine von zwei Innungsbesten schloss sie ihre Ausbildung in der Metzgerei Braun ab. Von einer Männerdomäne will sie nichts wissen. "Mich interessiert das Metzgerhandwerk tatsächlich, das hat es schon von klein auf", erzählt Braumiller. Viele Frauen würden von Anfang an eine Ausbildung im Verkauf favorisieren, sie habe aber die Herstellung interessiert. Der Verkauf ist traditionell keine Männerdomäne, auch dieses Jahr standen auf der Bühne fünf junge Damen im Dirndl und neben ihnen nur ein junger Mann. Da der Nachwuchsmangel vor allem in der Produktion schwer ins Gewicht fällt, wird im Metzgerberuf inzwischen auf Gesellenpflichtjahre verzichtet. Sophie Braumiller beginnt also direkt im Anschluss ihren Meister. In drei Monaten, wenn sie gerade einmal 20 Jahre alt ist, wird sie sich Metzgermeisterin nennen dürfen. Der Gründung eines eigenen Betriebes steht dann nichts mehr im Wege. Erst einmal möchte sie jedoch noch Erfahrungen im Betrieb der Eltern sammeln. "Festgenagelt habe ich mich aber auf nichts", sagt Braumiller.

Rundfunkmoderator Matthias Koch, der durch den Abend führte, fragte die Gesellen aller Innungen nach ihrer Motivation hinter dem Beruf, den sie nun drei Jahre gelernt haben. Die Antwort konnte man sich leicht merken: es ist die Wertschätzung der Kunden. "Ihr werdet eine große Wertschätzung im Berufsalltag erfahren, da eure Arbeit konkret ist", versprach der Dachauer Oberbürgermeister Florian Hartmann in seiner Ansprache an die Junggesellen.

Diese Anerkennung der Kunden hat auch Céline Schwahn dazu bewogen, ihre Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau doch noch abzuschließen. "Ich habe gemerkt, dass es nicht mein Beruf ist, aber wegen der Kunden habe ich durchgezogen", erzählt die 18-Jährige aus Dachau. Die Arbeit habe ihr Spaß gemacht, weil die Kunden ihretwegen zum Einkaufen in das Rewe-Center in der Koperniskusstraße kamen. Céline Schwahn muss ein ausdauerndes Lächeln besitzen, bis zum Schluss hat sie sich auch privat mit Kunden unterhalten. Dieser regelmäßige und freundliche Kontakt war der Hauptgrund dafür, dass sie ihre eigentlich ungeliebte Ausbildung erfolgreich beendet hat. "Jetzt fange ich eine neue Ausbildung im Büromanagement an und möchte danach meine Betriebswirtin machen", sagt sie und wirkt ganz gespannt vor dem nächsten großen Schritt, den sie in einem Alter antritt, in dem andere noch die Schulbank drücken. Mit der ersten Ausbildung in der Tasche kann sie die bevorstehende Lehrzeit verkürzen. Dass sie mit einem Abschluss von 1,0 auch den Hermann-Huber-Gedächtnispreis auf der Bühne in Empfang nehmen würde, darüber machte sich Schwahn keine Gedanken, als sie im Zuschauerraum neben ihrer Mutter saß. Auch Büromanagementkauffrau Katharina Steiner und Kfz-Mechatroniker Andreas Schenkel gewannen den Preis für Bestnoten. Der Preis wird bei der Freisprechung jährlich an Absolventen vergeben, die mit einem Notendurchschnitt von unter 1,5 abschließen. Die Bundestagsabgeordnete Katrin Staffler (CSU), die es trotz Wahlkampf zur Veranstaltung schaffte, spendiert den drei Gewinnern wie jedes Jahr eine Reise nach Berlin. Die große Reise der frisch freigesprochenen Gesellen ist jedoch noch längst nicht vorbei. "Trotz moderner Zeiten könnt ihr nicht vom stetigen Lernen freigesprochen werden", sagte Oberbürgermeister Hartmann, der den Absolventen aber vor allem nette Kollegen im späteren Berufsalltag wünschte. Und es besteht kein Zweifel: ein jeder von ihnen wird im Handwerk gebraucht.

Dachs ruft das Publikum am Ende noch zum Gang an die Wahlurnen bei den Landtagswahlen am 14. Oktober auf: "Denn wer nicht wählen geht, wählt garantiert den Falschen." Auch das Handwerk braucht schließlich die Unterstützung der Politik.

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Quelle:
SZ vom 20.09.2018
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